V-Mann-Porträt: Marcel Degner

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Viel konnten oder wollten die Zeugen vor dem Thüringer NSU- über Marcel Degner nicht sagen und so erscheint er als Randfigur der Szene. Doch für den Geheimdienst war er eine Spitzenquelle im Netz von »Blood & Honour«.

Von Sören Frerks, zuerst erschienen in der rechte rand, Heft 150

Er sei eine »Spitzenquelle aus dem Bereich ›Blood & Honour‹ in Ostthüringen« gewesen und habe sich zu einer Führungsfigur des mittlerweile verbotenen Netzwerks entwickelt, so steht es im Abschlussbericht des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses (UA). Dennoch habe Marcel Degner nur zwei Hinweise auf das NSU-Trio gegeben und die Untergetauchten nicht persönlich gekannt. Mit Blick auf die Akten ein obskures Aussagengewirr. Denn Degner machte innerhalb des »Blood & Honour«-Netzwerkes () eine steile Karriere. Im Juli 1994 organisierte er eine Busfahrt von Skinheads nach Buchenwald, wo diese randalierten. Weitere Ermittlungen gegen Degner folgten wegen Landfriedensbruchs, Beleidigung, Verwendens und Erwerbs von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. In einem Polizeivermerk vom Juni 1996 wurde notiert, dass er »sich auf das Organisieren von Skinhead-Konzerten spezialisiert« hatte; im selben Monat veranstaltete er zwei Konzerte in Gera und Penig bei Chemnitz, letzteres gemeinsam mit Ralf »Manole« Marschner. Im Jahr darauf kam es zu einem rasanten Aufbau von B&H. Marcel Degner wurde zum Chef der neugegründeten Thüringer Sektion und zum Bundeskassenwart. Außerdem entstand in Thüringen der deutsche Ableger der B&H-Jugendorganisation »White Youth« (WY), deren Mitglieder wie Degner vor allem aus Gera kamen; Mike Bär und der Sänger der NS-Black Metal Band »«, Jens Fröhlich, gehörten zur Führungsriege. an, doch dieser lehnte ab, da die drei »jobben« würden – in Wirklichkeit hatten sie zu diesem Zeitpunkt schon zwei Banken in Chemnitz ausgeraubt. Degner wusste demnach sehr genau, wer mit den Untergetauchten Kontakt hatte und meldete dies an das TLfV. Schon im September 1998 hatte er berichtet, dass Beate Zschäpe mit Starke liiert war und bei einem Konzert im Treffpunkt des »Thüringer Heimatschutzes« in Heilsberg 700 DM Spenden gesammelt wurden. Trotzdem passierte nichts, denn das TLfV gab die Information nicht an das Bundesamt weiter.

Führungsperson

Wenige Monate zuvor heuerte das »Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz« (TLfV) Degner als Spitzel an und hielt trotz seines Aufstiegs zur Führungsperson an ihm fest, obwohl dies beispielsweise im »Leitfaden Beschaffung« der »Schule für Verfassungsschutz« aus dem Jahr 1991 untersagt war. Bei seiner Befragung vor dem UA wollte sich der ehemalige TLfV-Vizepräsident, Peter Nocken, zunächst ausschweigen und lamentierte am Ende, die Thüringer B&H-Sektion sei marginal und Degner nur einer von vielen Kadern gewesen. Doch wirklich unbedeutend konnte der Spitzel mit dem Spitznamen »Riese« nicht sein, denn es kam insgesamt zu etwa 150 wöchentlichen Treffen mit ihm, bei denen jeweils 300 bis 500 DM flossen.

Während Degners VS-Tätigkeit organisierte das B&H-Netzwerk weitere Konzerte und breitete sich ungestört aus. In Pölzig und Roben bei Gera gab es 1998 mindestens vier Veranstaltungen. Allein am 19. September reisten 800 Neonazis zu einem Gedenkkonzert für den B&H-Gründer an, nachdem dieses in der Schweiz verboten und in die ostthüringische Stadt verlegt wurde. Am 13. November 1999 initiierte Degner gemeinsam mit der B&H-Sektion Brandenburg ein Konzert in Schorba bei Jena. Unter den 1.200 anwesenden Neonazis waren auch Thomas Starke und . An jenem Abend bot Degner dem ebenfalls als V-Mann tätigen Starke mehrere tausend DM für das NSU-Trio.

Verbot von »Blood & Honour«

Bis zuletzt hielt der Thüringer Geheimdienst an Degner fest – ein regelwidriges Vorgehen wie der UA feststellte. Umso erstaunlicher, dass die »durchaus zuverlässige Quelle« nach dem Abgang des TLfV-Präsidenten, , im August 2000 ohne Begründung urplötzlich »abgeschaltet«, den V-Mann-Führern ein Kontaktverbot erteilt und sogar das jeweilige Diensthandy konfisziert wurde. Just zur selben Zeit, in der das Bundesinnenministerium die B&H-Division Deutschland verboten hatte. Am 12. September 2000 durchsuchte die Polizei bundesweit Wohnungen von Mitgliedern des Netzwerks – auch die von Degner, der im Verbotsbescheid gleich an zweiter Stelle stand. Doch die Beamten fanden nichts Verwertbares.

Warnung vom Amt?

Seither hält sich der Vorwurf gegen Nocken – der zwischenzeitlich bis Oktober 2000 die TLfV-Leitung übernahm – er persönlich habe »Riese« gewarnt. Denn kurz vor der Razzia sagte er spontan einen Termin in Berlin ab, offiziell wegen einer Dienstreise zur Staatsanwaltschaft in Gera. Im Mai 2001 berichtete die »Thüringische Landeszeitung« dann aus Geheimdienstkreisen, ein anderer »Mitarbeiter des Referats Rechtsextremismus« sei das Leck gewesen – die Wahrheit oder eine gezielte Information aus dem TLfV, um Nocken zu decken? Es bleibt die viel diskutierte Frage, ob der Thüringer Geheimdienst Degner und andere V-Leute gezielt als Führungskader aufbaute und dies nun vertuschen wollte. Die Erfurter Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen wegen Geheimnisverrats im April 2002 mangels Tatverdachts ein. Ein Jahr darauf bemerkte ein Mitarbeiter im Landesamt, dass alle Berichte über die Treffen mit Degner, Tarnname »Hagel«, auf unerklärliche Weise verschwunden waren. Das TLfV schweigt sich darüber aus; bis heute existiert nur eine Stellungnahme mit dem Vermerk »Geheime Verschlusssache«.
Brisant bleiben die fehlenden Akten allemal, denn im Zusammenhang mit Degner wurde nicht zuletzt die bewaffnete B&H-Terrororganisation »Combat 18« erwähnt. In seinem Abschlussbericht plädiert der UA jetzt dafür, die Verbindung des VS-Spitzels zum »Kerntrio des NSU näher zu erörtern«.