„Einige denken, dass sie mit uns abschließen können, aber wir werden immer da sein.“

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Vor 25 Jahren, am 23.11.1992, wurde in das Haus der Familie Arslan von Neonazis mit Molotov-Cocktails angezündet. Die 10-jährige Yeliz Arslan, die 14-jährige Ayşe Yilmaz und die 51-jährige Bahide Arslan starben bei dem rassistischen Brandanschlag. Weitere Familienmitglieder wurden teilweise schwer verletzt. Die Familie Arslan kämpft seit Jahren gegenüber der Stadt Mölln um ihre Forderungen. Eine der Forderungen war die Möllner Rede, deren Redner*innen die Familie selbst aussucht. Vier Jahre war die Möllner Rede ein Bestandteil der offiziellen Gedenkveranstaltungen in Mölln. 2013 wurde die Rede, „die immer eine kritische Bestandsaufnahme zum gesellschaftlichen und Neofaschismus darstellt“, aus dem Programm der Stadt gestrichen. Seitdem findet die Möllner Rede im Exil statt. Am 19. November wird die Möllner Rede im Exil in Berlin gehalten, mitorganisiert von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş. Dieses Jahr ist als Rednerin die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano eingeladen.
Caro Keller sprach für
-Watch mit Ibrahim Arslan, er ist Überlebender des Brandanschlags.

NSU-Watch: Dieses Jahr ist der 25. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags auf euer Haus in Mölln. Diese „runden Jahrestage“ werden medial immer besonders hervorgehoben. Ist auch für euch etwas anders oder besonderes daran?

Ibrahim Arslan: Eigentlich ist für uns jedes Jahr besonders und auch nicht der Gedenktag selber sondern das ganze Jahr über. Weil wir ja, die direkt Betroffenen, jeden Tag mit dem umgehen und jeden Tag diese Last mitschleppen müssen, diese schwere Last des Erinnerns, diese schwere Last des Überlebens. Wir sind auch zum Überleben verurteilt worden. Deswegen ist für uns der Tag eigentlich wie jeder andere Tag. Nur ein bisschen belastender, weil wir uns mit vielen Leuten auseinandersetzen müssen. Wir müssen in viele Diskussionen gehen und müssen erst einmal erklären, warum man eine Gedenkveranstaltung überhaupt macht.

NSU-Watch: Ihr kritisiert seit Jahren den Umgang der Stadt Mölln mit dem Gedenken an die rassistischen Brandanschläge, auch sehr öffentlich. Ihr macht deutlich, wie die Bedürfnisse und Forderungen von euch als direkt Betroffene immer wieder in den Hintergrund gedrängt oder missachtet wurden. Wie hat sich euer Verhältnis zur Stadt Mölln inzwischen entwickelt?

Arslan: Ich denke schon, dass sich da etwas verändert. Ich kriege aber nur wenig davon mit, weil mich ehrlich gesagt nicht interessiert, was da abgeht. Mich interessiert, was die solidarischen Menschen in der Gesamtrepublik machen. Ob sie sich solidarisieren mit den Betroffenen oder mit den Tätern oder mit einer Inszenierung. Wenn die Stadt Mölln irgendwann eine respektvolle Gedenkveranstaltung macht, dann könnte ich mir vorstellen, dass ich mir das anschaue und gucke, ob unseren Appellen, die wir seit Jahren machen, wie eine respektvolle Gedenkveranstaltung auszusehen hat, nachgekommen wird. Dann kann man natürlich gucken, ob man sich wieder mit denen an einen Tisch setzt. Aber zur Zeit sieht es so aus, dass wir uns in keine Weise an einem Tisch einigen würden. Solange einige Politiker nicht sich selbst eingestehen, dass sie hinter oder neben den Betroffenen und nicht vor ihnen stehen müssen, dann wird es keine Einigung geben.

NSU-Watch: Ein Punkt, an dem eine gesellschaftliche Solidarisierung deutlich wurde, war in diesem Jahr das NSU-Tribunal, wie hast du dieses erlebt?

Arslan: Das war hervorragend, also diese Solidarität in der Gesamtgesellschaft finde ich gut. Das passiert aber auch nur, wenn die Betroffenen über die Geschehnisse sprechen und die Leute auffordern, solidarisch zu werden. Beim Tribunal haben wir das ja gesehen, da haben über 3000 Leute teilgenommen, allein als Zuschauer. Viele Betroffene waren da, die sich untereinander vernetzt haben. Sie haben über ihre Erlebnisse gesprochen, auch Betroffene, die davor noch nie gesprochen haben. Das zeigt mir einfach nur, dass wir versuchen, dadurch eine neue, eine gute Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, in der die Betroffenen auch eine Rolle spielen.

NSU-Watch: Vor Jahren ist die Möllner Rede ins Exil gegangen und findet in unterschiedlichen Städten im Kooperation mit verschiedenen Initiativen statt. In diesem Jahr wird die Gedenkveranstaltung, organisiert von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş, in stattfinden. Was ist konkret geplant?

Arslan: In diesem Jahr wird Esther Bejarano die Rede halten. Wir wünschen uns, dass wir dadurch eine größere Opfervernetzung starten. Die Möllner Rede im Exil wird ja dieses Jahr von der Burak Bektaş Initiative organisiert. Wir haben uns damals mit der Familie Bektaş sofort solidarisiert, als wir gehört haben, dass Burak Bektaş ermordet wurde. Wir haben bewusst auch Opfer des NSU und anderer rassistischer Gewalttaten eingeladen zur Möllner Rede im Exil und zur Gedenkveranstaltung in Mölln, auch um der Gesellschaft und der Regierung in Mölln zu zeigen: Es gibt eine Opfervernetzung, die Betroffenen haben ein Bedürfnis. Das Bedürfnis ist, dass sie nicht in Vergessenheit geraten wollen und das egal an welchem Tag und egal an welchem Ort.

NSU-Watch: Was heißt es für euch, dass die Möllner Rede am 25. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags in Berlin stattfinden wird in Kooperation mit der Burak Bektaş Initiative?

Arslan: Dass die Möllner Rede dieses mal in Berlin stattfindet, ist für uns eine große Ehre. Wir möchten natürlich mit dieser Möllner Rede im Exil die Gesellschaft, die Politik, die Polizei auffordern, die Mörder von Burak zu finden. Der läuft ja immer noch auf offener Straße herum und plant höchstwahrscheinlich seinen nächsten Mord. Oder es ist der gleiche Täter wie bei Luke Holland, wir wissen es nicht. Wir und die Familie wollen eine Gewissheit haben und da würde ich mir wünschen, dass die Möllner Rede im Exil einen Beitrag dazu leistet.

NSU-Watch: Was bedeutet die Zusage von Esther Bejarano die Möllner Rede im Exil zu halten für dich?

Arslan: Das bedeutet mir extrem viel. Wir versuchen immer wieder, der Gesellschaft zu zeigen: Wie mit Betroffenen umgegangen wird, hat sich seit dem Holocaust nicht verändert. Wie mit ihren Forderungen, mit ihren Entschädigungen und mit ihrer Würde umgegangen wird, hat sich nicht verändert. Wir möchten auch die Kontinuitäten des Rassismus zeigen. Esther Bejarano ist eine Holocaust-Überlebende genauso wie Argyris Sfountouris, der das SS-Massaker von Distomo überlebt hat. Er hat vorletztes Jahr die Möllner Rede im Exil gehalten. Es ist für uns auch extrem besonders, dass wir diese Verbindung zwischen Holocaust und jetzt schaffen. Wir wollen zeigen, dass uns dieses Schicksal nicht nur zusammengeführt hat, sondern uns auch unzertrennbar macht in dem Kampf gegen Rassismus und Faschismus.

NSU-Watch: In jedem Jahr macht ihr auch eine Gedenkveranstaltung in Mölln selbst. Jedes Jahr gibt es noch eine weitere Gedenkveranstaltung der Stadt Mölln. Diese finden meist nacheinander statt. Wie wird das dieses Jahr aussehen?

Arslan: Unsere Gedenkveranstaltung in Mölln ist ja nicht so groß geplant. Es ist jedes Jahr das gleiche: Mahnwache vor dem Haus und Solidarität. Dieses Jahr ist unser Motto: „Wir werden immer da sein“. Einige denken, dass sie mit uns abschließen können und dass sie die Geschichte unter den Teppich kehren können. Aber die Betroffenen werden immer da sein und immer gedenken. Wenn die Betroffenen da sind, dann wünschen sie sich auch die solidarischen Menschen mit sich. Das klappt auch hervorragend und das werden wir dieses Jahr auch machen. Deswegen sage ich bewusst, wir haben nichts geplant, wir gehen immer unvoreingenommen dorthin und wir fordern die Solidarität der Gesellschaft. Es ist immer ist es so, dass unsere Gedenkveranstaltung mehr besucht ist, als die von der Stadt Mölln und das zeigt ja auch, dass die Betroffenenperspektive die eigentliche Perspektive ist.

Weitere Informationen zur Möllner Rede im Exil sind hier zu finden.

Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş.