Mädelsabend, Metal-Stammtisch und Kinderspielplatz – 2. NSU-Prozess – Bericht zum 9. Verhandlungstag, 17. Dezember 2025

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Eingang zum Amtsgericht und zum Landgericht Dresden

Am 9. Verhandlungstag sagten im 2. NSU-Prozess Zeug*innen aus dem Umfeld der Angeklagten Susann Eminger und ihres Mannes André aus. Sie gaben durchweg an, sich nicht gut zu erinnern und mit den Emingers nicht oder kaum über den NSU, die Hausdurchsuchungen oder die Inhaftierung André Emingers gesprochen zu haben.

Zeug*innen:

  • Doreen B. (Nachbarin, Umfeld der Familie Eminger)
  • Susanne H. (Nachbarin, Umfeld der Familie Eminger)
  • Markus P. (Nachbar, Umfeld der Familie Eminger)
  • Stefanie S. (Nachbarin, Umfeld der Familie Eminger)
  • Manuel W. (Nachbar, Umfeld der Familie Eminger)

Der Strafprozess gegen Susann Eminger wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zu einer schweren räuberischen Erpressung mit Waffen findet heute nicht im Prozessgebäude des Oberlandesgerichtes Dresden statt, sondern in einem deutlich kleineren, im Souterrain gelegenen Saal des Landgerichtes Dresden.

Die erste heute gehörte Zeugin, Doreen B., wohnte in der Nachbarschaft der Familie Eminger und gibt an, mit Susann Eminger befreundet zu sein. Man habe sich zunächst vor allem wegen der Kinder, die etwa gleich alt waren, getroffen, sei zusammen auf Spielplätzen gewesen. B. bezeichnet die Angeklagte als „offen, quirlig, laut“; es sei „einfach einfach“ mit ihr. Auf Nachfrage bejaht die Zeugin, dass man sich auf Susann Eminger verlassen könne. Die Vorsitzende Richterin Herberger fragt auch nach der Charakterisierung als laut. B.: „Ja, sie hat eine laute Aussprache und redet halt auch gern.“ Später habe es, „meistens freitags“, einen „Mädelsabend“ gegeben, an dem auch Eminger regelmäßig teilnahm.

Auf die Frage, ob sie mit Eminger über Politik gesprochen habe, sagt B.: „Nee, also irgendwelche schweren Themen eigentlich nicht, es war eigentlich immer alles einfach.“ Wie die Angeklagte politisch getickt habe, das sei „so was, wo ich mir keine Gedanken mache“. Auf Fragen nach der Kleidung und einer möglichen Szenezugehörigkeit von Susann Eminger spricht B. davon, dass sie schwarz gekleidet und „halt dunkel“ gewesen sei. Sie selber sei eher Rockabilly gewesen, so B., Susann Emingers Musik „schon ein bisschen mehr Gekrache“ gewesen.

B. war auch mehrfach in der Wohnung der Emingers. Sie durfte zwar in jeden Raum der Wohnung der Emingers, auch in das Schlafzimmer. Die große Schwarze Sonne, ein von historischen wie aktuellen Nazis genutztes Symbol, über dem Bett will sie jedoch nicht wahrgenommen haben: „Ich gehe ja nicht durch die Wohnung und schaue mir alles haarklein an.“ Herberger: „Und Sie sagen wahrheitsgemäß aus?“ B.: „Ja.“ Wie alle folgenden Zeug*innen an diesem Tag gibt B. auch als ihr Bilder von der Schwarzen Sonne im Schlafzimmer oder der Zeichung mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und dem Schriftzug „Unvergessen“ im Wohnzimmer der Wohnung gezeigt werden, an, das nicht wahrgenommen zu haben.

Als sie vom NSU erfahren habe, so die Zeugin auf Frage der Vorsitzenden, habe sie gedacht: „Die Straße kennste doch, das Haus kennste, die Wohnung kennste doch.“ Zunächst ist unklar, ob die Zeugin damit vielleicht die Wohnung des NSU-Kerntrios meint, es stellt sich aber heraus, dass sie die Wohnung der Emingers in der Adam-Ries-Straße meint und auf deren Durchsuchung durch das BKA anspielt. Nach dieser Durchsuchung habe Susann Eminger sie zwar angerufen, über die Durchsuchung habe man aber „nicht groß gesprochen“, nur dass „halt Durchsuchung war“, so B.
Richterin Herberger insistiert, betont immer wieder in verschiedenen Worten wie ungewöhnlich derartige Ereignisse sind und wie unwahrscheinlich es ist, dass man nicht darüber redet. B. sagt , über solche Themen habe man nicht gesprochen, man könne „bestimmte Themen beiseite rücken“. Sie spricht auf Nachfrage, um was es denn bei der Durchsuchung gegangen sei, davon, dass die Emingers oder der André „in irgendwas verstrickt“ seien, dass „da was passiert ist“, dass „der André nach München muss“.

Ihr Ex-Freund habe Susann Eminger mal nach München, wo André Eminger inhaftiert war, gefahren, berichtet B. Ansonsten geht es bei der Befragung der Zeugin aber im bereits bekannten Stil weiter: Über die Inhaftierung André Emingers habe man „wahrscheinlich mal geredet“, das sei aber so lange her. Auch an eine Ehekrise bei Emingers erinnere sie sich nicht, es sei ja alles „ganz dolle lange her“. Eine rechte Gesinnung habe sie bei den Emingers nicht ausgemacht, so B. Das „Die, Jew, Die“-Tattoo von André Eminger habe sie nicht gesehen, sie habe nicht so genau hingeschaut. Das müsse „jeder selbst wissen“.

Beim Umzug der Emingers nach der Durchsuchung 2011 habe sie geholfen, so B. Susann Eminger habe ein schwarzes Fahrzeug gehabt, so B. auf Frage der Vorsitzenden. B. verneint, dass ihr die Personen, die im Zusammenhang mit dem NSU bekannt wurden, vorher schon mal bekannt geworden seien. Auch die Namen „Liese“, „Max“ und „Gerry“ würden ihr nichts sagen, sie habe auch nicht mitbekommen, dass ihre Freundin Susann Kontakt zu denen hatte. Herberger: „Wie erklären Sie sich, dass es an Ihnen vorbeigegangen ist?“ B.: „Wir waren ja nicht von frühs bis spät zusammen.“ Explizit nach Beate Zschäpe gefragt, verneint die Zeugin, diese vorher mal gesehen zu haben. Herberger: „In Zusammenhang mit Susann Eminger, bei irgendeinem Treffen in einer Bar oder so?“ B.: „Nein.“ Herberger: „Sicher?“ B.: „Bin ich mir nicht sicher. Aber ich laufe auch an Leuten vorbei, bin auch an Frau Eminger vorbei gelaufen und habe sie nicht erkannt.“ Gefragt nach dem Namen Patrick Gö. sagt B., dass ihr der Name nichts sage, einen Typen mit langen Haaren habe es aber gegeben: „Der war glaube ich immer mal da.“

Oberstaatsanwalt Barrot konfrontierte diese Zeugin im Rahmen seiner Befragung damit, dass er ihr schlicht nicht glaube, dass sie sich nicht erinnern könne, mit Susann Eminger zum Beispiel über die letztinstanzliche Entscheidung des BGH zu André Eminger gesprochen zu haben. B.: „Ich habe sie sicher gefragt und sie wird es erklärt haben. Das Thema ist für mich nicht wichtig.“ Sie wisse nicht, was Susann Eminger gesagt habe: „Ich sage es Ihnen nochmal: Ich weiß es nicht.“ Barrot: „Und ich sage Ihnen nochmal: Ich glaube Ihnen das nicht. Das kann Ihnen Probleme machen, das wissen Sie?“ B.: „Ja.“

Ähnlich wie bei Zeugin B. ging es bei der zweiten Zeugin, Susanne H., weiter. Sie gab an, sie sei mit der Angeklagten „weitläufig bekannt“. Auch hier sind laut Zeugin die Kinder das zentrale Thema gewesen. Die Zeugin H. nahm ebenfalls an den „Mädelsabenden“ teil. Zeugin H. sagt aus: „Über Politik haben wir nie gesprochen. Liegt vielleicht auch an mir, weil interessiert mich nicht.“

H. berichtet, sie sei am 4. November 2011, dem Tag der Explosion der letzten Wohnung des NSU-Kerntrios in der Zwickauer Frühlingsstraße, kurz nach dem Ereignis von einer Freundin angerufen und nach der Adresse von Susann Eminger gefragt worden. Sie habe die Adresse übers Telefon durchgegeben. Laut der Freundin habe die Polizei danach gefragt, so H. Herberger entgegnet, dass es ja ungewöhnlich sei, dass die Polizei nach der Adresse einer Freundin fragt. Herberger hält der Zeugin vor, dass diese damals ausgesagt habe, dass sie am selben Tag noch bei Susann Eminger angerufen habe, die fassungslos gewesen sei. H.: „Wird dann so gewesen sein.“ Sie habe Susann Eminger weder gefragt, warum die Polizei die Adresse haben wollte, noch jemals mit ihr darüber gesprochen, so H. weiter. Auch über die Inhaftierung André Emingers habe man nicht gesprochen: „Was soll ich da reden, ich habe es ja gesehen?“ Die Zeugin unterstützte Susann Eminger nach der Inhaftierung: „Ich habe die Kinder aufgenommen, wenn sie bei ihrem Mann war.“

Von der Zeugin H. gibt es ein Foto von einem Fest, auf dem neben ihr unter anderem Susann Eminger und auch Beate Zschäpe zu sehen sind. Das Foto wurde im Brandschutt der Wohnung in der Frühlingsstraße gefunden. H. sagt zu dem Foto, das sei das einzige Mal gewesen, dass sie Zschäpe gesehen habe: „Die saß mit am Tisch, war mit Frau Eminger da.“ Zschäpe sei ihr damals als „Susann“ vorgestellt worden.

Der nächste Zeuge, Markus P., war ebenfalls Nachbar der Emingers, mit denen es, so der Zeuge, eine „Bekanntschaft“ gegeben habe. Der Zeuge arbeitete laut eigener Aussage als Student zweimal auf den gleichen Baustellen wie André Eminger. Er spricht von gemeinsamen musikalischen Interessen mit den Emingers, er selber sei „eingefleischter Metal-Fan“. In seiner polizeilichen Vernehmung konnte P. noch etwas über die politische Gesinnung der Emingers aussagen, heute spricht er davon, die Emingers seien eine „normale Familie“ gewesen.

Herberger hält ihm vor, dass er bei der Polizei angegeben habe, „den André“ bei einem Open-Air-Festival in Gößnitz mit freiem Oberkörper und da auch dessen Tätowierungen gesehen zu haben. Von der Tätowierung „Die, Jew, Die“ auf Emingers Oberkörper will P. aber „neulich erst in den Medien“ erfahren haben: „Das war ja vor 2012, weiß ich nicht mehr.“ Herberger hält auch vor, dass P. bei der Polizei angegeben habe, dass ihm außerdem die Schwarze Sonne aufgefallen sei, die in der braunen Metal-Szene ja ein Symbol sei und im Ordensaal der Wewelsburg in den Boden eingearbeitet sei. P. sagt dazu heute: „Das weiß ich, ich bin stark historisch interessiert.“ Herberger: „In Verbindung mit Herrn Eminger können Sie die Schwarze Sonne nicht bringen?“ P.: „Nein.“

P. betrieb laut eigener Aussage ein Online-Magazin über Heavy Metal. In seiner polizeilichen Vernehmung hatte P. angegeben, dass dieses Magazin „Gegenarbeit“ leisten solle. Auf Nachfrage nach dieser Formulierung sagt P. heute, dass sich das Fanzine, dagegen gewandt habe, dass die Metal-Szene von der „politisch extremen Szene, egal ob von links oder von rechts unterwandert“ wird und da habe „man informiert“.

André und Susann Eminger habe er auf Festivals in der Region getroffen; die Emingers hätten am Metal-„Stammtisch“ des Zeugen teilgenommen. Dort habe man einmal (nach der Selbstenttarnung des NSU) im laufenden Fernseher eine „Spiegel TV“-Reportage über André Eminger gesehen. Dieser habe, so P., auf die Reportage „erstaunt“ reagiert. P.: „Ich kann nicht mehr genau sagen, ob ich ihn tatsächlich konfrontiert habe, und warum ich das hätte tun sollen.“ Sie hätten das zur Kenntnis genommen, so P., aber es sei ihnen bekannt gewesen, dass die Medien „unabhängig auch von dieser NSU-Geschichte jegliche Dinge aufbauschen“. Er könne „die Gefühle, die ich hatte, nicht mehr reflektieren und auch die von Herrn Eminger nicht.“ Herberger hält P. seine frühere Aussage vor, dass er sich im Prinzip „hauptsächlich über die Art der Reportage aufgeregt“ habe, aber er Eminger wahrscheinlich gefragt habe, was es mit den Vorwürfen auf sich hat, und er sich sicher sei, dass dieser die Sache abstritt. P. heute dazu: „Klingt für mich logisch, dass er es wahrscheinlich getan hat. Kann ich heute nicht mehr erinnern. Damals war es nur ein paar Wochen her.“ Auf den Vorhalt hin, dass er bei der Polizei gesagt habe, er wolle betonen, dass er André vertraut habe und dies auch immer noch tue, sagt P.: „Tue ich ehrlich gesagt auch heute noch, auch wenn ich ihn ewig nicht gesehen habe.“ Den letzten Kontakt zu Emingers habe er 2019/20 gehabt, so P., da habe ihm André Eminger berichtet, dass er in einem Aussteigerprogramm sei.

Obwohl P. angab, wegen gesundheitlicher Probleme keine gute Erinnerung zu haben, konnte er sich im Vergleich zu den anderen Zeug*innen noch an relativ viel erinnern. Doch auch er gibt auf Fragen immer wieder an, sich nicht erinnern zu können. Er habe, so behauptet P., nicht mit den Emingers über den NSU geredet. Und das obwohl er Susann Eminger einmal nach München zur Untersuchungshaftanstalt fuhr, in der ihr Mann einsaß, und diesen zusammen mit ihr besuchte. Er wisse aber nicht mehr, was man auf Hin- und Rückfahrt besprochen habe, so P. auf Nachfrage.

Die nächste Zeugin, Stefanie S., gibt an, Susann Eminger mit 16 Jahren kennengelernt zu haben. Früher sei man zusammen auf Konzerten und Partys gewesen, später sei man dann mit den Kindern spazieren gewesen und auf Spielplätzen. Die Angeklagte ist laut Zeugin „eigentlich ein ganz normaler Bürger“. Am Anfang sei es eher eine „Mädchenfreundschaft“ gewesen, später hätten sich auch ihr Lebenspartner W. und André Eminger gut verstanden. Sie habe, so S., bei Susann Eminger keine rechten Tendenzen festgestellt. Bei André Eminger dagegen habe es Hinweise auf eine rechte Gesinnung gegeben: „Der Klamottenstil würde ich sagen.“ Die Zeugin sagt auf Frage, wie ihre eigene politische Gesinnung gewesen sei: „Auch rechts gesinnt.“ Herberger: „Das passte zusammen mit den Emingers?“ S.: „Genau.“

André Emingers Tätowierungen habe sie sich nicht angeguckt, so S. weiter. Auch diese Zeugin spricht davon, nicht mit der Angeklagten über den NSU, die Durchsuchung von deren Wohnung oder die Inhaftierung von André Eminger gesprochen zu haben. Auf Frage der Richterin, ob sie wirklich so unbeeindruckt von allem sei, wie sie tue, sagt S.: „Ich habe damit ja nichts zu tun, wieso soll ich mich damit auseinandersetzen? Ich muss ja auch an meine Familie denken.“

Als fünfter und letzter Zeuge des Tages sagte der Lebensgefährte von S., Manuel W., aus. Auch er sprach zunächst davon, dass er mit den Emingers „eigentlich nur“ wegen der Kinder Zeit verbracht hätte. Gefragt nach der politischen Gesinnung der Emingers antwortet W.: „Neutral“, das gelte auch für ihn selbst. Er habe mit André Eminger nach 2011 nie über die Vorwürfe gegen diesen gesprochen. Von der Durchsuchung habe er aus den Medien erfahren. Die Vorsitzende Richterin erinnert den Zeugen an seine Wahrheitspflicht und drohte mit einem Verfahren wegen Falschaussage: Der Zeuge habe 2012 in seiner polizeilichen Vernehmung angegeben: „Der André war stramm rechts“. Herberger hält dem Zeugen seine Aussage bei der Polizei vor, derzufolge André sich viel mit Geschichte „und dem ganzen Zeugs“ beschäftigt habe, und bis auf die „Judenvergasung“ alles ganz gut gefunden habe. Laut W.s früherer Aussage, sei André Eminger der Meinung gewesen, dass „Ausländer überhand“ nehmen: „Eigentlich weiß ich nicht, wie das gemeint war, bin aber der gleichen Meinung.“ Heute sagt W. dazu, er erinnere sich nicht mehr, was er 2012 bei der Polizei ausgesagt habe. Während seine Lebensgefährtin S. sagte, sie hätte nach der Durchsuchung Ende 2011 mit Emingers nichts mehr zu tun gehabt, sagt W., sie beide hätten bis 2016 Kontakt zu Emingers gehabt.

Mit der Vernehmung W.s endet auch der 9. Verhandlungstag im 2. NSU-Prozess.

(Text: scs; Redaktion: ck)