Protokoll 176. Verhandlungstag – 21. Januar 2015

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Am 176. Verhandlungstag wird die Befragung der Betroffenen des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße fortgesetzt. Wieder wird deutlich, welche Wirkung der Anschlag bis heute auf sie hat. Die Aussagen werfen auch ein Licht auf die Ermittlungen der Polizei, die die Betroffenen wie Täter befragte.

Zeug_innen:

  • [E] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [F] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [G] (Geschädigte des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [H] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [I] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [J] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • Dr. Hans Peter He. (Behandlung von [I] und [J])
  • [K] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • [L] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • Dr. Gerhard Mü. (Behandlung eines Geschädigten )

[Hinweis: Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichten wir auf die namentliche Nennung der Betroffenen des Anschlags in der Kölner Keupstraße. Die Angaben der Zeug_innen zu ihren körperlichen Verletzungen, psychischen Folgen und Behandlungen geben wir hier in einem zusammenfassenden Text wieder.]

Der Verhandlungstag beginnt um 9:56 Uhr. Anwesend sind erneut einige Nebenkläger_innen aus dem Tatkomplex Bombenanschlag in der Keupstraße sowie Gamze und Elif Kubaşık. Erster Zeuge ist [E]. Götzl sagt, es gehe um Ereignisse am 09.06.2004 in der Keupstraße, was sich zugetragen hat, inwiefern [E] betroffen war, [E] solle berichten. [E]: „Das tue ich gern. Ich bin also mit meinem Fahrrad unterwegs gewesen und hatte in Mülheim zu tun. Es war ein herrlicher Sommertag, Sonne, es war warm, und ich fuhr in die Keupstraße und zwar auf der rechten Straßenseite und, jetzt muss ich was gestehen, entgegengesetzt der Einbahnstraße. Ich sah Leute, die auf Stühlen saßen vor Häusern und Geschäften. Ich steuerte auf die Schanzenstraße zu und auf Höhe Frisörladen blickte ich nach links, weil dort einen Eisfahne hing und sich dort Personen befunden haben. Dann war ich auf der Höhe eines roten Gebäudes, was eine Druckerei ist. Und als ich dieses Gebäude verlassen hatte, hat es hinten rechts einen Knall gegeben, den ich nie vergessen werde. Also eine Explosion. Es rasselte und ich bekam Angst und einen furchtbaren Schmerz in meinen Ohren. Ich dachte, mein Trommelfell ist geplatzt, war ganz konsterniert und habe dann fluchtartig in Richtung Schanzenstraße den Tatort verlassen.“

Oben an der Schanzenstraße habe er sein Fahrrad abgestellt, so [E]. [E] weiter:“Ich hatte nur mit den Schmerzen in meinem Kopf zu tun.“ In Blitzeseile seien aus den Restaurants die Menschen herausgeströmt und seien ganz außer sich und aufgeregt gewesen: „Ich hatte nur mit mir selbst zu tun, mit meinem Schmerz, der unbegreiflich schlimm war.“ Kurze Zeit später, er könne es zeitlich nicht einordnen, seien Polizei, Feuerwehr und Sanitätsfahrzeuge da gewesen, die sich direkt in die Keupstraße rein bewegten, sagt [E] Als er am Ende der Keupstraße gestanden habe, habe er auch auf der Seite eine schwarze Limousine gesehen, die versucht habe aus der Keupstraße rückwärts rauszufahren. Er habe Kontakt aufgenommen mit der Leitstelle der Polizei und die hätten ihn an die Leitstelle der Feuerwehr verwiesen, wo er sich gemeldet habe, dass er Geschädigter sei. Von der Feuerwehr sei ein Omnibus zur Verfügung gestellt worden und er sei gebeten worden einzusteigen, da seien einige Mitgeschädigte gewesen.: „Ich hielt mich zurück da ich mit meinen Schmerzen zu tun hatte.“

Dann berichtet [E], dass er notfallmäßig in einer Klinik behandelt worden sei und ihn seine Frau gegen 18 Uhr von der Klinik abgeholt habe. [E] weiter: „Ich musste mich erstmal hinlegen und mich beruhigen. Nur meine Schmerzen, mein Kopf, die Sorgen, was eigentlich passiert war, Angst.“ Am nächsten Tag sei in Mülheim die Fronleichnamsprozession gewesen. Er sei mit seiner Frau zur Entspannung am Rhein entlang gegangen und auch zur Prozession. Er habe dann einen Tag später im Familienkreis nochmal die Geschichten berichten können. Am selben Tag habe er einen Anruf vom PP Köln bekommen, ein KOK, der ihm gesagt habe, er solle dann am Dienstag ins PP kommen zur Protokollierung: „Das habe ich getan und das ist ja auch festgehalten.“

Götzl fragt, wie sich das im praktischen Leben ausgewirkt habe. Dass man ständig mit diesen Dingen konfrontiert werde, in der Presse, in der Gesellschaft, so [E]. Auf Frageberichtet [E], dass er über den „Weißen Ring“ angemeldet gewesen sei zur psychologischen Behandlung, sich aber abgemeldet habe, weil die Psychologie in diesem Falle, universitätsmäßig, mit seinem Schicksal in der Keupstraße nichts zu tun gehabt habe, er habe sich gedacht, dass er selbst einen Weg finden müsse. Götzl fragt, ob [E] sonstige Verletzungen durch Nägel oder andere Gegenstände gehabt habe. [E] sagt, durch diese Gegenstände, die da herumgeflogen seien, auch in Richtung seines Fahrrads, habe er keine Schädigung bekommen. Er habe in die Pedale getreten, habe fluchtartig den Ort verlassen: „Aber einen solchen Knalleffekt hab ich in meinem Leben noch nicht erfahren. Das war einen 25 bis 30 m hohe Rauchwolke, die durch die Keupstraße zog.“ Götzl: „Ist Ihr Fahrrad getroffen worden?“ [E] sagt, er habe einen Einschlag auf der Felge gehabt.

NK-Vertreterin RAin Basay fragt, ob H. bei der Polizei auch DNA oder Fingerabdrücke abgegeben habe. Fingerabdrücke nicht, so [E], aber eine DNA-Analyse. Auf Frage, ob er einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz gestellt habe, sagt [E], er habe keinen Antrag gestellt, aber mit der Behörde in Verbindung gestanden. Es sei über den „Weißen Ring“ dazu gekommen und diesen Beleg habe er natürlich ausgefüllt, so [E] auf Frage. Er verneint, da Leistungen bezogen zu haben.
NK-Vertreter RA Westkamp sagt, [E] habe von einer Rauchwolke berichtet: „Haben Sie Gegenstände in der Nähe der Rauchwolke wahrgenommen?“ [E] sagt, er habe einen schwarzen Gegenstand mit da oben gesehen, der sei etwa 50 mal 80 cm groß gewesen. SV Mölle fragt, ob [E] im Moment der Explosion eine Druckwelle verspürt habe. [E]: „Kann ich nicht bestätigen, aber ich habe den Knall gespürt, der mich nach vorne getrieben hat.“

Es folgt der Zeuge [F], der mit seinem RA Sertsöz am Zeugentisch Platz nimmt. Er berichtet: „Damals war ja auch gutes Wetter, ich sitze meistens vor meinem Laden, in der Keupstraße, ich hatte einen Klappstuhl, einen Hocker, und warte auf Kunden.“ Er habe rechts und links geguckt, es seien Leute vorbei gekommen und dann seien zwei Bekannte von der linken Seite gekommen, Geschäftskollegen auf der Keupstraße. [F]: „Die haben mich gerade begrüßt, wir haben noch nicht angefangen uns zu unterhalten, dann ging dieser Knall los. Wir haben uns auf den Boden geschmissen, alle drei, wir wussten nicht was da los ist. Ich habe gedacht, es ist eine Gasflasche explodiert.“ Als er wieder etwas zu sich gekommen sei, habe er rechts und links geguckt, es seien Leute herumgelaufen und Blut habe da gelegen. Auf dem Boden habe er jede Menge Nägel gesehen. Nachher seien Krankenwagen gekommen und hätten sie, auch seine Kollegen, die verletzt gewesen seien, zum Krankenhaus gefahren. Götzl fragt nach den Verletzungen und [F] schildert, wie und wo er von den Nägeln getroffen wurde. Außerdem schildert er Beschwerden am Ohr, die bis heute anhalten.

Götzl: „Ist Ihnen damals, als Sie sich vor den Laden begeben haben, etwas aufgefallen, irgendwelche Personen, Gegenstände?“ [F]: „Ich weiß nicht, ich habe nicht drauf geachtet, da fahren sehr viele Autos vorbei, Fahrräder eigentlich sehr wenig. Es kann sein, dass ich vielleicht einen Kunden hatte, und da kam ein Fahrrad vorbei. Aber da habe ich nicht drauf geachtet, ist mir nicht aufgefallen.“ Im Folgenden geht es um die Ausdehnungen der Verletzungen von [F].

Götzl fragt, was den beiden anderen vor dem Geschäft von [F] passiert sei. Einer sei aus der Türkei zu Besuch hier gewesen, so [F], der habe hier mit seinen Verwandten die Keupstraße besucht. Der eine sei verletzt, der andere sei nur zu Besuch gewesen, den habe er nur kurz vorher gesehen und unterhalten, und danach sei der Fall passiert. Auf Frage, ob er noch Kontakt zu den beiden Personen gehabt habe, sagt [F]: „Zu dem aus der Türkei nicht, der andere ist ja aus Köln, den sehe ich manchmal.“ Götzl: „Sie sagten: ‚Alle drei hätten sich auf den Boden geschmissen‘.“ [F] antwortet, dass seien nicht die zwei gewesen, sondern ein Nachbar von gegenüber und [S] (Vgl. 178.Verhandlungstag, 27.1.2015). Götzl: „Ja da hätte mich interessiert, ob die jetzt Verletzungen hatten.“ [F]: „Das kann ich nicht wissen, ich war weg, war schockiert, selber verletzt, das hab ich erst nach ein paar Minuten gesehen.“

NK-Vertreter RA Kuhn fragt, ob es nach dem Anschlag eine Veränderung für das Geschäft von [F] gegeben habe. [F]: „Veränderung heißt, nicht nur bei mir, allgemein in der ganzen Keupstraße hat sich es verändert. Die Geschäfte sind sehr, sehr, sehr zurückgegangen. Über die Hälfte zurückgegangen. Heute ist es noch nicht ganz gut.“ SV Mölle fragt, ob [F] noch sagen könne, ob sich im Moment der Explosion zwischen ihm und der gegenüberliegenden Seite ein Auto befunden hat oder er freie Sicht auf den Explosionsort hatte. [F]: „Ich hab später gesehen, wo die das Fahrrad abgestellt hatten, ist ein Kastenbus davor geparkt und das war unser Glück, Sonst hätte es sehr schlimme Verletzungen und auch Tote gegeben.“ Er bejaht, dass das der schwarze Kastenbus gewesen sei. Auf Frage sagt, er denke mal, dass der 15 m höchstens, 10 bis 15 m, entfernt gewesen sei. Auf Nachfrage Götzls sagt [F], die Entfernungsangabe beziehe sich auf seinen Platz zu dieser Bombe. Der Explosionsort sei schräg gegenüber, vor dem Frisör.

Dann nimmt [G] mit ihrer RAin Müller-Laschet und dem Dolmetscher am Zeugentisch Platz. Es kommt zunächst zu einer Diskussion, ob [G] einen Dolmetscher braucht, die Zeugin entscheidet sich aber dafür, auf Türkisch auszusagen. [Wir geben hier die Angaben von [G] wieder, wie sie vom Dolmetscher aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt wurden.] [G] berichtet: „An dem Tag war ich im Laden meines Bruders, welcher sich in der Keupstraße befindet. Das liegt neben dem Frisörladen. Ich habe ein höheres Knallgeräusch gehört, irgendetwas ist vor meine Füße gefallen. Ich habe dort etwas Rundes gesehen. Ich habe einen brennenden Mann wahrgenommen und versucht, diesen zu löschen, das heißt das Feuer zu löschen. Bevor ich erfolgreich war mit dem Löschen, habe ich einen Polizeiwagen wahrgenommen. Ich habe sie herbeigerufen und gebeten, zu helfen den Mann zu löschen. Ich konnte das Feuer am Bein des Mannes löschen. Dann sind die Sanitäter gekommen, die Polizisten haben uns aus dem Laden geführt.“ Da die Polizisten den Verdacht gehabt hätten, hinter dem Laden habe sich eine Gasexplosion ereignet, so [G] weiter, seien sie nach hinten gegangen. Sie habe den Schlüssel genommen und die Polizisten in die hinteren Bereiche geführt. Danach sei sei wieder aus dem Laden raus gegangen.

Es sei einige Zeit vergangen, dann sei die Kriminalpolizei dazu gekommen und habe sie sprechen wollen: „Ich habe denen berichtet, dass es mir schlecht geht, in der Zwischenzeit muss ich wohl in Ohnmacht gefallen sein. Ich bin zu mir gekommen, als ich merkte, dass die Feuerwehrleute mich zum Wagen bringen. Ich bin ins Krankenhaus gekommen. Polizisten sind zu mir ins Krankenhaus gekommen und haben mich gefragt, wie es passiert sei. Nach einer Woche haben sie mich telefonisch kontaktiert und gefragt, ob ich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen will. Ich habe diese in Anspruch genommen. Etwa zwei, drei Wochen später sind sie zu mir nach Hause gekommen um meine Aussage aufzunehmen. Ich habe meine Aussage gemacht und damit war die Sache erledigt.“ Götzl bittet [G], nochmal zu beschreiben, an welcher Stelle im Laden sie sich aufgehalten hat, als sie das Knallgeräusch wahrgenomen hat. [G]: „Ich war am Eingang, direkt an der Tür. In der Eingangstür, hatte mich an die Wand gelehnt. Direkt im Eingang.“ Neben ihr sei ihre Schwägerin und ein Kunde im Laden gewesen, so [G]. Aber während des Telefonats seien beide nicht sichtbar gewesen, die seien irgendwie verschwunden gewesen. Als der Knall kam, hätten sich die beiden etwas innerhalb des Ladens befunden, so [G]: „Sie kümmerte sich um den Kunden.“ Das Geschäft befinde sich unmittelbar neben dem Frisörladen, so [G] auf Frage, die Scheiben des Geschäftes seien zerborsten, zu Bruch gegangen, die Vitrinenscheiben bzw. die Scheiben der Fenster.

Götzl: „Wie weit waren Sie von den berstenden Scheiben entfernt?“ [G]: „80 cm vom Eingang sind die Fensterscheiben.“ Götzl: „Sind Sie von den Splittern verletzt worden?“ [G]: „Von den Scheiben nicht, aber vom Knall habe ich Probleme mit den Ohren. So laut war das.“ Götzl: „Haben Sie eine Druckwelle gespürt?“ [G]: „Ein bisschen.“ Auf Frage sagt sie, der brennende Mann habe sich direkt vor der Tür befunden: „Der Frisörladen und das Geschäft von meinem Bruder sind ja Wand an Wand.“ Götzl: „Was hat gebrannt?“ [G]: „Die Beine.“ Götzl: „Wie viel Zeit ist dann noch vergangen, bis Sie ohnmächtig geworden sind?“ [G]: „So 20 Minuten, dass ich dann im Rettungswagen war. Aber für mich war es stundenlang gewesen.“ Götzl fragt, ob [G], sonst jemand aus dem Geschäft oder andere Personen die Polizei oder Rettungskräfte verständigt habe. Sie habe gehört , so [G], dass aus anderen Geschäften die Polizei gerufen wurde. Auf Nachfrage, ob sie oder ihre Schwägerin auch angerufen habe, sagt [G]: „Ich hab es gesagt, aber sie schaffte es nicht, hatte Angst. Ich habe dann angerufen und gesagt, sie sollen schicken was sie haben, denn da ist was explodiert und brennt.“ Götzl befragt [G] im Folgenden zu ihren körperlichen und psychischen Beschwerden, zu deren Behandlung und Folgen.

Götzl: „Nochmal zu den Schäden im Bereich des Ladens: Diese Glassplitter, das betraf das Schaufenster. Habe ich das richtig verstanden?“ [G]: „Ja.“ Auf Frage, wie es im Bereich der Türe gewesen sei, sagt [G]: „Also die Tür war ohnehin auf, ich stand in der offenen Tür. Also die Glasscheiben sind zerborsten und teilweise in den Innenraum des Ladens hineingefallen. Deshalb bin ich von den Glassplittern nicht getroffen worden.“ Vorhalt aus [G]s Vernehmung vom 11.06.2004: Meine Schwägerin bleibt bei der Kundin hinten und ich bin nach vorne gegangen und habe mehr oder weniger gelangweilt aus dem Fenster geguckt. Dazu sagt [G], dass die Tür und das Schaufenster ja nebeneinander seien. Vorhalt: Ca. zwei Minuten später hat es geknallt; ich habe das so empfunden als wäre durch den Durchzug die Tür zugeknallt. [G]: „Ich habe das damals so wahrgenommen.“ Götzl sagt, es gehe ihm nur darum, ob die Tür tatsächlich offen war oder geschlossen. [G]: „Damals war die Tür offen, ich habe mich an Sie gelehnt. Ich habe versucht zu verdeutlichen, ‚als gäbe es einen Durchzug‘, das habe ich verdeutlichen wollen.“ Vorhalt: Dann fällt die Schaufensterscheibe zusammen und ich weiche zurück, warte einen kurzen Moment, bis der Staub sich gelegt hat, dann gehe ich auf die Türe zu, die war ganz geblieben. Götzl: „Deswegen die Nachfrage, sind Sie sich sicher ob die Türe offen war oder geschlossen?“ [G]: „Es kann sein, dass ich damals sprachliche Probleme gehabt und mich nicht so richtig ausgedrückt habe.“ Götzl sagt, er habe nicht so richtig verstanden, ob [G] oder ihre Schwägerin bei der Polizei angerufen hat. [G]: „Sie hat das versucht, aber nicht hinbekommen, da habe ich sie angerufen.“ NK-Vertreter RA Westkamp fragt, ob [G] unmittelbar nachdem Sie den Knall gehört habe, Gegenstände wahrgenommen habe, die draußen durch die Luft geflogen sind. [G] sagt, irgendwann habe sie einen schwarzen Gegenstand fallen und vor ihren Füßen liegen sehen. Sie verneint, den Gegenstand beschreiben zu können. Sie bejaht, dass Polizisten sie im Krankenhaus besucht hätten. Westkamp hält vor, dass [G] dort gesagt haben solle, dass sie nahezu zeitgleich ein Fahrrad, welches durch die Luft flog und zu Boden fiel, bemerkt habe. Westkamp: „Haben Sie da eine Erinnerung?“ [G] sagt, im Moment erinnere sie sich nicht daran.

Es folgt eine Pause bis 11:49 Uhr. Danach nimmt [H] zusammen mit seinem RA Schön am Zeugentisch Platz. Er berichtet: „Ich war mit meiner Mutter dort, sie wollte dort ein Dessert und diverse Sachen einkaufen. Und ich sagte, ich gehe zum Frisör. Das war der Frisör, wo die Bombe auch explodiert ist. Ich habe ihr den Autoschlüssel gegeben und gesagt, wir treffen uns am Auto. Der Frisör hatte viel Kundschaft und hat mich gebeten zu warten. Ich hatte mich auf die Couch gesetzt am Schaufenster, mit dem Rücken zur Straße. Gefühlte 40 Minuten, die ich da gewartet habe und dann ein sehr lauter Knall. Aus Reflex habe ich an die Decke geguckt und gedacht, dass eine Gasleitung explodiert ist. Die Leute sind raus gelaufen aus Reflex in den Hinterhof. Es gab eine Rauchwolke und es war stockdunkel.“ Man habe aus dem Fenster das Licht sehen können und die Leute seien raus gelaufen, so [H]. [H] weiter: „Ich bin mitgelaufen und erst da habe ich realisiert, dass ich nichts gehört habe; ich würde es mit einem Tinnitus vergleichen. Und dann kam ein Herr und hat mir Papiertücher in die Hand gedrückt und machte mit einem Handzeichen deutlich, dass ich am Kopf blute. Dann habe ich die Papiertücher auf meinen Kopf gehalten. Und als ich gesehen habe, die Rauchwolke verschwindet so langsam im Laden, wollte ich mich nicht mehr im Hinterhof aufhalten und bin vorne raus. Der erste Eindruck, als wäre ein Krieg ausgebrochen. Alles zerstört, Splitter überall.“

Es sei Polizei vor Ort gewesen und Sanitäter, links und rechts sei abgesperrt gewesen. Die hätten ihn behandeln wollen: „Ich habe es nicht zugelassen, weil ich in Sorge um meine Mutter war. Ich habe gesehen, sie steht außerhalb. Sie war auf der Suche nach mir und ich bin zu ihr gegangen und habe gesagt, ich versteh Dich nicht, ich höre nicht gut. Die wollen mich hier behandeln, ruf meinen Bruder an, der soll dich abholen.“ Die Sanitäter hätten ihm am Kopf einen Verband gemacht und dann seien sie in einem Bus gewesen, ungefähr zehn, zwanzig Minuten, mit anderen Geschädigten. Von da sei es ins Krankenhaus gegangen: „Dann kam langsam mein Gehör wieder, aber nur als dumpfes Geräusch, als ob man Kopfhörer hätte.“ Er sei behandelt und dann entlassen worden. In der Zwischenzeit seien sein Bruder und seine Mutter gekommen und hätten ihn vom Krankenhaus abgeholt. Im Folgenden schildert [H] seine Verletzungen, und dass er Brandlöcher auf Hemd und T-Shirt gehabt habe. Götzl: „Aus welcher Richtung sind Sie denn zum Frisör gegangen, wo hatten Sie ihr Fahrzeug abgestellt?“ Bei der Schule, die heiße „Tag- und Nachtschule“, so [H], es gebe da so eine kleine Unterführung durch die Häuser vom Parkplatz auf die Keupstraße, genau schräg gegenüber vom Frisörladen.“ Götzl: „Haben Sie da ein Fahrrad festgestellt?“ I.: „Da habe ich nicht drauf geachtet.“

Götzl fragt, ob es sonst irgendwelche Auffälligkeiten auf dem Weg zum Frisörladen gegeben habe. [H]: „Mir ist es soweit in Erinnerung geblieben, dass ich nichts Verdächtiges realisiert habe.“ Götzl fragt nach psychischen Folgen und [H] schildert seine Beeinträchtigungen. Götzl fragt, wie viele Personen auf der Couch im Frisörladen gewesen seien. [H]: „Weiß ich nicht genau, zwei Personen, ein Pärchen, definitiv neben mir. Das war eine L-Couch, so gesehen, bzw. zwei. Ob auf der anderen Seite weiß ich nicht. An das Pärchen kann ich mich erinnern, weil die mich später im Krankenhaus auch angesprochen haben.“

OStAin Greger fragt, ob [H] auch Verbrennungen an Körper und Haut erlitten habe. [H]: „Nein, da ich das T-Shirt und das Hemd an hatte, nicht.“ RA Schön fragt zu [H]s Vernehmung bei der Polizei. [H]: „Ich vermute, es war eine Woche später, auf jeden Fall wurden mir Fingerabdrücke abgenommen, DNA-Proben mit einem Wattestäbchen. Und die Vernehmung, die Fragen wurden mir so gestellt, ob ich was vom Rotlichtmilieu kenne, ob ich was von der PKK weiß, ob kriminelle Aktivitäten auf der Straße stattfinden, ob ich Leute kenne, die in diesem kriminellen Milieu tätig sind, ob ich Kontakt zu denen habe. Das war, so gesehen, die Vernehmung mit mir.“ Götzl sagt, es liege ein Protokoll vom 28.06.2004 vor. [H]: „Dann war es ein bisschen später, ich wusste jetzt nicht genau, wann die Vernehmung war.“ Nach einer Frage von NK-Vertreter RA Tikbas geht es kurz um Narben. SV Mölle fragt dann, in welchem Wartebereich [H] gesessen habe, links oder rechts. [H]: „Rechte Seite, direkt neben der Tür.“

Der Zeuge wird entlassen und es folgt die Mittagspause bis 13:10 Uhr. Es folgt [I], der mit RA Schön am Zeugentisch Platz nimmt. Er berichtet: „Wir waren in der Keupstraße mit meinem Freund, [J]. Seit Jahren gehen wir zu dem Frisör. Gegen 15 Uhr sind wir da rein gegangen. Ich hab mich links hingesetzt weil der Laden voll war. Der [K] ist auch rein gekommen und zeigte mir sein neues Telefon. In dem Moment ist was explodiert, ein Riesenknall war das. Jemand hat die Tür in den Hof aufgemacht, alle sind da hingegangen. Panik, Spraydosen sind explodiert, es war alles schwarz. Jemand sagte zu mir, dass ich blute am Hinterkopf. Von den Nägeln war das. Nach zehn Minuten bin ich raus und habe mich auf den Bürgersteig gesetzt. Leute haben erste Hilfe geleistet. Dann kamen auch schon die Krankenwägen.“ Er sei nach zwanzig Minuten ins Krankenhaus gefahren, behandelt und entlassen worden. Auf Frage nach seiner Sitzposition am Eingang sagt [I]: „Links.“ Das sei eine kleine Couch gewesen, direkt rechts neben ihm habe [K] gesessen. Es sei gegenüber der Scheibe gewesen, wo die Bombe explodierte. Götzl fragt, ob [I] einen Knall wahrgenommen habe. Eine richtig große Explosion, so [I], und danach so ganz kurze, das seien, glaube er, Haarspraydosen gewesen, so von der Wucht.

Götzl: „Können Sie sagen, ob Sie von Gegenständen getroffen worden sind?“ [I]: „Erstmal habe ich keine Gegenstände oder irgendwas gesehen. Aber wo wir auf dem Hof waren, auf dem Rückweg, habe ich auf dem Boden mehrere Nägel gesehen.“ Götzl fragt, wie es nach dem Krankenhaus weiter ging. [I] berichtet, sie seien vom Krankenhaus freigestellt worden und es sei dann einer im Krankenhaus gewesen und habe gemeint, sie müssten in die Keupstraße fahren, weil die Polizei sie suchen würde. Ein Freund habe sie zurück zur Keupstraße gefahren: „Wir wollten da hin, weil wir Handys und alles verloren haben. Wir durften aber nicht rein. Die Polizei kam direkt auf uns zu und die haben uns auf die Wache nach Kalk mitgenommen und haben uns bis Mitternacht vernommen. Bis auf die Unterhose saß ich sechs Stunden bei der Vernehmung. Ich durfte keinen Menschen anrufen.“

Götzl sagt, im Protokoll stehe der Vernehmungsbeginn 20:30 Uhr. [I] sagt, das stimme nicht: „Es hat auch nicht um 21:30 Uhr geendet, sondern ich war erst um 1 Uhr [phon.] fertig.“ Und zu Hause habe es nach 15, 20 Minuten geklingelt, und es seien wieder zwei Männer und eine Frau da gewesen und hätten gesagt, sie seien von der Polizei und müssten ihn vernehmen: „Ich sagte, ich wurde gerade vernommen von der Polizei. Einer hat telefoniert und gesagt, ist okay, und sie sind dann wieder gegangen. Sie wussten nicht, dass ich schon vernommen worden war.“ Auf Frage sagt [I], er sei einmal vernommen worden, an dem gleichen Tag noch. Götzl fragt nach weiteren Beschwerden und Verltzungen und [I] schildert körperliche und psychische Folgen der für ihn.

Götzl fragt, ob [I] auf dem Weg zum Frisörladen etwas aufgefallen sei. Das verneint [I]. Vorhalt aus der Vernehmung: Mein Freund wollte sich rasieren lassen, wir haben gewartet, wenn man die Türe reinkommt links. Ich hab mich auf den Stuhl gesetzt. [I]: „Das war so ein kleiner Hocker beim Sofa.“ Vorhalt: Mein Freund gegenüber, ein weiterer Freund von mir, der [K] hat auch den Frisör betreten, sich einen Stuhl genommen und sich neben mich gesetzt. Das sei der, von dem er gesprochen habe, so [I] Vorhalt: Die Scheibe am Sofa ist zerborsten, danach habe ich noch einen Knall wahrgenommen, aber vielleicht war das auch Haarspray, dann hab ich schwarz gesehen, etwas wie Feuer, und alle waren am Schreien. Götzl: „Etwas wie Feuer?“ [I]: „Rauch.“

RA Schön: „Kannst Du sagen wo Du geboren bist?“ [I]: „In Kölle.“ Auf Frage von Schön berichtet [I], dass er durch die ganzen Krankmeldungen und Krankschreibungen die Arbeit verloren habe. Schön: „Was hat die Polizei gemacht außer Kleidung abnehmen?“ Fingerabdrücke und DNA-Test hätten sie sie gemacht, so [I]: „Ich wurde so behandelt wie ein Beschuldigter: Warum ich in dem Geschäft war, ob ich diese und jene Leute vom Rotlichtmilieu kenne, vom Drogenmilieu, warum ich zu dem Frisör gehe und solche Sachen.“ Götzl: „Sind diese Punkte ins Protokoll aufgenommen worden?“ [I]: „Nein, ich habe das Protokoll gelesen, da ist überhaupt nicht davon die Rede.“ Da stehe aber auch ‚Beginn 20:30 Uhr‘ und ‚Ende 21:30‘ drin: „Meine Familie hat mich erst gegen 1 Uhr abgeholt.“ Götzl sagt, hier stehe „20:30 Uhr“, dann dass „nach Angaben des Zeugen eine Grobskizze gefertigt“ worden sei und „21:30 Uhr“, und dann sei da ein Unterschriftskürzel. Götzl: „Was ist dann in der weiteren Zeit noch passiert?“ [I] antwortet, das habe er Götzl gesagt, es sei gefragt worden, ob er Leute vom Drogenmilieu, vom Rotlichtmilieu kenne, von der PKK. Götzl fragt, auf welche Personen sich das bezogen habe. [I]: „Auf Leute, von denen bekannt ist, dass sie Geschäfte am Machen sind. Man hat mir Fotos gezeigt und dies und das.“ Im Folgenden geht es nach einer Frage des SV Peschel kurz darum, ob eine bestimmte spätere Behandlung von [I] in Zusammenhang mit dem Anschlag steht. RA Schön sagt, es sei klar, dass sie nicht damit in Zusammenhang stehe. Auf Frage von SV Mölle sagt [I], er sei knapp einen Meter vom Fenster weg gewesen. Das sei schräg ein bisschen gewesen, von rechts aus. Mölle: „Und direkt neben der Sitzcouch war der Stuhl?“ [I]: „Sie müssen sich das wie ein L vorstellen, so in der Mitte irgendwie.“

Dann nimmt [J] am Zeugentisch Platz. Er berichtet: „Das war ein Mittwoch, da hab ich kurz mit [I] telefoniert, dass ich auf dem Weg in die Keupstraße bin zum Frisör, wo ich schon jahrelang hingehe. Er meinte, er müsse nicht frisiert werden aber er würde mich begleiten. Wir sind mit dem PKW losgefahren über die Schanzenstraße gequert, bin die Keupstraße durchgefahren und habe auf Höhe Café „Karadeniz“ den PKW abgestellt und wir sind zum Kuaför gegangen. Im Laden waren so ca. acht bis zehn Leute, es war voll. In diesen Sommertagen stehen wir meistens vor dem Laden, denn im Laden sind immer weibliche Personen, Kinder, das muss nicht jeder mitkriegen, Umgangssprache, muss nicht jeder hören wie wir flachsen von den weiblichen Personen oder so. Dann saßen wir aber im Laden drin und ich setze mich auf den Stuhl bei [L], wo er mich frisiert hat.“ Dann sei [K] rein gekommen, ein ehemaliger Arbeitskollege, den er in der Ausbildung kennengelernt habe. Und die hätten sich seitlich auf der linken Seite gegenüber dem Schaufenster hingesetzt. „Ich war noch nicht fertig. Hinter mir saßen zwei Frauen. Da war noch ein Frisör und ein anderer Frisör. Und auf der rechten Seite war eine Bank in L-Form, da saßen wieder zwei, drei Personen. Als ich fertig war stand ich auf, habe den [K] besucht.

Ich wollte mir noch wegen der Rasur Creme drauf tun. Ich bin in die Mitte des Raumes schon mal vorgegangen, habe mir die Creme aufgetragen, habe mich zur Tür begeben, wollte mich verabschieden, habe Tschüß gesagt. In dem Augenblick hat es richtig geknallt. Im ersten Moment bin ich nicht davon ausgegangen dass es eine Bombe war. Mir war bekannt das es Gasleitungen gibt in der Keupstraße. Ich bin Handwerker von Beruf. Ich dachte, die Gasleitungen im Keller sind explodiert. Es ist eine Rauchwolke entstanden, Stichflammen habe ich gesehen. Ich dachte, ich habe die Hölle gesehen. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben. Ich konnte schwer atmen. Dichter Qualm, Geschmack von Pulver in der Luft, habe Schreie von Menschen gehört, konnte aber nicht antworten. Ich habe versucht nach Luft zu ringen. Aber kurzerhand ist die Mitteltüre aufgegangen und man hat uns zum Hinterhof raus gebracht. Ich habe gar nicht gemerkt dass ich verletzt war. Ich hab nur bei anderen Schnittverletzungen gesehen. Dann kamen Passanten mit Getränken rein, mit Servietten. Ich hab das abgewiesen, denn ich dachte, ich habe nichts.“ Er habe nach seinen Freunden gesucht und gefragt, ob alles okay ist. Er habe die Antworten nicht alles realisieren können, aber die hätten sich auch abgedreht von ihm.

[J] weiter: „Jemand sagte, geh schon mal raus, und ich sagte, ich geh da nicht raus. Bis einer sagte, es ist alles okay und wieder ruhig. Dann sind wir neben der Haustür wieder vor.“ Der Zeuge berichtet von blutenden Verletzungen am Kopf und im Halsbereich. „Es hat eine Zeit lang gedauert, bis wir zum Sanitäterbus kamen. Es war ein richtiges Chaos an dem Tag. Alle irrten umher. Auch die Schaulustigen irrten umher. Dann hat man uns in den Linienbus gesetzt, die haben die Türen zugemacht, es war sehr warm.“ Er wisse nicht, ob ihn jemand verbunden habe: „Aber ich war am Schwitzen und ich schrie, dass man jemand holt, der die Türen aufmacht.“ Nach einer halben Stunde sei jemand gekommen und sie seien ins Krankenhaus gebracht worden. Auch da seien die Leute schockiert gewesen, wie sie aussahen. [J] berichtet kurz von der Behandlung, und dass sie dann entlassen worden seien. [J] weiter: „Dann haben uns Bekannte abgeholt und meinten, dass die Polizei uns suchen würde. Ich hatte da auch mein Fahrzeug, hatte alle meine Wertsachen da verloren.

Wir kamen in die Keupstraße und wir mussten uns in ein Restaurant begeben, wo die Polizei die Leute einzeln vernommen hatte, ein türkisches Restaurant, ein schmaler Laden mit einem langen Gang. Ich sagte, ich mache hier keine Vernehmung, mir geht es nicht gut, hier sind so viele Schaulustige. Dann hat man uns ins Präsidium gefahren und uns in einzelne Räume gebracht zur Vernehmung. Sie seien ungefähr um 18 Uhr da gewesen, es sei noch ein bisschen hell gewesen. [J]: „Mir wurden Fragen gestellt, warum ich dahin komme. Ich habe erklärt, dass das mein Stammfriseur ist. Ich habe einen großen Wirbel oben, wenn das jemand anders macht, sieht das blöd aus. Er hat mich gebeten mich auszuziehen. Ich sagte: Nein, wegen was? Er sagte, wegen Schmauchspuren. Ich sagte, ich bin Verletzter, kein Täter. Ich musste mich ausziehen bis auf die Unterhose. Er legte etwas auf den Tisch, ein Stäbchen und einen Beschluss, und sagte, er will eine DNA-Probe. Ich sagte: Nein, ich bin kein Vergewaltiger, ich bin Opfer. Er gab mir ein Schriftstück, Sprengstoff DNA-Analyse, und ich musste es unterschreiben. Gegen 22 Uhr [phon.] oder so, ich weiß es nicht mehr, durfte ich zu Hause anrufen. Mein Schwager und meine Frau kamen, haben mir Sachen gebracht, dann durfte ich auch das Präsidium verlassen, nach 12 nachts war das.“

Er wisse nicht mehr, ob seine Frau nachts oder am Morgen seinen Wagen abgeholt habe in der Keupstraße: „Und dann bekam ich ein Anruf von [I] oder dem Schwager, ich soll zu ihm nach Hause kommen, da stehen Leute vor der Tür. Ich bin da hin und bat die Leute, das Haus zu verlassen. Die haben sich erst stur gestellt und ich habe gesagt: wir haben unsere Aussage gemacht, er soll sich mal mit dem und dem in Verbindung setzen.“ [J] sagt, ihm sei gesagt, worden, der der ihn vernommen habe, sei vom Staatsschutz, den Namen wisse er nicht mehr. Er habe das dem Mann gesagt. [J] berichtet weiter, er habe beim „Weißen Ring“ einen Zettel ausgefüllt, aber die habe er nie wieder gesehen: „Ich musste mich dann selber drum kümmern. Auch was die Medien dann berichtet haben, mussten wir den Menschen erst erklären, dass wir keine Täter, sondern Opfer waren.“ Dann geht es um therapeutische Maßnahmen und um anhaltende Beschwerden am Ohr.

Götzl möchte dann wissen, welche psychischen Folgen [J] unmittelbar nach dem 09.06. gehabt habe. [J] schildert seine Beschwerden und die Behandlung. Danach fragt Götzl: „Haben Sie damals eine Situation mitbekommen, irgendeine Verkehrsbehinderung auf de Keupstraße?“ [J]: „Ich habe das in meiner Skizze eingezeichnet. Ich habe ein Kastenfahrzeug gesehen, einen Sprinter, das vor dem Laden geparkt hatte. Ich saß so zu dem Spiegel und konnte rechts auf die Straße gucken. Und da hatte ein schwarzer Sprinter die Straße blockiert. Da kommt man schwer durch, weil da Leute sich in die zweite Reihe gestellt hatten. Das war ein Park-Gehupe erster Güte.“ Rechts sei der schwarze LKW gewesen und links davor habe ein weißer Sprinter geparkt, wo das Fahrzeug schlecht vorbeigekommen sei, gegenüber von dem Laden sei ja eine Toreinfahrt. Götzl: „Und war der Sprinter das einzige Fahrzeug?“ [J] sagt, er könne sich nicht im Detail erinnern, er habe damals die Skizze abgegeben bei seiner Vernehmung, da habe er den einen LKW eingezeichnet und den anderen LKW gegenüber. Vorhalt: Ich möchte noch etwas sagen, was mir aufgefallen war: Auf der Keupstraße hielt gegenüber vom Frisörladen ein LKW, 7,5 t; der verengte die Fahrbahn, und gegenüber ein weiterer LKW auf der Fahrbahn, dadurch war die Fahrbahn verengt. [J]: „Richtig.“ Vorhalt: Dann konnte ich sehen wie der Fahrer aus dem haltenden LKW ging und einen PKW durch die Lücke wies, ein roter VW-Bus, dann ist der Fahrer weggegangen. [J]: Ja, wenn Sie das so sagen.“ Vorhalt: Dann kam ein Bus mit behinderten Kindern, kam nicht durch, der Fahrer hupte unentwegt. [J]: „Das war ein Schulbus, das war zu eng.“

Götzl fragt, wann das etwa war. Er wisse es nicht, so [J], 15:58 Uhr sei der Bombenanschlag gewesen, die Situation mit dem LKW und dieser Behinderung 15:40 Uhr, 15:45 Uhr: „Und die Schaufenster waren nicht verdeckt. Sie müssen sich das so vorstellen, wenn man im Laden saß und vor dem Schaufenster war. Dann waren die L-förmigen Sitzbänke und Polster höher wie die Ablage der Schaufenster, 30 bis 50 cm höher. Das heißt vor dem Laden, wo das Fahrrad stand, diese Sitzbänke waren drei Stufen höher, die Sitzbankhöhe war 1,10, im L-Format“ Götzl: „Ist denn dieser LKW-Fahrer zu irgendeinem Zeitpunkt mal weggefahren?“ Er wisse es nicht mehr, antwortet [J]. Vorhalt: Darauf kamen zwei Politessen, eine Frau mit Zopf und ein Mann, ich bin raus und habe auf den Fahrer des Behindertenbus eingeredet, dass er mit dem Hupen aufhört. [J] sagt, das sei aber ganz am Anfang gewesen: „Auf der Keupstraße nehmen sich viele das Recht, in zweiter Reihe anzuhalten.“ Vorhalt: Ich sagte, der LKW-Fahrer sei doch jetzt wieder da, und der Busfahrer hupte immer noch. [J]: „Kann sein.“ Götzl möchte wissen, ob [J] ein ein Fahrrad wahrgenommen habe. [J] verneint das, aber er habe nach dem Anschlag die Bilder gesehen. Auf Frage sagt [J], er selbst habe auf der Keupstraße rechte Seite vor einem Café geparkt. Der Frisörladen sei auf der linken Seite, sein Fahrzeug sei rechts gewesen. Das Fahrzeug habe er heute noch. Dann berichtet [J] zu Leistungen aus dem Opfernentschädigungsgesetz. NK-Vertreter RA Daimagüler fragt, ob [J] in Köln geboren und aufgewachsen sei. [J]: „In Köln geboren, ein kölsch-deutsch-türkischer Junge.“ Daimagüler. „Haben Sie erwogen, Deutschland zu verlassen nach dem Anschlag?“ [J]: „Warum sollte ich das? Ich lebe in Köln, Köln ist meine Heimatstadt. Nein, nein, ich bleibe hier.“ Als nächstes wird der sachverständige Zeuge Dr. He. zur Behandlung von [I] und [J] vernommen, der Verletzungen und die Behandlung der beiden Patienten schildert.

Dann nimmt [K] am Zeugentisch Platz. Er berichtet: „Ich bin in die Keupstraße gefahren zum Haare schneiden, zwei Freunde sind auch da gewesen, [I] und [J]. Ich bin in den Frisör, habe mir einen Stuhl genommen und mich neben [I] gesetzt.“ Man habe sich über belanglose Sachen unterhalten, er habe [I] ein neues Handy gezeigt. [K] weiter: „Nach einer halben Stunde gab es einen Riesenknall und es gab eine starke Hitzewelle, jedenfalls hat es mich vom Stuhl gerissen. “ Der Zeuge beschreibt schwere Verletzungen durch Nägel, Splitter und die Druckwelle der Nagelbombe Es sei ein Bus gekommen und die hätten ihn eine Viertelstunde später ins Krankenhaus gefahren. Nach der Behandlung habe er sich von seiner Frau abholen lassen: „Ein paar Tage später musste ich zur Polizei, die haben meine Fingerabdrücke genommen, DNA, und meine Aussage aufgenommen.“ Götzl fragt zu den einzelnen Verletzungen. [K] schildert, wo sich die Verletzungen befunden haben und die Behandlung. Götzl: „Waren Sie ohnmächtig?“ Ich weiß es nicht. Ich hab nicht mal den Fall gemerkt, nur gemerkt, dass ich am Boden liege, bin aufgestanden und raus gelaufen.“

Auf Nachfrage von Götzl schildert [K]seine psychischen Beschwerden nach dem Vorfall. . Götzl: „Neben dem Knall haben Sie da noch Wahrnehmungen gemacht?“ [K]: „Da kam eine Riesendruckwelle, genau.“ Zu seiner Postion im Laden sagt [K], er habe, wenn man rein kommt, links gesessen, Blickrichtung zum Spiegel: „Die Tür war rechts von mir.“ Er verneint, dass es bei ihm zu Verbrennungen gekommen sei. Götzl fragt nach der Kleidung. [K]: „Das T-Shirt war kaputt.“ Götzl fragt nach Brandspuren an der Kleidung. [K].: „Ich glaube nicht, ich weiß es nicht mehr.“ Vorhalt aus der polizeilichen Vernehmung vom 12.06.2004: Überall war Blut und ich habe auch Feuer gesehen, an meiner Kleidung waren nachher Brandlöcher. [K]: „Das weiß ich nicht mehr.“ Götzl fragt, ob er Beobachtungen auf dem Weg zum Frisörladen gemacht habe. [K].: „Nein, nichts.“ Götzl fragt nach einen Fahrrad vor dem Frisörladen. [K]: „Nein. Also, nicht drauf geachtet.“ NK-Vertreter RA Reinecke fragt: „Können Sie sich noch erinnern, wonach Sie die Polizei gefragt hat hinsichtlich der Täter?“ [K]: „Ja, ob ich Feinde hätte, ob mich jemand umbringen wollte. Ich sagte Nein. Und dann etwas anderes, PKK oder in Richtung Drogen. Sagte ich: Nein, weiß ich nichts von.“ SV Peschel befragt [K] kurz zu dessen Verletzungen.

Dann nimmt [L] mit seiner RAin Singer und einem Dolmetscher am Zeugentisch Platz. [Wir geben hier die Angaben [L]s wieder, wie sie vom Dolmetscher aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt wurden.] [L] berichtet: „Für uns war dieser Tag ein gewöhnlicher, normaler Tag. Da der darauffolgende Tag ein Feiertag war, hatten wir mehr Kunden als sonst. Zwischen halb vier und vier Uhr habe ich einen Kunden abgearbeitet und war im Begriff den nächsten Kunden zu mir zu holen. Ich habe diesen auf den Stuhl gesetzt und bin mit dem Blick nach draußen abgelenkt worden. Eine Person, die etwa 1,80 groß war, mit einer Baseballkappe auf dem Kopf, ich hatte lediglich seine Haare drunter sehen können, hat sein Fahrrad vor dem Laden abgestellt. Ich habe angenommen, er ist ein normaler Kunde, stellt sein Fahrrad ab um in den Laden hineinzukommen. Etwa eine Sekunde haben wir uns gegenseitig angeblickt. Richtung Garten haben wir so eine kleine Kochnische. Um heißes Wasser zu holen bin ich in die Richtung gegangen. Ich habe dieses heiße Wasser aufgefüllt, fast kochendes Wasser. Als ich mich im Drehen befand, habe ich eine Druckwelle gespürt und durch diesen Knalldruck ist die Fensterscheibe des Fensters, welches zur Hofseite hin sieht, komplett nach unten zerflossen. Und der Rahmen ist auch runtergekommen, praktisch auf mich gefallen. Ich habe diesen Rahmen von mir weggeworfen. Deswegen habe ich geblutet und viele Leute sind auf mich zugekommen. Ich dachte, sie kommen um mir zu helfen. Dann hab ich gesehen und gehört, dass viele Leute schreien und teilweise auch bluteten.

Wir sind dann in einer Höhe von einem Meter auch in den Garten gesprungen. Überall blutete ich. Ich war verzweifelt: Wie soll ich das Blut stillen?“ [L] schildert kurz seine Verletzungen. Dann sagt er: „Jeder versuchte sich selber zu helfen, weil viele verletzt waren oder geblutet haben. Im Garten haben wir einen Wasseranschluss, dort habe ich das Wasser aufgedreht, um meine Wunden abzuwaschen. Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, sind einige Leute in den Laden hineingekommen, um uns zu helfen. Wir sind dann nach vorne gegangen. Ich bin wieder in den Laden gegangen vorher und habe mein Telefon an mich genommen, um meine Frau und meinen Bruder anzurufen. Als wir draußen waren, habe ich gesehen, dass das eigentliche Chaos sich dort abgespielt hatte. Das war wie eine Kriegsszene, wie wir das aus dem Fernsehen kennen. Es gab etliche Verletzte, die auf der Straße saßen bzw. standen, und es gab sehr viele Trümmer auf dem Boden. Anschließend sind wir auf die gegenüberliegende Straßenseite gegangen. Sanitäter mit Verbandsmaterial sind auf uns zugekommen, haben die Wunden versorgt bzw. verbunden. Die hatten allerdings etwas zu fest gezogen, so dass ich durch den festen Zug Schmerzen verspürt habe.

In der Zwischenzeit hatten mein älterer Bruder und meine Ehefrau von dem Vorfall gehört und sind mit einigen Freunden auch in die Keupstraße gekommen. Da es sich um nahe Verwandte handelte, als ich die erblickt habe, bin ich natürlich zu ihnen gegangen. Es waren in der Zwischenzeit etliche Sanitätswagen eingetroffen, dort wurden unsere Namen aufgeschrieben und unsere Wunden angesehen, inwieweit die gefährlich waren. Es gab einen Schwerverletzten, ein Helikopter war gelandet, um den abzuholen. Ich bin in den Bus gegangen. 45 Minuten hab ich mich da aufgehalten. Später sind wir ins Krankenhaus gefahren worden, ich hatte unvorstellbare Schmerzen, bis wir ins Krankenhaus gefahren wurden.“ [L] gibt kurz Auskunft zur Behandlung. Dann sagt er, es sei auch sehr viel Presse beschäftigt gewesen, alle hätten wissen wollen, was vorgefallen war. [L] weiter: „Meinen eigentlichen Schock habe ich dort erlebt. Ein Patient hatte den Fernseher eingeschaltet und sich den Vorfall angesehen, da wurden auch Untertitel eingeblendet. In dieser Unterschrift hieß es eine auf einem Fahrrad abgestellte Bombe sei explodiert. Als ich das gehört habe, erlitt ich einen Schock nochmal. Ich war nämlich eine kurze Zeit mit dieser Person zum Blick gekommen.“

Er habe sich wieder an diese Person erinnert, so [L]: „Und dass diese Person etwa 1,80 m war und Basecap auf dem Kopf hatte, und Koteletten habe ich gesehen. Ich hatte diese Person von Blick zu Blick gesehen. Nach einigen Stunden ist ein Polizist gekommen. Ich habe dem gesagt, dass ich der deutschen Sprache nicht mächtig bin. Er sagte, das macht nichts, soweit Sie erzählen können, erzählen Sie. Es ist natürlich unsere Aufgabe, der Polizei gegenüber Angaben zu machen. Ich habe das auch gemacht, dass diese Person etwa 1,80 m groß war und eine Käppi auf hatte. Da ich Frisör bin, fallen mir natürlich Haare auf und ich sagte, dass er Koteletten hatte, blonde Haare. Und der Polizist hat gesagt: Kann er nicht etwas dunkelhäutiger sein? Und ich sagte: Ich habe versucht die Person zu beschreiben, was wollen sie denn? Ich hatte Ängste. Am darauffolgenden Tag kamen Berichte, dass wir uns gegenseitig Blicke zugeworfen hätten. Es waren auch Lügenberichte abgedruckt, dass die Person geflohen sei, als sie mich gesehen hätte.“ [L] gibt an, sich aufgrund von Ängsten selbst aus dem Krankenhaus entlassen zu haben und zu Hause geblieben zu sein.

[L] weiter: „Auf den Ratschlag meines Arztes bin ich zu meiner Familie in die Türkei geflogen. Ich bin dann zurückgekehrt und dann fingen die Vernehmungen der Polizei an. Aber die Vernehmungen der Polizei waren nicht derart, als würden wir als Zeugen vernommen werden, sondern als Beschuldigte. Das war für uns eine zweite Verletzung. Es wurden unvorstellbare Vernehmungen durchgeführt, als wollten wir selber die Bombe da hinlegen, um einen Versicherungsbetrug zu begehen, zum Glück hatten wir gar keine Versicherung auf den Laden abgeschlossen. Sie müssen uns so sehr in Verdacht gehabt haben, dass sie uns zwei Monate verfolgt haben. Mein Neffe wurde unter Druck gesetzt, ich wurde nochmal vernommen. Nach einigen Tagen kommt die Polizei zu uns in die Wohnung. Dann wurde mir vorgehalten: Ah, da hast du ein LCD-Fernseher und Laptop. Als ob kein Mensch einen LCD-Fernseher oder Laptop hätte. Wir wurden mitgenommen mit der Begründung, einige Fragen hätten sie. Jedes Mal wenn wir hingegangen sind, drei Stunden, sechs Stunden wurden wir vernommen.“

Götzl fragt, wie weit es vom Standplatz von [L] in der Küchenzeile zur Schaufensterfront des Frisörladens gewesen sei. [L]: „Die Bombe war unmittelbar am Eingang des Ladens deponiert worden, das dürften etwa acht bis zehn Meter gewesen sein.“ Dann hält Götzl aus einem Bericht des Krankenhauses vor, welche Verletzungen [L] hatte und wie sie behandelt wurden. [L] bestätigt die Vorhalte. Götzl fragt, ob [L] etwas zum Alter der Person, die er beschrieben habe, sagen könne. [L]: „Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe so etwa um die 30 angegeben.“ Götzl fragt nach der Kleidung der Person. [L]: „Wie ich sagte, ich habe lediglich auf seinen Kopf geschaut, und die Koteletten gesehen. Auch seine Haare nicht richtig, lediglich die Koteletten.“ Er bejaht, dass ihm auch mal Lichtbilder vorgelegt gezeigt worden seien. Götzl fragt, ob [L] sagen könne, was das für Bilder waren. [L]: „Anfangs wurde mir gesagt, dass eine Person festgenommen worden sei. Sie hatten mich hinter ein Glas geführt, es waren Personen aufgestellt gewesen, Polizisten und die besagte Person. Ich habe daraus zwar keine Person festmachen können. Aber ich hab gesagt, an den Augen könnte ich evtl. eine Person in etwa angeben.“

Vorhalt aus einer Vernehmung von [L] vom 04.07.2004: Er hatte ein Kappe auf, Baseballkappe, die war vorne leicht gekrümmt. Götzl: „Können Sie zur Farbe etwas sagen?“ [L]: „Es kann sein, dass ich schwarz gesagt habe, aber im Moment erinnere ich mich nicht.“ Vorhalt: Es war eine dunkle Kappe, weil die Koteletten waren blond, ein klein bisschen kamen die Koteletten unter der Kappe vor, vielleicht bis zur Mitte. [L]: „Ja.“ Vorhalt: An dieser Stelle werden dem Zeugen die Bilder gezeigt. [L]: „Ja, ich wurde noch einmal zur Vernehmung gerufen und es hieß, dass sie ein Fahndungsfoto zeichnen wollen. Und sie wollten anhand dieser Bilder ein Bild beschreiben lassen.“ Götzl: „Waren das Fotos, es finden sich nämlich keine weiteren Ausführungen hierzu?“ [L]: „Es wurden mir eben damals Lichtbilder von irgendwelchen Tätern oder irgendwelche Fahndungsfotos vorgelegt. Anhand dieser Bilder wollten die mich ein Bild beschreiben lassen.“ [L] verneint, eine Person erkannt zu haben. Vorhalt: Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass es die Person war, die das Rad abgestellt hat. [L]: „Nein.“ Vorhalt: Was ich hier sehe, scheint er einen Dreitagebart gehabt zu haben, aber ich kann mich nicht erinnern, einen gesehen zu haben. [L]: „Ich bin mir nicht sicher, aber ich erinnere mich nicht, das gesagt zu haben. Damals gab es einen Dolmetscher, ich habe meinen Vortrag über einen Dolmetscher weitersagen lassen. Kann sein, dass der Dolmetscher sowas gesagt hat. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen: sowas habe ich nicht gesagt.“

Götzl: „Wie viel Zeit ist denn vergangen zwischen der Beobachtung der Person, die das Rad abstellt, und dem Knall?“ [L]: „Ich bin mir nicht sicher, ein, zwei Minuten vielleicht. Denn von unserem Laden bis zum Ende der Straße sind es vielleicht hundert Meter. Höchstens ein, zwei Minuten.“ NK-Vertreterin RAin Pinar sagt, der Zeuge habe zweimal etwas gesagt, was so nicht übersetzt worden sei und was dann korrigiert worden sei, dass er es mit Bestimmtheit sagen könne: „Ich würde deshalb gern das Türkische auch hören.“ [Die Aussage des Zeugen selbst ist deutlich leiser als die Übersetzung des Dolmetschers.] Nun sagt der Dolmetscher, er habe das vorhin gesagt: „Ich bin mir sicher, dass ich eine solche Aussage nicht gemacht habe.“ Götzl macht weiter mit einem Vorhalt: Frage: Wie viel Zeit ist vergangen zwischen dem Abstellen des Rades und der Detonation – Antwort: Das waren zwischen 5 und 10 Minuten, definitiv kann ich das nicht sagen, weil es hatte sich ein Kunde hingesetzt zum Rasieren. Y:: „Wie ich gesagt habe, mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen.“ Götzl fragt, ob [L] an das Fahrrad noch eine nähere Erinnerung habe. [L]: „Ich kann nicht sagen, wie das Fahrrad ausgesehen hat.“ Da diese Sitzecke etwas höher gewesen sei, habe er nur die oberen Teile des abgestellten Fahrrads sehen können.

Vorhalt: Ich schaute raus, weil ich ja auf meinen Freund mit dem Auto wartete. [L]: „Einen Tag zuvor war mein Wagen defekt. Ich hatte am vorausgehenden Abend meinen Wagen bei einem Verwandten, der Autoschlosser ist, gelassen. Etwa zehn Minuten vor der Detonation hat er mich kontaktiert und gesagt: Ich hab den Wagen fertig und werde ihn vor deinen Laden fahren, könntest Du mich mit dem Wagen nach Hause fahren?“ Vorhalt: Deshalb sah ich den einen mit dem Rad; ich dachte, es sei ein Kunde; der Mann stellte das Fahrrad Richtung Bergisch-Gladbacher Straße; er hat das Rad angelehnt; einmal hat er sich runtergebeugt; am hinteren Teil des Fahrrads hat er sich gebückt. Es sei gewesen, als würde der sein Fahrrad anschließen, so [L] dazu. Götzl: „Haben sie in Erinnerung, ob er irgendetwas sonst mit sich geführt hat?“ [L]: „Wie ich gesagt habe. Das ist alles, was ich gesehen habe.“ Vorhalt aus einer Vernehmung von [L] vom 10.06.2004: Mir ist noch bekannt, dass der Mann einen Rucksack auf dem Rücken trug. [L]: „Ich erinnere mich wirklich nicht an so etwas.“

Dann sagt er: „Nachdem 2011 herausgekommen ist, wer für diese Tat verantwortlich war, ist es mir teilweise schwieriger gefallen. Aber teilweise hab ich mich auch rehabilitiert gefühlt, denn es waren damals auch enorme Anschuldigungen gegen uns erhoben worden. Sei es in den Zeitungen oder im Fernsehen. Sehr viele Berichte gegen uns bzw. über uns sind gebracht worden mit Vorwürfen und Beschuldigungen. Wir waren ziemlich verzweifelt und auch gegenüber unseren Freunden hatten wir Schwierigkeiten. Es ist auch für mich unheimlich schwierig, dass ich mich hier jetzt befinde.“ Dann geht es um Behandlungen und darum, dass eine Verletzung [L] noch immer einschränkt bei der Arbeit.

RAin Singer fragt, ob man von [L] eine Speichelprobe genommen habe. [L]: „Ja das wurde vorgenommen.“ Singer: „Wissen Sie, ob das auch bei Familienmitgliedern gemacht wurde.“ [L]: „Da bin ich nicht sicher.“ Singer: „Hat man gesagt, warum das gemacht wurde?“ [L]: „Das wurde nicht gesagt.“ Es sei lediglich gesagt worden, dass wegen des Bombenanschlags DNA-Proben genommen werden müssten. Singer fragt, ob [L] eine Begründung genannt worden sei warum [L], seine Frau, sein Bruder stundenlang von der Polizei verhört wurden. [L]: „Wie gesagt, sie haben versucht, diesen Bombenanschlag über uns aufzuklären. Ernsthaft hat mir die Polizei folgende Frage gestellt. Als ich fragte, ob sich Entwicklungen ergeben haben, ob Ergebnisse zu finden seien, wurde gesagt: Es ist viel rausgekommen, mit einigen Wörtern, die du uns sagen würdest, würde die Sache aufgeklärt werden.“ [L] sagt, die Polizei habe ihm gesagt, er solle ihnen sagen, wer diese Bombe deponiert hat, der deutsche Staat werde ihm eine neue Lebensgrundlage, ein neues Geschäft, eine neue Lebensmöglichkeit geben. [L] weiter: „Dann sagte ich, okay, dann gebe ich halt den Namen eines von mir nicht gemochten Menschen an, dann geben sie mir halt die Möglichkeit.“ Er habe gesagt: „Was ist denn das für eine Logik, eine Bombe zu deponieren, damit Leute sterben, was soll das für eine Logik sein? Dann wurden mein älterer Bruder, meine Schwägerin, meine Frau und ich da hinbestellt, um vernommen zu werden. Aber niemand wurde darüber informiert, dass der andere auch vernommen wurde. Also, wir wurden einem Kreuzverhör unterzogen. Sie haben versucht, mit den Fragen die Familienmitglieder gegeneinander auszuspielen. Also ich möchte Ihnen Folgendes, wenn Sie erlauben, es ist etwas länger geworden, aus dem Munde meines älteren Bruders vortragen.“

Götzl fragt, was damit gemeint sei. [L]: „Damit will ich sagen, also, mein älterer Bruder, vor dessen Laden die Bombe deponiert worden war, ist als Zeuge nicht hierher geladen worden.“ Dann trägt [L] die Angaben seines Bruders vor. An einem Tag sei ein Deutscher in den Laden gekommen, habe angegeben, dass er als Privatdetektiv arbeite und die Personen kenne, die die Bombe abgestellt hätten. Bevor er die Information mit der Polizei teile, wolle er sie mit ihm, dem Bruder von [L], teilen. [L] sagt dann, man sei etwas aufgeregt, dass ein Deutscher in den Laden kommt und sage, dass er die Person kenne. [L] weiter: „Anschließend gaben sie bei der Polizei an, dass ein Zeuge aufgetaucht sei, der Informationen geben könne. Da hieß es, sie, die Polizei, könnten nicht vorbeikommen, aber er könne die Person vorbeibringen. Mein Bruder brachte die Person zur Polizei in Kalk, aber wir haben nie wieder etwas gehört.“ RAin Singer: „Konnten Sie danach in dem Laden weiter arbeiten, wenn ja, wann haben Sie ihn wieder aufgebaut?“ [L] sagt, er habe etwa ein bis eineinhalb Jahre nach dem Bombenanschlag noch in dem Laden gearbeitet. Natürlich habe die Wiederherstellung des Ladens einige Monate gedauert.

RAin Pinar: „Die Fotos, die Sie sich anschauen sollten, um ein Phantombild erstellen zu lassen. Hatten diese Personen irgendeine Gemeinsamkeit, bspw. Haarfarbe?“ [L] verneint das, das sei ein Lichtbildband gewesen von Personen, die mglw. mal straffällig geworden seien, oder es seien Beschreibungen zu einem Bild gemacht worden und solche Bilder seien ihm vorgelegt worden. Er bejaht, dass ihm nach 2011 mal ein Video gezeigt wurde: „Also, rechts von der Keupstraße ist die Schanzenstraße. Dort ist der Sitz der Viva-Fernsehanstalt, dort ist wohl von der Kamera diese Aufzeichnung gemacht worden. Diese Person führte da ein Fahrrad.“ Pinar fragt, ob die Person, der Person entsprach, die das Fahrrad vor dem Frisörladen abgestellt hat. [L]: „Es war ja keine klare Aufnahme. Ich vermute, wenn das eine klare Aufnahme gewesen wäre, hätte der deutsche Staat diesen Täter mit Sicherheit festgenommen. Aber die Größe und das Käppi entsprach auch dieser Person.“ RA Kuhn fragt, welche wirtschaftlichen Folgen der Anschlag für den Frisörsalon hatte. [L]: „Wirtschaftlich haben wir unheimlich schwierige Tage erlebt. Der Laden gehört zwar meinem älteren Bruder. Aber ich habe natürlich die selben Leiden miterlebt. Schließlich war der Laden in die Luft gesprengt worden.“ Der Laden habe wieder auf die Beine gestellt werden müssen, damit sie etwas essen können, so [L].

[L]: „Obwohl wir eines der Hauptziele dieses Anschlag gewesen sind, haben wir seitens des deutschen Staates keine Hilfe bekommen. Auch die Keupstraße hat enorme wirtschaftliche Abschläge davon getragen. Wenn keine Kunden in die Keupstraße mehr kommen, können natürlich die dortigen Geschäftsbetreiber nichts verdienen.“ Kuhn fragt, ob [L] bekannt sei, ob mal gegen ihn eine längerfristige Observation angeordnet wurde. [L]: „Also, nach diesem Bombenanschlag wurden wir eineinhalb bis zwei Monate beobachtet, das wussten wir auch. Sei es vor meinem Haus oder vor dem Haus meines Bruders saßen irgendwelche Personen in irgendwelchen Wagen. Und die hatten wohl so einen starken Verdacht gegen uns dass sie uns zwei Monate sehr stark verfolgt haben.“ Kuhn hält aus einer Verfügung der StA Köln vor: „Im Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird längerfristige Observation des Geschädigten und Zeugen [L] für die Dauer von einem Monat ab heute angeordnet. Es besteht der Verdacht, dass der Zeuge und sein Bruder ….“ Götzl unterbricht Kuhn und sagt: „Ich würde Sie bitten, Fragen zu stellen.“ Kuhn: „Ich kann die Frage auch vorab stellen: „Herr [L], hatten Sie Kenntnis davon, dass 2006, also zwei Jahre nach dem Zeitraum den Sie geschildert haben, eine Observation gegen Sie angeordnet wurde?“ [L]: „Von so etwas hatte ich keine Kenntnis. Im Gegenteil, ich hatte mich an die Polizei gewandt, uns Personenschutz zu gewähren. Aus Angst.“ Der psychiatrische SV Saß fragt, ob [L] noch Eindrücke der Person erinnern könne, die er gesehen habe, Gesichtsausdruck, Körperhaltung. [L]: „Nein.“

Nach dem Ende der Aussage, teilt Götzl mit, dass der für heute vorgesehene Zeuge erkrankt sei. Daher wird als letztes der sachverständige Zeuge Dr. Mü. zur Behandlung des vorgesehenen Zeugen gehört. Mü. sagt, über die Details könne er nichts sagen. Bei der Befragung stellt sich heraus, dass Mü.s Krankenhaus in den Unterlagen zwar die Eingangszeit, aber ansonsten damals keine digitale Erfassung von Daten stattgefunden habe und die Papierakten im Krankenhaus nicht mehr vorhanden seien. Mü.: „So dass ich aus der Erinnerung zitieren müsste.“ Außerdem stellt sich heraus, dass Mü. den Zeugen überhaupt nicht selbst gesehen hat. Er habe seine Mitarbeiter gefragt, so Mü., die hätten sich nicht erinnern können. Einige Kollegen hätten das Haus gewechselt, die habe er nicht erreicht. Mü. schaut sich einen Ambulanzbogen an und bestätigt: „Ja, das ist der Ambulanzbogen unserer Ambulanz, sehr ausführlich, unterschrieben von einem Kollegen, wenn ich es richtig deute, die Kollegin Frau Dr. Ra., die ist noch bei uns.“

Dann gibt RA Schön eine Erklärung nach § 257 StPO ab. In den Angaben der Zeugen, so Schön, sei die blindwütige Aktivität des Nagelbombenanschlags, nach außen gerichtet gegen alle Menschen in der Keupstraße, sehr offensichtlich geworden. Die Zeugen gestern und heute hätten mit ihren Verletzungen sehr deutlich gemacht, dass es eigentlich ein Glücksfall ist, dass es nicht zu Toten gekommen ist. Der Vorfall bringe deutlich zum Ausdruck, dass Massenmord beabsichtigt war. Durch das „Paulchen Panther“-Video sei klar, wer dahinter steckt: „Wenn man sich da mehr bemüht hätte, woher diese Nagelbombenkonstellation kommt, dieser Copeland, wenn man das sorgfältig aufgeklärt hätte, hätte man eine Menge verhindern können. Da hätte man nach den sechs bereits geschehenen Morden wirklich mehr verhindern können.“ Der Verhandlungstag endet um 16:06 Uhr.

Der Blog NSU-Nebenklage kommentiert:
Zusammenfassend zeigte der Tag erneut, dass die NSU-Bombenleger zwar zum Glück ihr Ziel, möglichst viele Menschen zu töten, nicht erreichten – dass sie aber das Ziel, möglichst viel Leid über die Menschen in Keupstraße zu bringen, leider sehr wohl erreichten. Insofern war es erleichternd zu sehen, dass die BewohnerInnen und BesucherInnen der Keupstraße ihren Kampfeswillen nicht verloren haben. Das zeigte sich an der kraftvollen Kundgebung und Demonstration gestern.
http://www.nsu-nebenklage.de/blog/2015/01/21/21-01-2015/

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