Kurz-Protokoll 192. Verhandlungstag – 12. März 2015

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An diesem Verhandlungstag wird zunächst die Anhörung von Geschädigten der Anschlags aus der Kölner Keupstraße fortgesetzt. Dabei schildert der Zeuge den Anschlag selbst, erzählt, wie er immer wieder durch die Polizei befragt wurde, die ihm auch DNA-Proben abnahmen. Auch schildert er die Folgen des Anschlags bis heute. Anschließend sagt Andreas Re. aus. Dieser war ein Schulfreund von Mundlos. Er schildert ausführlich, wie sich Mundlos zunächst gegen die DDR äußerte, sich dann immer weiter rechts politisierte und sich entsprechend im Alltag aber auch bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald äußerte. Re. erzählt auch von Mundlos’ Jugendclique, der auch Beate Zschäpe angehörte. Auch zu ihr sagt der Zeuge aus und erzählt u.a., dass sie Zigaretten von vietnamesischen Verkäufern klaute. Es geht außerdem um die Jagd auf Linke aus dieser Clique heraus.
Zeuge:

  • [AJ] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • Andreas Re. (Schulfreund von Uwe Mundlos, Erkenntnisse zu Mundlos Jugend und Politisierung)

[Hinweis: Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichten wir auf die namentliche Nennung der Betroffenen des Anschlags in der Kölner Keupstraße. Die Angaben der Zeug_innen zu ihren körperlichen Verletzungen, psychischen Folgen und Behandlungen geben wir hier in einem zusammenfassenden Text wieder.]

Der Prozesstag beginnt um 09:49 Uhr. Der erste Zeuge ist [AJ]. [Wir geben hier die Angaben von [AJ] wieder, wie sie vom Dolmetscher aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt wurden.] Götzl sagt, es geht um Ereignisse am 09.06.2004 im Bereich der Keupstraße. [AJ] schildert: „Es war ein intensives Arbeitstempo an dem Tag. Weil an dem darauf folgenden Tag war ein Feiertag. Bevor die Bombe knallte, fünf Minuten vorher, war ich draußen. In dem Moment, wo ich meine Arbeit wieder fortsetzte, hab ich gespürt wie der Laden zu heiß wurde, ich hab das Fenster im hinteren Bereich geöffnet. In dem Moment ist alles auf einmal geschehen. Ich kann mich sehr gut erinnern, es gab nach innen einen Luftdruck und dann kam es zu einer Riesen-Explosion. Ich war gerade dabei, an einer Dame zu arbeiten. Ich habe zunächst versucht, die Dame in Schutz zu nehmen und im hinteren Bereich nach draußen gebracht. Als ich zurückkehrte, war alles durcheinander, zerstört. Ich will nicht, dass irgendjemand auf der Welt so einen Moment, wie ich ihn erlebt habe, erlebt. Ich habe meinen Freunden angefangen zu helfen. Ich war an einigen Stellen verletzt.“
[AJ] weiter: „Auf einmal, in einer kurzen Zeit kamen die Polizeibeamten, die Ambulanzwagen haben angefangen zu kommen. Die Polizei kam und hat einige Fragen gestellt, aber ich konnte die Fragen nicht verstehen. Im Krankenhaus wurde ich an den Verletzungen behandelt. Aufgrund der Explosion haben wir unsere Arbeit verloren, wir haben in keiner Hinsicht eine Unterstützung bekommen. Die Polizei hat von mir DNA verlangt, das hab ich ihnen gegeben. Ich hatte noch am Ohr etwas, eine Beeinträchtigung, immer ein Ton. Das mit den Ängsten dauert aber noch an.“

Es folgt der Zeuge Andreas Re., 41. Götzl sagt, es gehe um Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe, ob der Zeuge diese gekannt habe. Re.: „Der Uwe Mundlos. Den hab ich in der Schule kennengelernt. In der Schule waren wir zehn Jahre lang zusammen, Schulfreunde. Von den Angeklagten kenne ich die Beate Zschäpe, die hab ich über den Uwe Mundlos kennengelernt. Der Herr Mundlos ist 1987/1988 umgezogen nach Winzerla und im Zuge dessen hat er einen anderen Bekanntenkreis kennengelernt, auch Beate Zschäpe. Ich war da schon öfters dabei die ersten Jahre und von daher kennen wir uns.“ Götzl fragt, wie lange Re. letztlich zu Uwe Mundlos Kontakt hatte. Re.: „Der allerletzte Kontakt war 1995, 1996, ganz flüchtig auf der Straße.“ Götzl: „Beschreiben Sie Uwe Mundlos.“ Re.: „Bis zur 5./6. Klasse war der Uwe eher so pazifistisch unterwegs und war gegen alles, was von dem System uns aufdoktriniert wurde, also von der SED. Von daher war er was Besonderes. Und mit dem Umzug nach Winzerla ist er in die rechte Szene reingekommen, die Gedankengänge wurden absoluter, radikaler. Das fiel natürlich genau in die Zeit der Wende hinein. In der 6./7.Klasse rum fing er an, Ideen oder Geschichten vom Dritten Reich zu erzählen, was die alles Gutes gemacht haben, die Autobahn gebaut und Arbeitsplätze geschaffen zum Beispiel. Und wenn wir gesagt haben: Dein Bruder, Kinderlähmung, das war unwertes Leben zur NS-Zeit, dann hat er das einfach weggewischt, schon so eine gewisse Kälte oder Erbarmungslosigkeit. Also das Menschliche wird völlig separiert, ausgeklammert.“ Götzl fragt, wie die Entwicklung weitergegangen sei. Re.: „Er wurde immer rechter. Das ging los mit der Musik, die wurde gehört und rechte Sachen getragen. Und diese Dinge verstärkten sich immer mehr: Haare geschoren, Stiefel getragen.“
Götzl: „Sie schilderten den letzten Kontakt als zufälliges Treffen, haben Sie da von ihm noch was erfahren?“ Re. sagt, Mundlos habe gesagt, er wollte irgendwo hinfahren zu irgendeinem Rudolf Hess Geburtstag. Er müsse aber noch zuerst zwei vom VS abschütteln. Er habe keinen bekümmerten Eindruck gemacht. Götzl fragt, ob Waffen und Gewalt mal ein Thema gewesen seien. Re.: „Scharfe Waffen nicht. Nach der Wende gings los: jeder musste ein Messer haben oder eine Gaspistole.“ Götzl fragt nach körperlichen Auseinandersetzungen. Re.: „Es waren schon ein paar Schubsereien dabei. Aber dass ich beobachtet hätte, dass er jemand verprügelt hätte kann ich nicht bezeugen.“
Auf Frage sagt Re., Böhnhardt habe er nicht gekannt. Götzl fragt zu Zschäpe, was er sagen könne zu und Verhalten etc. Re.: „Ich habe sie kennengelernt in dieser sogenannten Clique in Winzerla. Sie war sehr selbstbewusst in der Gruppe, aber sie ist mir nicht dadurch aufgefallen, dass sie irgendwelche politischen Meinungen groß vertreten hat.“ Götzl fragt nach dem Verhältnis von Zschäpe und Mundlos. Re.: „Würd ich damals als freundschaftlich beschreiben. Ich hab nur gehört, dass sie später zusammengekommen sind. Hat mir jemand erzählt oder der Uwe sogar selber.“ Götzl fragt, wie häufig sie sich gesehen haben nach dem Umzug. Re. antwortet,vielleicht so jeden 2./3. Tag. Und die Winzerlaer hätten sich sicher jeden Tag gesehen. Das sei eine enge Gemeinschaft gewesen. Zschäpe sei oft dabei gewesen. Götzl fragt, ob Re. etwas zu Zschäpe und rechte Szene sagen kann. Re.: „Nur dass sie in der Clique dabei war und die Clique hat sich schon selber als rechts empfunden.“ Götzl fragt, ob er sich mal mit Mundlos und Zschäpe über Terrorismus unterhalten hat. Re.: „Mit Zschäpe nicht. Aber der Uwe wusste damals schon viel über RAF und Rasterfahndung. Er hat sich sehr dafür interessiert wie man untertaucht.“
Götzl fragt nach Vorlieben von Mundlos für bestimmte Sendungen im Fernsehen. Re.: „Den rosaroten Panther fand er immer ganz toll. Und diese Sprüche, das ist mir jetzt wieder eingefallen mit dem Bekennervideo. Da kommt ja die Stimme aus dem Off. Und diese Sprüche gehörten eigentlich zu seinem Sprachgebrauch.“
Vorhalt: Ri. und Zschäpe haben damals extrem geklaut, Dinge geklaut obwohl sie die gar nicht gebraucht haben. Re.: „Ich habs so in Erinnerung, das war wie ein Sport irgendwo was mitzunehmen, weil mans halt konnte, weil es Spaß machte. Ich weiß noch, dass zu der Zeit gerne in einen Keller eingestiegen wurde, um dann Feiern zu machen mit den Dingen, die man gefunden hat, Alkohol, solche Dinge halt.“ Vorhalt: Zum Einen hat sie sinnlos geklaut und sie hatte ein sehr vulgäres Auftreten und auch ihr sprachlicher Ausdruck ließ nicht auf eine gute Schule schließen. Re.: „In der Gruppe, wie man sich gibt ein pubertäres Wesen halt, das meine ich mit vulgärem Auftreten. Dass man auch mal recht laut wurde und mit unanständigen Ausdrücken herumwarf, das ist vielleicht ein Stück weit normal in so einer pubertierenden Gruppe von Jungs, wenn man sich da behaupten muss als Mädchen.“ Vorhalt: Zschäpe und Ri., was ich so mitbekommen habe, haben sie von den Vietnamesen die Zigaretten geklaut, in die Enge getrieben und die Zigaretten abgenommen. Re.: „Ja, diese Informationen hatte ich aus diesem Gruppengespräch.“ Vorhalt: Wie Sie es erzählen, ein Raub. Gab es auch polizeiliche Ermittlungen? – Das weiß ich nicht, es wurde auch Jagd auf Linke gemacht. Re.: „Ja, da gabs ständig dann in der Stadt Konflikte mit links oder rechts. Oder es hieß die Linken kommen oder: die Rechten sind im Anmarsch.“
NKRA Kuhn: „Haben Sie eine Erinnerung dran, Sprengversuche mit Uwe Mundlos gemacht zu haben?“ Re.: „Ja, wir haben mit Feuer rumgespielt und Spraydosen oder Haarlack heiß gemacht weil die dann explodiert sind.“ Zur Frage nach dem Alter, sagt er mit 16 Jahren. Vorhalt: Nach der Wende hatte er, glaube ich, einen Reizgaspistole. Die hat man ja gebraucht wenn man die Linken gejagt hat. Re.: „Ja, wenn das im Protokoll steht, hab ich das natürlich so angegeben. Aber das ist ja schon vorsichtig formuliert. NKRA Scharmer: „Die Begriffe: Fidschi und Kanacke, spielten die in der Clique eine Rolle?“ Re. bejaht das. Sie seien auf jeden Fall vom Uwe benutzt worden, Fidschi besonders gerne. Aber das sei einfach ein Sprachgebrauch in der Gruppe an sich gewesen. Der Zeuge wird entlassen.
RA Kuhn gibt eine Erklärung zum Zeugen ab: „Die Aussage des Zeugen Re. zeigt, wie gut sich ein Zeugen nach 25 Jahren erinnern kann. Im Unterschied von Zeugen mit ideologischer Verbundenheit zu den Angeklagten ist augenfällig. Eindrücke einer selbstbewussten Beate Zschäpe. Bei Mundlos war schon Anfang der 90er vieles angelegt, was nach der Gründung des NSU wichtig werden sollte. Das reicht von der Vorliebe für Paulchen Panther, seine völlige Empathielosigkeit für im KZ ermordeten Juden bis hin zum ersten Zielschießen und erste Sprengversuche im Steinbruch. Der Zeuge schilderte plastisch die sich über viele Jahre entwickelnde Einstellung von Mundlos. Umstände, die die Eltern Mundlos bestritten hatten. Jagd auf Linke und Vietnamesen Zigaretten wegnehmen. Mundlos verfügte nicht nur über eine NS-Einstellung, zeigte sie offen und versuchte andere zu überzeugen. Die Angaben haben ergeben, dass die politische Überzeugung bereits in den 90ern voll ausgeprägt war, als er Wohlleben und Gerlach kennenlernte und das Beate Zschäpe die Phase der Radikalisierung mit ihm erlebte.“ Der Prozesstag endet 16:05 Uhr.

Hier geht es zum Kommentar des Blog NSU-Nebenklage: http://www.nsu-nebenklage.de/blog/2015/03/12/12-03-2015/

Zur vollständigen Version des Protokolls geht es hier.