Kurz-Protokoll 196. Verhandlungstag – 26. März 2015

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Am heutigen Prozesstag wurde noch ein Geschädigter des Nagelbomenanschlags in der Keupstraße gehört, der damals dort ein Geschäft betrieben hat. Zum Zeitpunkt der Detonation befand er sich auf der Straße. Seine Kinder im Laden wurden nur durch einen parkenden Minibus vor Nageleinschlägen bewahrt. Im Anschluss wurden zwei Angestellte der Stralsund zu den Überfällen am 07.11.2006 und 18.01.2007 befragt.

Zeug_innen:

  • [AK] (Geschädigter des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße)
  • Doris M. (Angestellte der Sparkasse Stralsund, Zeugin der )
  • Marlies B. (Angestellte der Sparkasse Stralsund, Zeugin der Banküberfälle)

Der Prozess beginnt um 09:55 Uhr. Der erste Zeuge [AK] ist mittlerweile Rentner, vorher hatte er ein Geschäft in der Keupstraße in . bittet ihn, seine Erinnerungen an die Geschehnisse am 09. Juni 2004 zu erzählen. Der Zeuge erzählt, an dem Tag sei sein Sohn zu ihm gekommen, um ihm zu helfen. Um frische Luft zu schnappen, sei er hinaus gegangen. Während sie unter dem Baum miteinander gesprochen hätten, habe es auf einmal einen Knall gegeben. Er wisse nicht mehr, wohin er geschleudert worden sei. Als er aufgestanden sei, habe er sich ein wenig kontrolliert und sei schnell in den Laden gerannt, denn sein Sohn und seine Tochter hätten sich im Laden befunden. Als er den Laden betreten habe, habe er seine Kinder unter Schock stehend gesehen. Seine Tochter sei ganz durcheinander gewesen, weil sie gegen eine Wand geschleudert worden sei. Er habe dann auf die gegenüberliegende Seite geschaut, dort hätten Menschen, junge Menschen, auf der Straße gelegen, die hätten geblutet. Er sei dorthin gegangen. Dort habe ein Junge auf dem Boden gelegen.

Die Ambulanz sei gekommen und habe Erste Hilfe geleistet. Sie hätten auch den Jungen mitgenommen, er sei schlimmer verletzt gewesen als die anderen Kinder, die auch dort waren. Er sei dann zurück in den Laden. Während er dort saß, habe er einen Ton im Ohr verspürt, habe das aber nicht so ernst genommen. Im Laden sei alles zerstört gewesen, heruntergefallen, Telefonleitungen abgebrochen, Computer kaputt gegangen. Weil die Kundschaft nicht mehr gekommen sei hätte er großen Schaden erlitten. Er habe 2011 den Laden schließen müssen. Er sei dann Rentner geworden.
Götzl fragt nach den Verletzungen des Sohnes und der Tochter des Zeugen. Sie hätten, so [AK], unter Schock gestanden. Links neben dem Eingang in den Laden seien Fensterscheiben gewesen, dort habe sein Sohn gesessen. Vor dem Fenster auf der Straße habe ein Minibus gestanden, in den 52 Nägel eingeschlagen seien. Hätte dieser Minibus nicht da gestanden, hätten alle Nägel seinen Sohn getroffen. Götzl fragt nach Folgen aus dem Anschlag für den Zeugen selbst, die über das bereits Geschilderte hinaus gehen. Trauer, antwortet [AK], der Mann gegenüber, das sei ihr Freund gewesen und der war schwer verletzt.

Es folgt die Befragung der Zeugin Doris M., Bankangestellte der Sparkasse in Stralsund. Götzl bittet die Zeugin zu berichten, was sich bei den Überfällen am 07.11.2006 und 18.01.2007 zugetragen hat. Sie solle mit dem Vorfall am 07.11.2006 beginnen. Das sei, so Doris M., ein Dienstag Abend kurz vor 18 Uhr gewesen. Sie sei in ihrer Beraterkabine gewesen und habe telefoniert. Im Hintergrund sei es laut geworden und auf einmal habe jemand maskiert in ihrer Beraterkabine gestanden und ‚Hände auf den Tisch‘ geschrien. Dann habe er die Kabine verlassen, es sei sehr laut gewesen, Gepolter und etwas, das sie wie einen Knall oder Schuss empfunden habe.

Götzl fragt nach den Folgen des Überfalls. Die Angst lebe, so die Zeugin, nach wie vor mit und es sei nicht einfach, das zu verarbeiten. Körperlich sei sie nicht verletzt worden, aber psychisch. Und jetzt lebe alles wieder auf.

Götzl kommt auf den vom 18.01.2007 zu sprechen. Der 18.01.2007, beginnt M., war ein Donnerstag. Sie sei, so die Zeugin, gegen 17:00 Uhr fertig gewesen und habe eine Kundin hinausbegleitet. Sie hätten in der SB-Zone gestanden und auf einmal habe eine maskierte Person vor ihr gestanden. Sie könne sich an einen dunkelblauen Anorak erinnern und die Kapuze. In dem Moment habe er die Kapuze runtergenommen und dort sei wieder einen schwarze Sturmmaske gewesen. Und sie habe gedacht: Nein, nicht schon wieder. Er habe geschrien: ‚Rein und hinlegen‘. Sie habe zu ihrer Kundin gesagt, sie solle machen, was sie sagen. Sie hätten beide im Eingangsbereich gelegen. Es sei sehr laut um sie herum geworden. Sie sei von zwei Tätern ausgegangen. Der eine habe immer vor dem Tresen getänzelt. Dann sei das Prozedere wieder losgegangen mit Tresordrehen und eine Tüte von einem Einkaufsdicounter.

Götzl fragt nach den Folgen für die Zeugin nach dem zweiten Überfall. Nach dem ersten Überfall, so M., habe sie ganz normal weiter gearbeitet, wenn man das so nennen könne. Nach dem zweiten habe sie erst wieder gearbeitet, sei dann aber vier Wochen krank geschrieben gewesen. Sie habe nie psychologische Betreuung in Anspruch genommen. Aber es sei ein Einschnitt im Leben gewesen.

Es geht weiter mit der Befragung der Zeugin Marlies B., ebenfalls Mitarbeiterin der Sparkasse Stralsund. Götzl bittet auch sie, ihre Erinnerungen an die beiden Überfälle zu schildern und mit dem am 07.11.2006 zu beginnen. Sie habe, so die Zeugin, gerade ihre Beratung beendet und ihre Kunde sei aus dem Beraterzimmer gegangen. Da sei ein Schuss gefallen und der ältere Herr, der bei ihr am Beraterzimmer stand und sich am SB-Terminal zu schaffen gemacht habe, sei zu Boden gegangen. Sie habe angenommen, er sei an- oder erschossen worden. Sie habe sich nicht getraut rauszugehen, habe das Licht ausgemacht und sei unter den Schreibtisch gekrochen. Sie habe den Alarmknopf suchen wollen, habe aber die Maus angefasst und der Bildschirmschoner sei angegangen. Da habe sie Panik bekomme, weil sie den Mann in der roten Jacke mit zwei Pistolen gesehen habe, die eine Pistole habe er direkt auf ihr Zimmer gerichtet. Sie sei an die Anrichte in der äußersten Ecke gekrabbelt und dort sitzen geblieben.

Götzl kommt dann zum zweiten Überfall. Da habe sie, erinnert sich die Zeugin, kurz vor Feierabend gerade an der Kasse gesessen. Es habe draußen gestürmt und in dem Moment seien keine Kund_innen da gewesen. Sie habe gerade den Kopf nach unten und mit dem Geld zu tun gehabt, als auf einmal kamen zwei reinkamen und sie habe einen Schuss gehört und dieses komische Geräusch, das sie schon beim ersten Mal wahrgenommen habe und einen eigenartigen Geruch. Sie habe ihren Kopf gehoben und schon eine Person vor sich stehen sehen. Wieder dieser Lange mit dem Anorak und der Maske. Er habe die Pistole direkt vor ihr Gesicht gehalten und gesagt: “Weg da, weg da”. Da habe sie schon den Knopf gedrückt gehabt. Sie habe aufstehen müssen. Der andere sei durch gerannt, die anderen Kollegen hätten sich hinlegen müssen. Er habe auch wieder einen roten Anorak angehabt. Dann sei der Lange mit der dunkelblauen Allwetterjacke gekommen. Der habe wohl eine Kapuze aufgehabt über dieser Haube.

Dann hätten sie die Tür zum Tresorraum aufmachen müssen. [Die Zeugin weint bei dieser Beschreibung sehr, sie kann erst gar nicht weiter sprechen]. Dann habe Frau Tr. den PIN-Code eingeben müssen. Sie selbst habe den Schlüssel nicht schnell genug reinbekommen und da habe er gesagt: “Keene Verarsche, ich knall dich ab”. Das müsse ein Magdeburger Dialekt oder Halle oder so gewesen sein. Als der Tresor auf gewesen sei habe er gesagt, sie solle das ganze Geld reintun. Aber das sei ihm wahrscheinlich zu langsam gewesen und der habe sie dann zur Seite geschubst und das ganze Geld selber da reingehievt in diese Plastiktüte. Als alles vorbei war, sei sie erstmal zusammen gesackt.
Welche Folgen dieser Überfall auf die Zeugin hatte, will Götzl nun wissen. Sie sei, antwortet sie, seitdem berentet, weil sie das einfach nicht vergessen könne. Nachts habe sie Angstzustände. In der ersten Zeit habe sie noch nicht mal in die Stadt gehen können, weil sie immer nur auf große Menschen geachtet habe, die Augen. Sie nehme seitdem Psychopharmaka und habe nicht mehr arbeiten können. Um 14:41 Uhr beendet Götzl die Beweisaufnahme und schließt die Sitzung.

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