„Wir wünschen uns umfassende Aufklärung. Wir wünschen uns, dass so etwas in Deutschland nie wieder passiert.“ – Statement von Mustafa Turgut vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Mecklenburg-Vorpommern am 23. April 2021

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an Mehmet Turgut in Rostock

Mehmet Turgut wurde am 25. Februar 2004 vom in Rostock ermordet. Seit 2018 gibt es einen NSU- in . In der letzten öffentlichen Sitzung dieses ersten NSU-Untersuchungsausschusses in Mecklenburg-Vorpommern am 23. April 2021 war Mustafa Turgut, der Bruder von Mehmet Turgut, eingeladen. Vor dem Landtag fand eine solidarische Kundgebung statt, die auch forderte, dass die Aufklärung in Mecklenburg-Vorpommern nach der Wahl fortgesetzt wird. In der Ausschusssitzung verlas Mustafa Turgut ein Statement, welches wir hier dokumentieren.

„Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung. Ich möchte Ihnen kurz meine Erlebnisse und Eindrücke von dem NSU und auch dem NSU-Prozess berichten.

Vor mehr als 17 Jahren wurde mein Bruder von dem NSU getötet. Ein junger Mensch wurde auf einmal aus dem Leben gerissen, ohne irgendetwas gemacht zu haben.

Es war schrecklich, nicht zu wissen, weshalb unser Bruder getötet wurde. Wir haben uns jahrelang immer wieder die Frage gestellt: WARUM?

Solidaritätskundgebung vor dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern am 23. April 2021

Mein Bruder hat niemanden etwas angetan. Wir wurden von allen Seiten bedrängt. Es kamen die Gerüchte auf. Meine Eltern mussten aus ihrem Dorf wegziehen. Es war für sie schrecklich, dass die Leute gedacht haben, ihr Sohn muss etwas gemacht haben oder ihr Sohn sei kriminell. Die Leute sagten, keiner wird einfach so umgebracht.

Deswegen haben wir uns immer und immer wieder die Frage nach dem WARUM gestellt.
Wir hatten jedoch keine Feinde. Unsere Familie hatte niemanden etwas angetan – weder in Deutschland noch in der Türkei. Unsere Familie war eine angesehene Familie. Jeder mochte meine Eltern und meine Familie.

Wir haben schon damals gesagt – auch der Polizei: Wir haben keine Feinde, wir haben niemanden etwas angetan: Es müssen NAZIS gewesen sein. Keiner glaubte uns jedoch.

Solidaritätskundgebung vor dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern am 23. April 2021

Und jetzt kommt alles raus. Mein Bruder wurde von NAZIS umgebracht, einfach so. Aber auch jetzt wissen wir nicht, warum ausgerechnet unser Bruder. Auf diese Frage haben wir immer noch keine Antwort. Mein Bruder und die anderen Opfer werden nicht wieder zurückkommen. Aber wir wünschen uns alle, dass wir unsere Antworten bekommen. Die Täter sollen bestraft werden und die Helfer sollen ausfindig gemacht werden. Wir wünschen uns umfassende Aufklärung. Wir wünschen uns, dass so etwas in Deutschland nie wieder passiert.

Der NSU-PROZESS hat 5 Jahre gedauert. Ich finde es gut, dass die Täter bestraft wurden. Aber ich muss leider auch sagen, dass viele Fragen offen geblieben sind. Immer noch sind wichtige Fragen nicht geklärt und wir haben immer noch nicht die wichtigen Antworten erhalten. Wir wissen immer noch nicht, weshalb gerade unser Bruder ermordet wurde.
Bedenken Sie bitte, dass der Tatort in Rostock von jemanden ausgesucht sein muss, der sich dort auskennt. Viele Tatorte waren so gelegen, dass sich nur Einheimische dort aufgehalten haben müssen. Und leider wissen wir daher immer noch nicht, wie der NSU die Tatorte gewählt hat und ob sie Hilfe erhalten haben. Wir glauben, dass der NSU Helfer vor Ort hatte. Wir glauben, dass der NSU größer ist, als bisher angenommen wird. Und wir hoffen, dass wir endlich Antworten auf diese Fragen bekommen. Wir sind unseren Angehörigen diese Antworten schuldig. Und dafür werden wird alles tun.

Vielen Dank.“