„Das sind jetzt wieder Notizen, die zu Gedanken Anlass geben.“ – Der Prozess gegen Franco Albrecht – 6. Verhandlungstag, 15. Juni 2021

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Am sechsten Verhandlungstag im Prozess gegen Franco Albrecht werden einige Notizen von dem Angeklagten gesichtet, die mutmaßlich Ideen für rechtsterroristische Anschläge beschreiben. Albrecht bestreitet dies, seine Erklärungen scheinen aber auch das Gericht nicht zu überzeugen.

Der Prozesstag beginnt um 10:02 Uhr, diesmal wird im kleineren Saal II des OLG Frankfurt verhandelt. Der Vorsitzende Richter Koller sagt, dass man am letzten Tag bei der Einlassung von Franco Albrecht stehen geblieben sei und man sich dabei mit Notizen befasst hätte. Koller fordert den Angeklagten auf, weiter zu machen. Albrecht sagt zunächst bezüglich Annetta Kahane, es liege ihm fern, dass er mit Menschen, die sich politisch links einordnen würden, nicht sprechen würde. Es geht dann um weitere Notizen Albrechts, zu denen er am letzten Verhandlungstag angekündigt hatte, er wolle sie mit einer Skizze erklären. Es handelt sich um das Blatt seiner Notizen, auf denen sich unter anderem untereinander steht „Suzi klein → Offenbach →Schrotflinte Zug Berlin →Motorrad Berlin →Motorrad Straßbourg →Auto Bayreuth → Erding“. Es wird angenommen, dass es sich bei dieser Notiz um den Plan eines Waffentransports handelt.

Albrecht begibt sich zur Inaugenscheinnahme zur Dokumentenkamera, die vor dem Richtertisch steht und beginnt, die erklärende Skizze zu zeichnen, die sich als Deutschlandkarte herausstellt, auf denen er die in der Notiz genannten Städte einzeichnet. Er sagt, es handele sich bei der Notiz um ein „Ablaufdiagramm“, das innerlich nicht stringent sei. „Suzi“ sei seine Suzuki, die stehe normalerweise in Offenbach und das Motorrad sei seine „Honda Africa“ für längere Strecken, die stehe normalerweise in Strasbourg. An diesen Orten seien sie auch jeweils von der Polizei vorgefunden und durchsucht worden. Der Angeklagte führt aus, er sei mit der Honda nach Berlin gefahren, habe eine Panne gehabt und habe das Motorrad in Berlin stehen lassen. Das „Ablaufdiagramm“ diene dem Zweck nach der Reparatur der Honda die Fahrzeuge jeweils so zu überführen, dass nicht in einer Stadt am Ende zwei Fahrzeuge sind und alle am Ende an dem Ort stehen, wo Albrecht sie normalerweise parke.

Albrecht erklärt dann die Notiz „Schrotflinte“: Er habe in seiner Straße auf einem Flohmarkt einmal ein Flobertgewehr gesehen, das habe 200 Euro gekostet. Das sei ihm zu viel gewesen, daher habe er in Berlin auf Flohmärkten, beispielsweise auf dem Boxhagener Platz, nach so einem Gewehr schauen wollen. Das habe er aber zunächst vergessen: „Deswegen habe ich mir aufgeschrieben ‚Schrotflinte‘, damit ich‘s nicht vergesse.“ Er habe außerdem vorgehabt mit dem Auto zu den Bayreuther Festspielen zu fahren, er habe das immer seltsam gefunden, dass Richard Wagner „bei seinem Hintergrund“ als „Gallionsfigur“ gelte. Das habe er aber verworfen und sei direkt nach Erding gefahren: „So ist das zu erklären.“ Albrecht fügt hinzu, es sei in der Presse behauptet worden, er habe einen Komplizen gehabt, gegen diese Artikel sei er rechtlich vorgegangen, dieser Komplize sei einfach erfunden worden, führt der Angeklagte in einem längeren Monolog zur Medienberichterstattung über seinen Fall hinzu. Albrecht kommt noch einmal zurück auf das Motorrad und sagt, er habe die Reparaturquittung noch, die habe seine Freundin [Sophia Ti.] beglichen, die er in Berlin besucht habe. Er habe auch den Abschleppbericht des ADAC vorliegen.

Koller: „Ich versteh ja, dass Sie sich überlegen, mit welchen Fahrzeugen Sie wohin fahren. Da bin ich dabei. Aber dass Sie sagen, ‚Schrotflinte‘ hätte nur damit zu tun, dass Sie mit nach einer Schrotflinte auf dem Flohmarkt schauen. Ich finde das nicht so plausibel, weil es hier um Fahrzeuge und Routen ging.“ Er fragt nach der nächsten Notiz auf dem Zettel: „In der Mitte gibt‘s den Satz ‚Heute kriegst du Leute auf die Straße durch Musik. Und da kommt Xavier ins Spiel‘. Xavier Naidoo meinen Sie?“ Albrecht: „Ja, den Musiker. Da steht nicht: Leute kriegst du auf die Straße, indem du ein Attentat begehst. Sondern eine absolut friedliche Botschaft, keine Tumulte, sondern um zu demonstrieren.“ Koller hakt nach, ob Albrecht Leute auf die Straße habe bekommen wollen und dass Xavier Naidoo auftritt. Albrecht verneint die Frage, es habe keine Planung gegeben, es sei „ein Gedanke“ gewesen.

Koller kommt zur nächsten Notiz: ‚Die Wahrheit ist ja da! Sie muss nicht erst gemacht werden. Nur begreifbar gemacht werden muss sie, sie muss nur begreifbar gemacht werden, in Worte gefasst werden‘. Albrecht entgegnet, da stehe nicht „meine Wahrheit steht da und ist absolut und muss mit Gewalt umgesetzt werden“, es sei hier „überhaupt keine“ Gewaltdimension dabei. Koller: „Man könnte der Auffassung sein, Sie sind im Besitz der Wahrheit und müssen sie nur anderen begreiflich machen.“ Albrecht versucht allgemein zu diskutieren, worum es in dieser Notiz geht – eventuell, dass man Wahrheit so formulieren müsse, dass sie nachvollziehbar sei – sagt aber auf Nachfrage, er könne nur vermuten, worum es ihm gegangen sei, das sei ja fünf Jahre her.

Auf Nachfrage sagt Albrecht, er könne nicht mit Sicherheit sagen, in welchem Zeitraum die Notizen entstanden seien. Koller sagt zu den Notizen: „Man kann es auch so interpretieren: Einer hat die absolute Wahrheit und muss das den anderen begreiflich machen, z. B. durch eine Demo, in dem man Xavier Naidoo einlädt. Naidoo hat eine bestimmte politische Richtung, müsste man diskutieren. Oder anderweitig den Leuten die Wahrheit klar machen. Und komischerweise sind unten zwei Leute aufgeschrieben, die nicht in Ihre politische Richtung passen.“ Und dann sei dort auch die Skizze des Ortes, an dem Annetta Kahane arbeite: „Da könnte man ja auch solche Gedanken haben. Aber Sie sagen: Das hat nix miteinander zu tun.“ Albrecht macht längere Ausführungen, warum es sich bei den Notizen nicht um einen Plan handele und wie man sie einordnen müsse. Danach geht es um die Rückseite des Zettels, auf der eine Art To-Do-Liste zu finden ist, auf der steht, er wolle ein Schloss ausmessen und Schlüssel für seine Motorräder nachmachen lassen, außerdem steht da „Kamin“. Albrecht erklärt alle Punkte aus seiner Sicht, beispielsweise damit, dass er immer wieder Schlüssel verliere. Koller: „Für mich ist komisch, dass das alles auf einem Zettel ist.“ Albrecht: „Weil es eben nicht für einen Anschlag ist.“ Koller diskutiert mit dem Angeklagten, dass er es anders sehe, nennt die Notiz „Schrotflinte Zug Berlin“ und dass zwei Menschen auch auf dem Zettel verzeichnet seien, die nicht auf der politischen Linie des Angeklagten seien.

Es geht dann um die Wegskizze auf dem Notizzettel und Albrecht sagt, er habe damit den Weg von der U-Bahn zum Gebäude finden wollen. Koller hakt nach, ob er kein Handy habe und Albrecht und sein Anwalt Hock sagen, das werde einem in der Bundeswehrausbildung beigebracht, Albrecht: „Als Infanterioffizier geht es einem in Fleisch und Blut über, solche Wegskizzen zu machen.“ Koller: „Wann macht ein Offizier solche Skizzen?“ Albrecht antwortet, beim Einzelkämpferlehrgang sei dies der Fall, „wenn es ums Orientieren ging“. Koller: „Also bei einem Einsatz. Aber da könnte man doch denken: So hat es Herr Albrecht in seiner Ausbildung gelernt und jetzt macht er eine Skizze, weil das ein Einsatz für ihn ist“. Albrecht sagt, man müsse „schon einen Drang haben, das so zu sehen“, aber es sei „logisch nachvollziehbar“.

Nun werden Notizen in einem schwarzen Notizbuch in Augenschein genommen, dazu verliest Richterin Adlhoch die Notizen, Albrecht schaltet sich immer wieder – ungefragt und zum Teil verbessernd – ein und liest selbst Teile vor. Koller: „Nein! Wir verlesen! Das was Sie dazu erklären, wäre eine Einlassung.“ Koller fragt dann, ob Albrecht dazu was erklären wolle, dieser willigt ein und sie gehen die Notizen einzeln durch. Zunächst geht es um eine Art To-Do-Liste. Albrecht geht diese durch erklärt, er habe ein zweites Bankkonto eröffnen wollen, habe mal überlegt, zu Kellnern und habe sich die russische NGO „Institut de Democratie et de la Cooperation“ notiert. Zur Notiz „justieren“ könne er nichts genaues mehr sagen, so Albrecht. Der Angeklagte fügt hinzu, er habe sich statt eines Fernsehers eine Anlage mit dem Pico-projektor von Philipps bauen wollen: „So ein handgroßer Projektor“. Albrecht zeigt den Projektor und Koller unterbricht: „Wir verhandeln öfters gegen Islamisten. Hat man sich das bei der Einlasskontrolle angeguckt?“ Albrecht: „Nein, das haben meine Anwälte mit rein genommen. Den gab es in verschiedenen Ausführungen, einmal mit, einmal ohne W-Lan. Wir sind gerichtlich vorgegangen gegen das RND, wo es hieß, wir wollten das Ding umbauen und wie der Christchurch-Mörder die Taten filmen. Hat leider viele nicht gehindert, diese Botschaft weiterzuverbreiten.“ Er wisse gar nicht, wie oder ob man diesen Projektor so umbauen könne.

Albrecht gibt im Verlaufe des Verhandlungstages an, dass er viele der Namen oder Organisationen notiert habe, um zu ihnen zu recherchieren, nicht um Anschläge zu begehen: „Da wollte ich mal ein bisschen recherchieren […] da wollte ich mir Hintergrundinformationen beschaffen“. Bei der Notiz Wien, „da müsste es um den Sommer gehen“. Er sei vor „der Sache mit dem Ball“ schon einmal in Wien gewesen, weil sie eine Freundin besucht hätten. Albrecht sagt zu der Notiz „Wenn wir noch länger warten, dann haben Sie Roboter und dann ist es egal, ob wir die Menschen für uns gewinnen können oder nicht“, dass er da einen einen Film geguckt haben werde, Star Wars oder Matrix und dann habe er selbst „einen Film geschoben“, aber dahinter stehe nichts gewalttätiges. Albrecht spekuliert zu weiteren Notizen, wie sie gemeint sein könnten, ohne aber auf Aufforderung des Senats konkrete Erinnerungen dazu zu benennen.

Albrecht gibt an, einige Notizen auf der in Augenschein genommenen Notizbuchseite bezögen sich auf seine Pläne für den Zeitpunkt, an dem er die offenbar erwartete Beförderung zum „Zugführer“ in der Infanterie bekommen hätte. Meditieren sei wichtig, um eine mentale Ausbildung zu haben. Dann geht er auf eine Notiz ein, zu der Albrecht angibt, dies hätte er als „Wahlspruch“ seines Zuges ausgesucht, es wäre dann gerufen worden: „Wenn nicht wir – wer dann? Wenn nicht hier – wo dann? Wenn nicht jetzt – wann dann?“ Albrecht: „Weil viele ganz oft dran scheitern, dass man Ausflüchte sucht, die mit wo, wer und wann begründet werden.“ Mit diesem Spruch wäre der Zug aber einsatzbereit gewesen, das sei aus einer jüdischen Schrift inspiriert. In den Notizen geht es außerdem um MMA Nahkampf, damit habe er gemeint, dass er diese Kampfsporttechnik mit seinen Soldaten forciert hätte. Auch die Notizen „ich bin der Boss“, „beim ersten Versuch Platz einnehmen, gleich klarmachen und Leine kurz“ und „ich bin der Vater, ja ich bin 27, aber ich bin der Vater“ seien in diesem Kontext zu sehen, man müsse als Zugführer Disziplin walten lassen, sagt Albrecht und macht weitere Ausführungen zu Führungsphilosophien bei der Bundeswehr. Albrecht: „Das war Zukunftsplanung. Meinen Zug hätte ich erst übernehmen können nach dem Lehrgang, bei dem ich festgenommen wurde.“

Koller: „Ich hab ganz viele Fragen. Was ist damit gemeint ‚wir sind an einem Punkt, an dem wir noch nicht handeln können‘?“ Albrecht: „Ich kann mich nicht erinnern. Es könnte sich auch auf einen Zug beziehen.“ Koller: „Sie erinnern sich nicht? Man könnte auch sagen: Ich bin der Führer Deutschlands, da ist man noch nicht, es muss noch was passieren?“ Albrecht: „Aber da müsste man ja ich sagen und nicht wir.“ Richterin Adlhoch fragt allgemeiner zu Albrechts Ausführungen: „Sind das Ihre heutigen Interpretationen oder haben Sie das damals gedacht?“ Albrecht: „Ich versuche das so darzustellen, wie ich damals gedacht haben könnte.“ Koller fragt nach der „Wenn nicht wir, wer dann, wenn nicht jetzt, wann dann“- Notiz und Albrecht wiederholt, jede Kompanie habe so einen Wahlspruch. Koller sagt, es gäbe ein Sprachmemo, in dem sich Albrecht auch mit dem Satz befasse, dieses würde er jetzt abspielen. Albrecht: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir das nicht machen würden, meine Ansicht ist, dass das zu weit geht, wenn man diese Pforte öffnet. Ich hätte das sehr ungerne. Das ist wie Tagebuchcharakter. Das fühlt sich für mich sehr unangenehm an.“ Koller antwortet, man habe auch noch nicht geprüft, ob man es verwerten könne, aber „es passt aber hier haargenau, weil es sich auf den Spruch bezieht, aber einen anderen Kontext hätte und erbringt, wie damals Ihre Gedankenwelt war“. Koller legt eine kurze Pause ein, danach sagt er, man habe es noch nicht beraten, ob Albrecht und seine Verteidigung dazu mitbestimmen könnten.

Koller sagt, er wolle zum Kalenderblatt 11. September kommen aber Albrecht unterbricht, er wolle ein Dokument vorlegen. Koller: „Das ist dann formal eine Beweismittelanregung und ich entscheide, ob wir das in Augenschein nehmen, wenn ich eine Fundstelle aus der Akte kriege.“ Albrechts Verteidiger Hock sagt, er habe eine ergänzende Erklärung zu diesem Zettel. Er sagt zu der Wegskizze, dass beim Militär „in Fleisch und Blut übergeht“ wie man von A nach B ohne Elektrik komme. Daher sei das nicht so „lebensfremd“. Ein „militärischer Führer vom Rang des Angeklagten“ mache sich selbstverständlich solche Skizzen macht, ohne dass man irgendwelche Anschlagspläne hineininterpretiere.

Adlhoch verliest aus dem Taschenkalender die Eintragung zum 11. September: „Roth: Leute wie Ihr saugen uns unser Volk aus, das müsst Ihr bezahlen. Ihr seid römische Verderbtheit“, „lokalisieren wo sie ist“, „instagram, facebook“ [phon.] und „Gruppe Antifa Granate Asylant werfen lassen filmen“. Außerdem steht auf der Seite „Granate Tschechien Geld Raub“, „Polizeifunk abhören René“, „secret relationship between blacks and jews. Wahrheit verhindern.“ Albrecht sagt, Roth habe sich mit dem Ausspruch „Deutschland verrecke du mieses Stück Scheiße“ „bezichtigt“ und für „jedem normalen Menschen“ sei fragwürdig, wie so jemand für Deutschland Politik machen könne. Instagram habe er nicht gehabt, er habe schauen wollen, „was da alles noch für Dinge geäußert werden“. Albrecht: „Ich kann das nicht nachvollziehen, wie man dann Politik im Sinne des Deutschen Volkes machen kann.“ Koller: „Darüber kann man ja diskutieren, aber wieso ‚lokalisieren wo sie ist‘“? Albrecht: „Ja, auf den Plattformen.“ Koller: „Man könnte auch sagen: Wo sie sich körperlich aufhält.“ Albrecht: „Dann würde der Strich für Berlin stehen.“

Koller: „Und ‚Gruppe Antifa Granate‘?“ Albrecht: „Nein, es geht weiter mit ‚Tschechien Raub‘“. Dazu sagt der Angeklagte, er habe sich öfter überlegt, wie man etwas „filmisch-theatralisch“ darstellen könne. „Aber das erschließt sich mir jetzt auch nicht mehr genau.“ Koller hakt nach „Granate Asylant werfen lassen“ sei ein Plan für einen fiktiven Film gewesen? Albrecht: „Wäre meine einzige Erklärung. Wenn das mehr als Ideen wären, wär‘s ja umgesetzt worden.“ Koller fragt, was das mit „Gruppe Antifa“ zu tun habe. Albrecht sagt, er habe damals gehört, dass Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen inszeniert seien, um ein schlechtes Bild zu erzeugen: „Mehr kann ich dazu nicht sagen, dass wäre Kaffeesatzleserei.“ Auf die Frage, ob er sich mit Film beschäftigt habe, sagt Albrecht in der Schule habe er mit Filmschneidesoftware gearbeitet, er habe einen Dokumentarfilm von der Abschlussfahrt nach Istanbul gemacht. Seitdem habe er nicht mehr gefilmt. Koller: „Herr Albrecht, wir machen uns ja auch unsere Gedanken, und man könnte zu der Würdigung kommen, jemand will auf eine Gruppe von Antifa-Leuten eine Granate werfen lassen und es wird gefilmt, dass ein Asylbewerber das gemacht hat. Ganz plakativ sind die Linken flüchtlingsfreundlich und wenn ein Asylbewerber eine Granate auf eine Gruppe Antifas wirft, dass die Linken nicht mehr ganz so flüchtlingsfreundlich sind. Das ist nicht meine Interpretation, aber eine Interpretationsmöglichkeit. Ich finde das mit dem Film – also warum soll jetzt ein Film gemacht werden? Ich verstehs nicht!“ Albrecht: „Ich verstehe es auch nicht oder nicht mehr.“

Zu der Notiz „Polizeifunk abhören“ sagt Albrecht, die benannte Person kenne sich mit Tontechnik aus. Koller: „Also das hat auch mit einem Filmprojekt zu tun?“ Albrecht: „So würde ich mir das erklären, weil ich mir das nicht anders erklären kann.“ Koller: „Wenn ich einen Anschlag vorhabe und lokalisiert hab wo die Frau Roth ist, da muss ich auch den Polizeifunk abhören.“ Albrecht sagt, der benannte Renè sei ein Ruderfreund. Koller fragt, ob das alles auf einmal geschrieben worden sei. Albrecht sagt, er glaube nicht: „Auch die Tatsache, dass das am 11. September steht, war der Tatsache geschuldet, dass da noch Platz war.“ Koller: „Da könnte jemand sagen: da plant einer einen deutschen 11. September.“ Albrecht: „Nein, es kommt mir überhaupt nicht in den Sinn, was zu inszenieren. Der Tatvorwurf aus der Anklage liegt mir komplett fern. Ich poche auf Liebe, Gemeinsamkeit.“

Zu einer weiteren Liste mit Namen, die in Augenschein genommen wird, sagt Albrecht erneut, er habe „weiterrecherchieren“ wollen. Er sei auf die Personen gestoßen, weil er „öffentlichkeitsinteressiert“ sei. Es wird eine weitere Personenliste in Augenschein genommen, das Blatt trägt die Überschrift „Politik und Medien“. Auf Frage sagt Albrecht, er habe den Zettel erst in Akten gesehen, vorher habe er ihn nicht gekannt. Richterin Adlhoch sagt, der Zettel sei bei Maximilian Tischer gefunden worden, sie fügt hinzu, dass es Überschneidungen zu dem Personen auf den beim Angeklagten gefundenen Listen gebe. Albrecht sagt auf Nachfrage, er schließe nicht aus, dass er im Smalltalk mit Tischer über die Personen gesprochen habe, „und ich für meinen Teil auch mal recherchiert hab. Könnte sein. Aber das sage ich nicht aus einem Wissen raus.“ Adlhoch: „Tischer ist ein Freund von Ihnen“? Albrecht: „War mal ein Kamerad“, sie seien gemeinsam in Hammelburg ausgebildet worden, „waren am gleichen Standort. Da kannte man sich näher, als nur irgendein Kamerad“. Adlhoch sagt, Tischer sei der Bruder von Albrechts Lebensgefährtin. Albrecht: „Richtig, ja.“ Adlhoch: „Haben Sie mit ihm auch politische Gespräche geführt?“ Albrecht: „Sicherlich über tagesaktuelle Dinge.“ Auf Nachfrage sagt der Angeklagte, sie seien oft unterschiedlicher Meinung gewesen, das sei aber interessant, „dass wir konstruktiv unterschiedliche Sichtweisen sachlich eruieren konnten“. Adlhoch: „Haben Sie generell über Personen und Politiker gesprochen?“ Albrecht: „Mit Sicherheit. Über Flüchtlingspolitik, über amerikanische Präsidenten. Sicher werden wir über Menschen gesprochen haben, die für die jeweilige politische Entscheidung stehen.“ Auf Nachfrage sagt der Angeklagte, er habe mit Tischer nicht mehr gesprochen, seit er, Albrecht, im Gefängnis gewesen sei. Nach einer Pause hakt Koller nach: „Herr Albrecht, ich will da nochmal nachfragen, was ihre Beziehung zu Herrn Maximilian Tischer angeht. Sie haben betroffen geschaut, als Sie gesagt haben, Sie haben keinen Kontakt mehr. Gibt‘s dazu was zu sagen?“ Albrecht: „Ich will mich nicht zu irgendwelchen Interna äußern.“ Dass Tischer für die AfD arbeite, sein ein Grund: „Solange das Verfahren nicht zu Ende ist, sollte erst mal keine Verbindung bestehen, das war der Grund, warum das erstmal abgebrochen wurde.“ Koller: „Und das leben Sie auch so?“ Albrecht bejaht, es gäbe keine Überschneidungspunkte.

Erneut werden Unterlagen in Augenschein genommen, die bei Albrecht gefunden wurden, wieder eine Liste, die wie eine Art To-Do-Liste wirkt. Unter anderem verliest der Senat die Punkte: „Blackphone“, „Darknet“, „Handgranaten“, „Einrichten der GPS-Tracker“, „Zentralrat der Juden“, „Zentralrat der Muslime“, „Molotowcocktails herstellen“, „Sprengung des Rothschildsteins FFM“, „Wenn Frau Haverbeck ins Gefängnis dann Befreiungsaktion“, „Bekämpfung Osmanen Germania“, „Antifa-Area in Dietzenbach“ sowie „Feuerzeug Explosion ausprobieren“. Koller: „Das sind jetzt wieder Notizen, die zu Gedanken Anlass geben. Möchten Sie dazu was sagen?“ Albrecht bejaht und sagt, er könne „überhaupt nicht“ sagen, wann er diese Notizen angelegt habe. Er geht dann die Punkte durch. Bei „Blackphone“ handele es sich um einen Blackberry, „Darknet“ habe er aufgeschrieben, weil er habe gucken wollen, „was ist das Darknet“, „‘Handgranaten‘, das weiß ich auch nicht, Übungshandgranaten oder sonstwas, dass ich mir die Funktionsweise angucke“. „‘www staatenlos.info‘, ist so ein Flyer, den ich mal gesehen hab, wo ich sehen wollte, worum es sich handelt“; „Einrichten des Trackers“ und „Abhörwanze“ habe ihn interessiert. „‘Zentralrat‘, da wollte ich gucken, was gibt‘s alles an Zentralräten“; „‘Molotowcocktail‘, da wollte ich eine Anleitung suchen“, „‘Sprengung Rothschildstein FFM‘, da kann ich nichts dazu sagen.“

Richterin Adlhoch fragt nochmal zu der Notiz „Molotowcocktail“. Albrecht: „Da wollte ich recherchieren, wie man einen Molotowcocktail herstellen kann. Zur Sprengung Rothschildstein kann ich nicht sagen, was gemeint ist.“ Albrecht fährt fort: „‘Frau Haverbeck ins Gefängnis dann Befreiungsaktion‘, das ist eine alte Frau, die zum Holocaust eine eigene Ansicht hat“. Koller: „Und wer soll sie befreien?“ Albrecht: „Weiß nicht, wo ich das mal aufgenomnen habe, ob das wer gesagt hat.“ Koller: „Aber das sind doch Ihre eigenen Gedanken, da könnte man meinen: Sie denken, sie müsste befreit werden“. Albrecht: „Könnte man denken.“ Koller: „Haben Sie das denn gedacht?“ Albrecht: „Kann ich nicht mehr genau sagen.“ Koller: „‘Eine eigene Meinung zum Holocaust‘?“ Albrecht: „Eine abweichende Meinung.“ Koller: „Na, sie ist Holocaustleugnerin!“ Albrecht: „Ja.“ Koller: „Das nennen Sie eine abweichende Meinung?“ Albrecht: „Ja sicherlich, ganz neutral, ohne eine Wertung.“ Koller: „Das Problem ist doch, ob man zu einer historischen Tatsache eine Meinung haben kann.“ Albrecht: „Sicherlich, aber bei jedem Thema, ob Napoleon jetzt so rum oder so rum angegriffen hat, wie auch immer, selbst bei Tatsachen kann man doch sagen: ich sehe es trotzdem anders. Das hat gar nichts mit dem Holocaust zu tun. Grundsätzlich sollte eine Diskussion offen führbar sein.“ Koller: „Wer sollte jetzt eine Befreiungsaktion machen für Frau Haverbeck?“ Albrecht: Das weiß ich nicht, ob das nicht wer geschwafelt hat.“ Koller: „Sie nicht?“ Albrecht: „Ich nicht, ich habe auch nicht die Mittel.“ Koller: „Wieso schreiben Sie es dann auf, finden Sie es gut?“ Albrecht: „Selbstverständlich nicht, wenn man Exekutivmaßnahmen unterbindet, ist es nicht gut.“

Auf die Frage nach der Notiz „Sprengung Rothschildstein“ sagt der Angeklagte, in Frankfurt gäbe es „mehrere solche Sachen, die zur Erinnerung an diese Familie dastehen“, einige könnten so bezeichnet werden. Auf Nachfrage sagt Albrecht, „was die Person die das gesagt hat, damit gemeint hat“, könnte zwei Orte bezeichnen. Einmal gäbe es „die Wand mit den Steinen drauf, da gibt es einige Rothschildnamen, neben dem jüdischen Museum“ dann gäbe es den Rothschildpark. Beides könnte mit gemeint sein.“ Adlhoch: „Ja, was haben Sie denn gemeint?“ Albrecht sagte hierzu nicht mehr, „bevor ich mich da in Teufels Küche bringe“, so der Angeklagte. Richter Rhode: „Sie beschreiben das wie die Worte eines Fremden, machen Ausführungen zu randständigen Dingen und dazu nicht, Sie müssen sehen, welchen Eindruck das hinterlassen wird!“

Koller: „Wir lesen ‚Herstellung Molotowcocktail‘, „Sprengung Rothschildstein‘, ist das eine To-Do-Liste?“ Albrecht: „Eine Rechercheliste.“ Zur Notiz „Bekämpfung Osmanen Germania“ sagt Albrecht, zu der Gruppe habe es eine Reportage gegeben, er habe sich dann damit beschäftigt. Koller: „Wer soll sie bekämpfen?“ Albrecht: „Grundsätzlich habe ich mit Menschen aus dem Kulturkreis keine Probleme.“ Koller: „Aber da steht ‚Bekämpfung Osmanen Germania‘, wer hat davon gesprochen, wo haben Sie es gelesen, Sie müssen ja drauf gekommen sein, das aufzuschreiben?“ Albrecht: „Ja sicher. Ich kann zu alldem sagen: keine Dinge habe ich vorgehabt umzusetzen. Und keine Dinge habe ich umgesetzt.“ Adlhoch „Auch nicht: ‚italienisch lernen‘?“ Albrecht: „Nein, nur als ich im Knast war und italienische Mitinsassen hatte.“

Koller fragt nach dem Punkt „Zerhetzung OGF“. Albrecht sagt, das heiße Osmanen Germania, möglicherweise Frankfurt. Koller hinterfragt wiederholt den Begriff Zerhetzung, Albrecht sagt, er kenne den Begriff nicht, vielleicht sei er ihm entfallen. Koller: „Vielleicht holen wir uns einen Sprachexperten, ich weiß, dass der Begriff verwendet wird von bestimmten Leuten.“ Koller: „Und ein A im Kreis, ein Anarchiezeichen?“ Albrecht bejaht und sagt auf Nachfrage, „vielleicht habe ich das gesehen und festgehalten.“ Koller: „Gibt‘s in Dietzenbach auch eine ‚Antifa Area‘?“ Albrecht: „Also im ganzen Rhein-Main-Gebiet findet man solche Sprüche überall.“ Koller: „Und das nächste: ‚Feuerzeugexplosion‘, ist das auch To-do?“ Albrecht: „Im Internet trifft man auf die ein oder andere Sache und will wissen, ist da was dran.“ Adlhoch: „Das klingt, als hätten Sie eine konkrete Erinnerung daran.“ Albrecht verneint: „Hat mich bestimmt interessiert heißt: Ich weiß es nicht mehr konkret. Vielleicht hat es mir jemand erzählt und ich wollte es mal ausprobieren.“ Koller sagt: „Wir haben unheimlich viel, was Sie gesagt haben, das müssen wir sortieren und einordnen.“ Danach endet der Prozesstag.

Der Bericht zum 6. Verhandlungstag bei NSU-Watch Hessen