Ralf Wohlleben, André Eminger und Susanne G.: Alle machen weiter.

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von Robert Andreasch

Ralf Wohlleben und André Eminger machen weiter. Nachdem sie im NSU-Prozess in erster Instanz verurteilt wurden (die Revision steht noch aus), sind sie längst wieder auf freiem Fuß.
Die Neonazis, die die beiden immer unterstützt haben, machen weiter.
Rechte Terrorist*innen machen weiter.

Am Donnerstag, 15. Juli 2021, hätten Ralf Wohlleben, André Eminger und der Nürnberger Neonazi Norman Kempken im Verfahren gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Susanne G. aus Franken vor dem Münchner Oberlandesgericht als Zeugen aussagen sollen. Alle drei kündigten an, die Auskunft zu verweigern, weil sie ansonsten Gefahr laufen würden, sich gegebenenfalls selbst zu belasten.
Die Justiz macht weiter: nachgiebig verzichtete man einfach auf die Anreise der Neonazis.
Und der bayerische Verfassungsschutz macht mit seiner V-Personen-Praxis im NSU-Netzwerk ebenfalls weiter.

Demonstration nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess. Foto: (c) Robert Andreasch

Rückblende: der NSU-Prozess

, 19. Oktober 2015: Seit fast zweieinhalb Jahren läuft der sogenannte „NSU-Prozess“ am Oberlandesgericht. Einer der Angeklagten dort ist Ralf Wohlleben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor, weil er dem NSU-Kerntrio die Česká-Pistole mit beschafft haben soll. Wohlleben sitzt während des Prozesses in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim in Untersuchungshaft.

Aus dem Knast schreibt er an die Neonazistin Susanne G. im Landkreis Nürnberger Land. Es ist ein freundschaftlicher Brief. Wohlleben bedankt sich für die solidarischen Zeilen, die er von G. erhalten hat. Nein, sie brauche keinen Besuch für ihn zu organisieren. Aber er freue sich über den Kontakt, schreibt er, erwähnt den fränkischen Neonazi Peter R. und fragt sie über ihre musikalischen Vorlieben und ihren Beruf als Heilpraktikerin aus. Susanne G. ist zu diesem Zeitpunkt bereits fest in die Neonaziszene eingebunden. Seit Mai ist sie „Fördermitglied“ der elitären Neonaziorganisation „Der Dritte Weg“, bundesweit setzt sie sich zudem für die „Gefangenenhilfe“ ein. Die formal in Schweden angesiedelte Organisation führt die Aktivitäten der 2011 in Deutschland verbotenen „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V.“ (HNG) fort.

Aus den mindestens 34 Briefen Wohllebens an G. lässt sich ablesen, wie die Unterstützung der Neonaziszene für die „Kamerad*innen“ in Haft läuft. Wohlleben schreibt: „Mir hier in St. Adelheim geht es den Umständen entsprechend. Ich fühle mich von draußen bestens versorgt, mir mangelt es an nichts“. Später lädt er G. ein, seine Familie und „unsere Heimstätte“ zu besuchen und seine Frau Jacqueline zu kontaktieren: „Sage einfach, Du bist die Susel mit den Zauberhänden“. Auch über die politischen Aktionen des „Dritten Wegs“ tauschen sich die beiden aus, über die Renovierung des Parteibüros in Plauen oder über eine neonazistische Flyerverteilaktion am Gymnasium im mittelfränkischen Langenzenn. Wohlleben empört sich über die Zustimmung des evangelischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm zu eventuellen muslimischen Feiertagen in Deutschland. G. schickt Wohlleben offenbar eine Reihe einschlägiger Zeitungsartikel und Informationen. „Die Mischung war genau richtig“, zitiert später ein Ermittler den Dank des inhaftierten Neonazis: „ein schöner Gegenpol zu der von mir sonst zwangsläufig konsumierten Propaganda von AZ, SZ, BILD.“ Und „dass die Stimmung am Kippen ist, lese ich jetzt immer öfter.“. Zum rassistischen Attentat am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (2016) schreibt Wohlleben: „Man hat ja beim Amoklauf in München gesehen, dass die Journalisten froh sind, wenn es kein islamistischer Anschlag ist und man sowas den Rechten in die Schuhe schieben kann“.
Irgendwann während Wohllebens Haft in München posieren seine Frau und zwei Töchter in den „Freiheit für Wolle“-T-Shirts der Neonaziszene vor dem Gefängnis im Münchner Südosten für Fotos. Susanne G. speichert eines auf ihrem Handy. Als „Jacky“ trägt sie Wohllebens Frau als Kontakt im verschlüsselten Messenger „Threema“ ein. Die Wohllebens sind zu diesem Zeitpunkt bei weitem nicht ihre einzigen Verbindungen in die Netzwerke des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Auf Demonstrationen und Veranstaltungen des „Dritten Wegs“ ist neben ihr auch Matthias Fischer anwesend, dessen Kontaktdaten G. ebenfalls in der Threema-App gespeichert hat. Zusammen fahren sie zum Beispiel im Jahr 2019 zum „Marsch der Nationen“ nach Kiew. Fischer ist heute stellvertretender Bundesvorsitzende beim „Dritten Weg“. Zum Zeitpunkt des Abtauchens des NSU-Kerntrios war der damalige Fürther Neonazi auf der sogenannten „Garagenliste“ von Uwe Mundlos als Kontakt vermerkt.

Zurück in den NSU-Prozess. Am 31. August 2017, dem 380. Verhandlungstag, beginnt Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten sein Plädoyer zum Angeklagten André Eminger. Dieser habe Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate unter anderem durch Fahrzeuganmietungen unterstützt, bezüglich des Bombenattentats in der Kölner Probsteigasse stelle das eine Beihilfe zum versuchten Mord dar. Weingarten fragt rhetorisch in den Saal, ob Eminger nicht gar die vierte Paulchen-Panther-Figur im Vorspann der sei, die im Video vielleicht die Köpfe des NSU andeuten. Zwei Verhandlungstage später, am 12. September 2017, fordert Bundesanwalt Herbert Diemer für André Eminger 12 Jahre Haft. Eminger wird daraufhin in Untersuchungshaft genommen und ebenfalls in die JVA München-Stadelheim gebracht.

Susanne G. schreibt ab jetzt auch ihm ins Gefängnis. Am 26. September 2017 bedankt sich Eminger bei G. für ihren ersten Brief und dafür, dass sie ihm die Rockerzeitschrift „“ abonniert hat (die Eminger fortan ab und zu in den NSU-Prozess mitbringt). Eminger und G. tauschen in den Monaten danach zahlreiche Briefe aus. G. sorgt dafür, dass Eminger private Bekleidung in der JVA erreicht. Mindestens elf Briefe schickt André Eminger an G., außerdem zwei Grußkarten zu Ostern und zum „Julfest“. In den Briefen dominiert ein sehr vertrauensvoller, privater Ton, Eminger lädt G. ein, ihn nach der Haftentlassung zuhause zu besuchen. Eminger hält aber auch politisch mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg. Und er thematisiert auch den laufenden Prozess, etwa in einem Brief vom 3. August 2018, in dem er über die kommenden Plädoyers schreibt.

Spätestens seit 2016 lässt Susanne G. neonazistischen Gefangenen Geld zukommen, im November 2017 überweist sie 100 Euro auf das Knastkonto von André Eminger bei der Landesjustizkasse Bamberg. Es dauert nicht lang, da hat G. nicht nur für Wohlleben, sondern auch für Eminger eine Dauerbesuchserlaubnis. Während Wohlleben seine Besuchszeit lieber für die Familie nutzt, trifft sich Eminger mit ihr im Gefängnis. Sie reden über einen Segelausflug des „Dritten Wegs“ nach Dänemark, an der G. Anfang Juni 2018 teilnimmt. Für ein Gruppenfoto auf dem Schiff posiert sie in der Parteikleidung des „Dritten Wegs“. Einmal, im Mai 2018, kommt sie zum Besuch bei André Eminger in Stadelheim gemeinsam mit dessen Ehefrau Susann. G. steht damals nicht nur mit André und in Kontakt, sondern auch mit Andrés Zwillingsbruder Maik. Der ist in Brandenburg für den „Dritten Weg“ aktiv und eine der Führungspersonen der „Gefangenenhilfe“. G. vermerkt ihn mit Anschrift und Telefonnummer in ihrem Notizbuch. G. scheint über größere finanzielle Ressourcen zu verfügen, sie schickt einer Vielzahl von rechten Akteur_innen im ganzen Bundesgebiet Geld, darunter dem halben Führungspersonal des „Dritten Wegs“, aber auch bekannten Köpfe der mit dem „Dritten Weg“ konkurrierenden Parteien und „Die Rechte“, einem Ermittler zufolge auch dem „Schelm-Verlag“ von Adrian Preisinger und Götz Kubitscheks „Edition Antaios“.

Susanne G. beim Aufmarsch des 3. Weg am 1. Mai 2019 in Plauen. Foto: (c) Robert Andreasch

Die Rocker

Susanne G. und André Eminger verbindet neben der gemeinsamen neonazistischen Ideologie auch die Faszination für die Rockerszene. 2009 hatte sich G. eine Harley Davidson gekauft. Spätestens ab 2010 war G. in Passau und anderen bayerischen Chaptern des MC „Gremium“ aktiv. 2012 tauchte sie im Umfeld des „Gremium“-Supporter-Clubs „Black Seven Fürth“ auf, ab 2014 beim „Gremium MC Nürnberg“. Ein „Gremium“-Logo, den Adler mit der Zahl 7 in den Krallen, lässt sich G. aufs Dekolletee tätowieren. Zwischen den Nürnberger „Gremium“-Rockern, rechten Fußballhools und der neonazistischen Szene der Region gab und gibt es zahlreiche Verbindungen, insbesondere auch zu den Personenkreisen, die als lokale NSU-Unterstützer*innen im Raum Nürnberg diskutiert werden. Zu einem kleineren Teil gab es auch personelle Überschneidungen von Personen des „Gremium MC“ mit der NPD oder dem „Dritten Weg“.

2014 hat die Polizei gegen G. ermittelt. Es waren Fotos aus dem Vorjahr aufgetaucht, auf denen sie und der damalige Präsident des Nürnberger „Gremium“-Chapters, Herbert M., mit scharfen Waffen posieren. Die Schusswaffen hatten die beiden wohl von einem Rocker geborgt, der diese offenbar legal besessen hat. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung fand die Polizei bei G. aber scharfe Munition und ein erlaubnispflichtiges Luftgewehr. Auf den polizeilichen Anhörungsbogen schrieb G. „Fick Dich!“ und den Namen des zuständigen Sachbearbeiters sowie „Mit deutschem GruSS“, wobei sie das Doppel-S in Form zweier Sigrunen malte.

Zurück zum NSU-Prozess: André Eminger kommt an vielen Verhandlungstagen mit Rockerkutte zum OLG. Er ist „Member“ im „Invictus Germania MC“, einem Supporterclub des extrem rechten „Stahlpakt MC“. Bei „Invictus Germania“ ist auch der langjährige bayerische Neonazikader Robin Siener als „Prospect“ aktiv, dessen Kontaktdaten G. im Threema-Messenger sowie in ihrem Notizbuch eingetragen hat. In ihrem Mobiltelefon hat G. ein Foto von Siener und sich gespeichert, das wohl bei der Feier ihres 50. Geburtstages im Jahr 2015 und offenbar in einem Clubheim des „Gremium MC“ aufgenommen wurde.

Der bayerische Verfassungsschutz

Im NSU-Prozess hat die Nebenklageanwältin Antonia von der Behrens vom 29. November bis 5. Dezember 2017 plädiert und sich dabei ausführlich mit dem skandalösen Agieren der Inlandsgeheimdienste („Verfassungsschutz“) befasst. Jahrelang hatten diese weder ihr Wissen über gefährliche Neonazinetzwerke und rechtsterroristische Strukturen an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben noch die Öffentlichkeit adäquat gewarnt. Stattdessen gestalteten sie vielfach die hochgefährlichen, militanten Strukturen über ihre V-Personen mit. Zusätzlich griffen sie in die Ermittlungen ein, vernichteten eine Menge Beweismittel und behinderten die Aufklärung im NSU-Komplex. Von der Behrens: „Dieser geheimdienstliche Ansatz in Bezug auf die rechte Szene und das V-Mann-System führte nicht zur Verhinderung der Entstehung des NSU und seiner Taten, sondern sicherte vielmehr seine Existenz“. Auch das damalige Handeln des bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz ist bis heute weitgehend unaufgeklärt. Von einer seiner Quellen, die zeitweise in direkter Nähe des NSU-Kerntrios agierte, wissen wir noch nicht einmal den Arbeitsnamen geschweige denn, was sie dem Landesamt je über den NSU berichtet hat.

Zweieinhalb Monate nach dem Plädoyer von Antonia von der Behrens setzt der bayerische VS die katastrophale V-Personenpraxis fort. Ein halbes Jahr bevor der Senat das Urteil sprechen wird, versuchen Mitarbeiter*innen des Landesamts am 28. Februar 2018 erneut eine Quelle anzuwerben, die Bezüge zum NSU-Netzwerk hat. Es ist Susanne G. Laut einer Aussage des Abteilungsleiters Karlheinz Daffner soll sie damals auf die Werbung hin „reserviert reagiert“ und „keine Gesprächsbereitschaft“ gezeigt haben. Doch stimmt das überhaupt? Oder redet sich der Inlandsgeheimdienst heute nur heraus? Ralf Wohlleben schrieb im nächsten Brief an G.: „Was wollten denn die Herrn des bayerischen Innenministeriums von Dir? Haben die Dich angequatscht oder erwägt, Dich für Deine Zivilcourage zu ehren?“ Susanne G. jedenfalls lädt sich ein recht spezielles Werk auf ihren E-Book-Reader: „Die Problematik des Trennungsgebotes zwischen dem Verfassungsschutz und der Polizei bei der Bekämpfung rechtsextremistischer Netzwerke“.

Reale Treffen

Am 11. Juli 2018, dem 438. Verhandlungstag, verkündet der Senat das Urteil im NSU-Prozess. Susanne G. gehört zu den ersten Neonazis, die an diesem Tag das Gericht betreten. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Zimmermannshose und setzt sich eineinhalb Stunden vor dem Verhandlungsbeginn zusammen mit dem fränkischen Neonazi Peter R. auf die Besucher*innentribüne. Später wird sie draußen mit den bundesweit bekannten Neonaziköpfen Christian Fischer, Lutz Giesen und Karl-Heinz Statzberger vor dem Justizzentrum zusammenstehen, die die Urteilsverkündung ebenfalls besuchen. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl erwähnt in seiner mündlichen Urteilsbegründung weder die Mitbeteiligung noch die Ideologie der Neonazinetzwerke rund um das NSU-Kerntrio. Die Initiative NSU-Watch schreibt in ihrem Buch „Aufklären und Einmischen. Der NSU-Komplex und der Münchner Prozess“ dazu: „Am Ende kommt die neonazistische Szene weitgehend unbeschadet aus dem Prozess heraus. Dementsprechend war es kein Wunder, dass die zur Urteilsbegründung angereisten Neonazis bei der Verkündung des Strafmaßes im Gerichtssaal in Jubel ausbrachen“. André Eminger wird von der Kammer, die ihn ein Dreivierteljahr zuvor noch in Untersuchungshaft genommen hat, weitgehend freigesprochen. Das für ihn festgelegte Strafmaß beträgt lediglich zweieinhalb Jahre. Hierzu bezieht sich das Gericht ausgerechnet auf die Aussagen Beate Zschäpes, die versucht hatte Eminger zu entlasten. Als Götzl verkündet, dass Eminger aus der Untersuchungshaft entlassen wird, jubeln die angereisten Neonazis ein zweites Mal an diesem Tag. Susanne G. holt ihn am Nachmittag mit ihrem Jeep Grand Cherokee am Eingang der JVA Stadelheim ab.

Wenige Tage nach der Urteilsverkündung wird auch Ralf Wohlleben, dessen Strafmaß auf zehn Jahre festgelegt wurde, aus der Untersuchungshaft entlassen. Im August 2018 schickt er an G. eine Dankeskarte. Ab jetzt sind sie nicht mehr per Brief verbunden, sondern nutzen Messenger-Apps und soziale Netzwerke zum Kontakt, wo sie sich gleich über mehrere Accounts verbinden. Schließlich treffen sich die Beteiligten auch wieder real. Keine vier Wochen nach dem Urteil besucht Eminger ein Neonazikonzert in . Zusammen mit Ralf Wohlleben nimmt er an einer Veranstaltung mit dem antikommunistischen Attentäter Josef Kneifel teil. Und Fotos, die Susanne G. auf ihrem Handy speichert, zeigen eine kleine Grillfeier, bei der sie und ihr Ehemann zusammen mit Ralf Wohlleben und André Eminger sowie dessen Ehefrau Susann anwesend sind. Offenbar handelt es sich um eine Geburtstagsfeier von Eminger. Das gemeinsame Foto von ihm und Wohlleben am Grill wird später beim Magazin „Der Spiegel“ landen. G. speichert sich den Kontakt von Susann Eminger in ihre „Threema“-App. Und in die Navigationsgeräte ihrer zwei Fahrzeuge gibt G. in der kommenden Zeit die Adressen von Ralf Wohlleben in Elsteraue und von André Eminger in Zwickau ein. Eine weitere Adresse von ihm notiert sie sich in ihr Notizbuch. 2019 schickt die Familie Eminger anlässlich der Geburt ihrer Tochter H. eine Karte an G.: „Für die Heimat gehen wir voller Stolz in die Zukunft“.

Die Ideologie

In erster Linie dürfte G. die gemeinsame (neo-) nationalsozialistische Ideologie, Rassismus und Antisemitismus mit Eminger und Wohlleben verbinden. G. hat sich Hitlers Buch „Mein Kampf“ besorgt sowie die antisemitische Wehrmachtsschrift „Der Jude als Weltparasit“. Sie liest Bücher über Horst Wessel und die SS, aber auch „Die Auschwitzlüge“, „Funkenflug. Handbuch für Patrioten und Nationale Aktivisten“ und Frank Krämers Taschenbuch „Werde unsterblich: Rechte Metapolitik als Lebensphilosophie“. Im Oktober 2018 lässt sich G. am Strand fotografieren. Auf ihrer linken Hüfte ist ein Hakenkreuztattoo sichtbar, ihre rechte Hand hebt sie zum Hitlergruß.

Waffen und (Behörden-)Munition

Am 20. März 2020 dringt ein Sondereinsatzkommando der Polizei in die Wohnung von G. ein. G. liegt noch im Bett und will zu einer Pfefferspraypistole greifen, ein SEK-Beamter kommt ihr aber noch zuvor. Über dem Bett hängt eine riesige Hakenkreuzfahne an der Wand. Überall in der Wohnung hat G. Waffen drapiert. Hinter der Haustür liegt ein Teleskopschlagstock zugriffsbereit in der Kommode. Im Eingangsbereich des ersten Zimmers steht ein Baseballschläger, eine Etage höher liegen zwei Druckluftwaffen. In G.s Schlafzimmer im zweiten Stock liegt eine Armbrust mit Pfeilen und ein Luftdruckgewehr mit Zieleinrichtung auf dem Boden. Das Schießen übt G. unter anderem auf dem bei süddeutschen Neonazis überaus beliebten Schießstand „Jimi“ in Odrava gleich hinter der tschechischen Grenze. Am 16. November 2019 fährt sie mit dem „Dritte Weg“-Parteivorsitzenden Klaus Armstroff direkt vom neonazistischen „Heldengedenken“-Marsch in Wunsiedel dort hin. Sie beschafft sich auch aber auch die Bücher „Sniper. Militärisches und polizeiliches Scharfschützenwissen kompakt“ sowie das bizarre „Lehrbuch für Profikiller“.
Polizeibeamt*innen entdecken in G.s Schlafzimmer eine scharfe Patrone. Ein Action One-Geschoss der Firma Dynamit Nobel im Kaliber 9 x 19 mm. Bei der Patrone handelt es sich um eine im Mai 2001 hergestellte und an zehn Behördenteile verkaufte polizeiliche Munition, die damals insbesondere im Bereich der Spezialeinheiten verwendet wurde.

Der Verdacht gegen G.

Die Ermittler_innen, die den Hausdurchsuchungbeschluss beantragt haben, verdächtigen G. damals, für eine ganze Reihe neonazistischer Bedrohungsdelikte in der Region verantwortlich zu sein. Von September 2019 bis März 2020 hatten bis dato Unbekannte unter anderem die Familien des Landrats im Landkreis Nürnberger Land sowie des Bürgermeisters von Schnaittach mit zynischen Karten („Juden- und Ausländerfreund, erschossen auf der Straße. Wir kriegen euch alle“, „Letzte Warnung“) und in Anrufen („wir kriegen deinen Mann“) bedroht. Den Postsendungen lagen meistens scharfe Patronen (Pistolen- oder Gewehrmunition) bei. Eine Karte mit aufgedrucktem Schweinekopf und einer Pistolenpatrone war an die Moscheegemeinde in Röthenbach an der Pegnitz geschickt worden, eine weitere ging bei der „Flüchtlingsinitiiative Eckenthal e.V.“ (FLEck) ein und enthielt Drohungen gegen ein vom Verein geplantes Fest.

Schon drei Stunden nach ihrer Festsetzung durch die Polizei ist Susanne G. bereits wieder auf freiem Fuß und zuhause. Von der Hausdurchsuchung und den Ermittlungen lässt sich G. in den Folgemonaten nicht bremsen. Sie räumt lediglich die NS-Devotionalien in zwei Kisten und deponiert sie bei einem ihrer Söhne auf dem Speicher. Am ersten Augustwochenende 2020 fährt sie erneut mit Klaus Armstroff zum Schießen nach Tschechien, diesmal auf den Schießstand von „Střelnice GoldieArms“ (Kynšperk nad Ohří). Im Hotel „Slavie“ nehmen sich die beiden ein Doppelzimmer.

G. taucht ab

Hat der NSU Susanne G. inspiriert? Das NSU-Netzwerk hatte mit seinem im Frühjahr 2002 innerhalb der Szene versandten „NSU-Brief“ versucht, noch mehr Neonazis zu terroristischen Aktionen zu motivieren: „Jeder Kamerad ist gefragt! Auch du!!! Gib dein Bestes. Worte sind genug gewechselt, nur mit Taten kann ihnen Nachdruck verliehen werden.“

Wie schon Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe, Wohlleben und Eminger beschafft sich auch G. den rechtsterroristischen Kultroman „Die Turner Tagebücher“. Auch das militärische Handbuch „Der totale Widerstand. Kleinkriegsanleitung für Jedermann“, das die späteren NSUler einst im „“ bezogen hatten, besorgt sie sich. Zum NSU liest G. eine Vielzahl Bücher, darunter sind journalistische Standardwerke wie „Heimatschutz“, aber auch eher verschwörungsideologisch angehauchte Bücher wie „Der NSUVS-Komplex“ oder „Der Rechtsstaat im Untergrund“. Außerdem kauft sich G. das Buch „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“.

Im Sommer 2020, zu diesem Zeitpunkt wird G. von der Polizei bereits als sogenannte „Gefährderin im PMK-rechts-Bereich“ eingestuft, trifft sich G. mehrfach mit Norman Kempken. Kempken war jahrzehntelang einer der führenden Neonazis und Anti-Antifa-Aktivisten in Nürnberg und Fürth. Nachdem G. mit richterlichem Beschluss zu einer DNA-Abgabe vorgeladen wird, schreibt sie ihm, dass sie nicht bei der Polizei auftauchen wird. Stattdessen verabschiedet sie sich quasi von ihrem Haus, schließt ihre Praxis und reist durch die Bundesrepublik und ins benachbarte Ausland. Sie taucht in dieser Zeit unter anderem in Lübeck und Travemünde, aber auch im sachsen-anhaltischen Zeitz sowie in mehreren tschechischen Orten auf. Bei Amazon bestellt sich G. ein Buch, das teilweise detailliert den Aufbau von Brand- und Sprengsätzen beschreibt und dabei in Text und Bild auch auf die vom NSU in der Kölner Keupstraße gezündete eingeht. G. trägt in einem Karton, den sie in ihrem Auto aufbewahrt, all diejenigen Gegenstände zusammen, die für eine im Buch beschriebene „Brandhandgranate“ (die betreffende Buchseite hat sie sich eingemerkt) gebraucht werden: inklusive Benzin, Camping-Gaskartuschen und des zur Zündung benötigten Feuerwerkskörpers. Mit ihrem Ebay-Account beobachtet G. zu dieser Zeit einschlägige Chemikalien-Inserate, darunter Angebote von Termit und Nanotermit, Wasserstoffperoxid, Magnesiumspänen, Kaliumpermanganat, Magnesiumchlorid und Zündplättchen. Außerdem beschafft sie sich auch vier neue Wasserspritzpistolen. Hat sie neben einem Brandanschlag auch ein Säureattentat vor?

Susanne G. wird am 7. September 2020 im Hotel Bavaria in Fürth verhaftet, wo sie sich gerade erst unter falschem Namen eingemietet hat. Am 29. April 2021 beginnt vor dem OLG München der Prozess gegen G. wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Die Bundesanwaltschaft spricht in der Anklageschrift davon, dass G. einen Anschlag erwogen und als potenzielle Tatorte unter anderem zwei Geflüchtetenunterkünfte in Lauf an der Pegnitz, die türkisch-islamische Moschee in Röthenbach, das jüdische Museum in Schnaittach sowie die Polizeiinspektionen in Lauf und in Altdorf ausgespäht habe. G. vertrete eine vom Nationalsozialismus und Rassismus geprägte Ideologie; Menschen ausländischer Herkunft, Jüd*innen und Muslim*innen lehne sie ab. Zum ersten Prozesstag reisen Neonazis nun auch für G. zur Unterstützung an: Neben Klaus Armstroff und Michael H. sind das – wie bei der Urteilsverkündung im NSU-Prozess – wieder die bekannten Kader Lutz Giesen und Christian Fischer. Am 10. Verhandlungstag setzt sich unter anderem Andreas G. ins Publikum. Der bekannte Akteur des „Dritten Wegs“ ist im Dezember 2018 in Bamberg als Mitglied der neonazistischen „Weiße Wölfe Terrorcrew“ (WWT) zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Susanne G. sitzt mittlerweile in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in Untersuchungshaft. Nun sind die Rollen in dieser Geschichte gewissermaßen vertauscht. Sie schreibt an die Staatsanwaltschaft Fürth: André Eminger solle eine Besuchserlaubnis für sie ausgestellt werden.