Am heutigen 10. Verhandlungstag im 2. NSU-Prozess sollten weitere Personen aus dem Umfeld der Familie Eminger sowie ein damaliger Nachbar der Kerntrios aus der Polenzstraße vernommen werden. Allerdings erschien lediglich die Hälfte der Zeugen vor Gericht.
Zeug*innen:
- Michael W. (ehemaliger Freund der Emingers)
- Patrick Ku. (Nachbar Polenzstraße)

Prozessgebäude des OLG Dresden am 18.12.25
Um 9:20 Uhr beginnt der 10. Verhandlungstag im Hammerweg 26 in Dresden. Die Vorsitzende Richterin Simone Herberger erläutert, dass der erste geplante Zeuge, Daniel L., nicht erscheinen wird, da er laut eigener Aussage keine Ladung erhalten habe. Für ihn müsse ein neuer Termin Anfang Januar vereinbart werden. Daraufhin wird die Verhandlung bis 10:30 Uhr unterbrochen, da der Senat hofft, dass dann zumindest der zweite Zeuge des Vormittags, Patrick Gö., auftaucht. Doch auch Zeuge Gö. wird an diesem Tag dem Gericht fernbleiben. Laut Herberger habe er sich zwar krankgemeldet, doch ohne Attest reicht das nicht aus. Die Person Patrick Gö., vermutlich die Ex-Affäre von Susann Eminger, war schon an mehreren Verhandlungstagen Thema, siehe u.a. unseren Bericht zum 4. Verhandlungstag.
Daraufhin wird die Verhandlung bis 13:00 Uhr erneut unterbrochen. Für Nachmittag sind noch zwei weitere Zeugen geladen. Der erste Zeuge des Nachmittags taucht dann auch tatsächlich auf, Michael W., ein ehemaliger Freund der Emingers. Er habe die Eheleute 2009 „über Freunde im Proberaum einer befreundeten Band“ kennengelernt, den Kontakt jedoch wieder abgebrochen, nachdem André Eminger in U-Haft gekommen sei und er selbst eine Zeugenaussage machen musste. Ob er in dem Zeitraum zwischen der Selbstenttarnung des NSU am 4. November 2011 und der Festnahme André Emingers am 24. November 2011 noch Kontakt gehabt habe, wisse er nicht mehr, so der Zeuge. Bei dem Umzug der Emingers nach der Festnahme im Dezember 2011 habe er jedoch noch geholfen, sie in der neuen Wohnung aber nicht mehr besucht. Während der Freundschaft sei er hingegen mehrfach in der Wohnung in der Adam-Ries-Straße gewesen und habe dort einem sonntäglichen Stammtisch angehört, an dem neben den Emingers auch Thorsten S., der Gitarrist der befreundeten Band, teilgenommen habe. Bei den Treffen soll politische Gesinnung keine Rolle gespielt haben, man habe sich hauptsächlich über Musik und „Alltägliches“ unterhalten. Weder bei den Emingers noch in ihrer Wohnung habe der Zeuge eine „extreme Ausrichtung“ festgestellt. Ihm seien zwar André Emingers Tätowierungen aufgefallen und dass er manchmal „über Sachen“ gesprochen habe, er habe ihm aber geglaubt, dass das der Vergangenheit angehöre. Daraufhin hält die Vorsitzende dem Zeugen seine Aussagen bei der Polizei von Dezember 2011 vor: „Die politische Haltung war schon klar“. W. habe diese laut seiner früheren Aussage interessant gefunden, eine Diskussion sei „möglich gewesen“. Auf die folgende Frage nach seiner eigenen politischen Gesinnung antwortet W., er habe die Einstellung Emingers damals nicht geteilt und teile sie auch heute nicht. In der Freundschaft sei es nicht um Politik gegangen. Vom NSU und den Verstrickungen der Emingers habe er erst aus den Medien erfahren. Auch von einzelnen Namen des Unterstützungsumfeldes habe er noch nie gehört. Ob er dabei gewesen sei, als während einer der Stammtische eine Reportage über den NSU geschaut worden sein soll und es einen konkreten Verdacht gegen André Eminger gegeben habe, könne er nicht erinnern. Insgesamt habe er die Emingers als „gleichberechtigte“ Eheleute und „eine ganz normale Familie“ wahrgenommen, bei der er sich wohlgefühlt habe. Susann Eminger sei laut Aussage des Zeugen W. gar „unpolitisch“ gewesen. Dennoch habe es auch politische Diskussionen zwischen den Emingers gegeben, in der sie teils konträre Positionen eingenommen hätten, auch wenn ihm ein Beispiel hierfür nicht mehr einfalle. Die Vorsitzende hält dem Zeugen erneut eine seiner Aussagen von 2011 vor, in der es darum ging, dass Susann Eminger ihrem Mann bei einer rassistischen Äußerung widersprochen hätte.
Im weiteren Verlauf der Befragung geht es um extrem rechte Symboliken in der Wohnung der Emingers, um ihre Finanzen, Urlaube und Reisen. Zu allem will der Zeuge W. nichts mitbekommen haben. Von der Reise ins Disneyland 2011 habe er womöglich gehört, aber keine weitere Erinnerung dazu. Nach seiner Distanzierung von dem Emingers habe er auch keine Kontaktversuche mehr unternommen. Zum Ende der Befragung lässt sich Eminger-Verteidiger RA König vom Zeugen nochmals eine Aussage von 2011 bestätigen, dass ihm damals „zusammenfassend keine politisch extreme Haltung bei Susann aufgefallen“ sei. Abschließend fragt Herberger den Zeugen noch nach seinem Kennverhältnis zu Patrick Gö. Der Zeuge sagt, er habe ihn als Teil des Umfeldes der Emingers gekannt, seine Freundin jedoch nicht. Auch von einer zwischenzeitlichen Trennung der Emingers wisse er nichts.
Als letzter Zeuge des Verhandlungstages ist Patrick Ku. geladen. Dieser hätte eigentlich schon am 28. November 2025 aussagen sollen, wo er jedoch nicht erschienen ist. Ku. hat zusammen mit seiner Mutter in einer Nachbarwohnung des NSU-Kerntrios in der Polenzstraße gewohnt. So habe er auch Zschäpe kennengelernt, da sie mehrfach zum Kaffeetrinken bei seiner Mutter gewesen sei. Zschäpe, die sich bei ihnen unter dem Namen „Lisa“ vorgestellt habe, habe laut seiner Erinnerung mit ihrem Lebensgefährten zusammengewohnt. Diesem sei der Zeuge auch ein, zwei Male im Haus begegnet. Er wisse jedoch nicht, ob dies Mundlos oder Böhnhardt gewesen sei. Mehr Kontakt als „Hallo“ und „Tschüss“ habe es nicht gegeben. Auf die Nachfrage der Vorsitzenden, ob er die beiden auch verwechselt haben könnte oder tatsächlich nur einen gesehen habe, antwortet der Zeuge, dass er das nicht wisse. In der Wohnung des Kerntrios sei es oft laut gewesen. Laut Zeugen, habe Zschäpe dies mit einer neuen Stereoanlage für „Filmabende“ begründet. Aus technischem Interesse an der Sound-Anlage hätte er gern mal in die Wohnung geschaut, was ihm jedoch ohne Begründung verwehrt worden sein soll.
Zum Aufenthaltszeitraum des Kerntrios in der Polenzstraße erinnert der Zeuge einerseits, dass sie schon dort gewesen sein müssten, als er und seine Mutter 2006 eingezogen sind. Andererseits hätte es im Erdgeschoss wohl auch eine Schuldner*innenberatung gegeben. Erst danach soll die Mietfläche zu Wohnraum umgebaut worden sein, was er aber nicht mehr genau wisse. Es könne auch sein, dass beides nebeneinander existiert habe. Daraufhin hält Herberger vor, dass Zschäpe schon seit 2001 dort gewohnt hat, und fragt, ob der Zeuge etwas von einem Wohnungswechsel mitbekommen habe, was dieser verneint. Anschließend geht es um die politische Ausrichtung. Ku. selbst sei in dieser Zeit mehr „in die rechte Szene tendierend“ gewesen, was er „geringfügig“ auch über Kleidung nach außen getragen habe. Zschäpe hingegen habe er als „neutral“ wahrgenommen. Auf Nachfrage der Vorsitzenden, ob Zschäpe zufrieden mit ihrem Leben gewesen sei, antwortet Ku., dass sie weder „verwirrt“ noch „unglücklich“ gewirkt, sondern einen „ganz normalen Eindruck“ gemacht habe, „wie jeder andere auch“. Vielmehr noch habe sie ihm sogar geraten, sich von der rechten Szene fernzuhalten, da sie selbst deswegen schon mal mit einem Fuß im Gefängnis gestanden haben soll. Von dem Auszug des Kerntrios 2008 habe er nichts mitbekommen, weil er da schon nicht mehr in der Polenzstraße gewohnt habe. Generell habe er wenig Fragen zum Leben von Zschäpe oder ihrer finanziellen Situation gestellt, das habe ihn nicht interessiert. Er habe jedoch mitbekommen, dass Zschäpe seiner Mutter beim Einkaufen finanziell ausgeholfen haben soll. Er habe auch bemerkt, dass im Keller des Kerntrios nachts regelmäßig Licht brannte. Später habe er gesehen, dass der Keller auch umgebaut worden sei, „komplett trockengelegt“. Auch in der Wohnung sei umgebaut worden. Warum, könne er nicht mehr hundert Prozent erinnern, aber wahrscheinlich wegen der Soundanlage.
Auf die Nachfrage der Vorsitzenden, ob sich der Zeuge noch an eine frühere Aussage erinnern könne, wonach er Zschäpe unter dem Namen „Susann“ gekannt habe, antwortet Ku., dass er das nicht mehr wisse. Auch daran, dass ihm Zschäpe gesagt haben soll, dass es nicht ginge, dass sie Kinder bekomme oder dass ihr Lebensgefährte in der Firma der Eltern arbeite und viel unterwegs sei, kann sich der Zeuge nicht mehr erinnern. Der Zeuge erinnert jedoch, dass einmal ein Wohnmobil vor dem Haus gestanden haben soll. Nach ihrem Auszug, soll Zschäpe weiterhin seine Mutter und auch die Hausgemeinschaft zu Geburtstagsfeiern besucht haben. Hierzu sei sie mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, ein Auto habe sie nicht besessen. An seine frühere Aussage, dass Zschäpe aus Angst vor einer Polizeikontrolle wegen Alkoholkonsum mit dem Taxi gekommen sei, kann sich Zeuge Ku. nicht mehr erinnern.
Zum Abschluss der Befragung weist Vorsitzende Herberger den Zeugen Ku. nachdrücklich darauf hin, dass er seinem ursprünglichen Vernehmungstermin nicht unentschuldigt hätte fernbleiben dürfen. Der Zeuge entgegnet, er habe aufgrund Arbeitsstresses keine Gelegenheit gehabt, in seinen Briefkasten zu schauen, und die Ladung daher nicht zur Kenntnis genommen.
Damit endet der 10. Verhandlungstag im 2. NSU-Prozess.
Wie schon am vorherigen Verhandlungstag stellt sich auch am 10. Verhandlungstag die Frage, warum diese Zeug*innen überhaupt geladen werden, wenn sie dann nicht gründlich und nachdrücklich befragt werden? Im Umfeld welcher Band lernte man sich kennen und wie hat sich der „Stammtisch“ gegründet? Wie kann man die Neonazi-Tattoos André Emingers kennen und trotzdem eine unpolitische Freundschaft führen? Und auch die zweite Vernehmung lässt Nachdruck vermissen. Warum gab es überhaupt keine Fragen zu dem Wasserschaden in der Polenzstraße, obwohl Zschäpe diesen als „einschneidendes“ Erlebnis bezeichnete und Zeuge Ku., siehe Aussage im ersten NSU-Prozess, anwesend war?
Protokolle und Berichte aus dem ersten NSU-Prozess zur ergänzenden Lektüre
Aussage des Zeugen Patrick Ku.: 67. Verhandlungstag, 10. Dezember 2013
(Text: jc; Redaktion: ck, scs)