Protokoll 93. Verhandlungstag – 13. März 2014

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Der Verhandlungstag beginnt mit einer Erklärung İsmail Yozgats, des Vaters des in Kassel ermordeten Halit Yozgat. Als einzige Zeugin wird Jana J. vernommen zu der Zeit um 1998 in Jena und zu ihrer Beziehung zu André Kapke, Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und Wohlleben. Jana J. hat gemeinsam mit Wohlleben die „Geburtstagszeitung“ für André Kapke erstellt.

Zeugin:

  • Jana J. (Umfeld von Jenaer Neonazis in den 90er Jahren)

Der Verhandlungstag beginnt um 9.50 Uhr. Zu Beginn gibt İsmail Yozgat eine Erklärung ab, die der Dolmetscher übersetzt. Yozgat begrüßt den Vorsitzenden und beginnt seine Erklärung [Mitschrift NSU-watch]: „Ich bin İsmail Yozgat, Vater des 21-jährigen Halit Yozgat, der unschuldig in Deutschland getötet wurde. Ich habe den Videofilm mit Te. gesehen. Während Te. aus dem Internetcafé hinausging, suchte er nach Halit, um ihm die 50 Cent zu zahlen. Dabei hätte Halit links am Tisch sitzen müssen, wenn er raus geht. Te. schaut aber gar nicht nach links, er geht hinaus. Während er hineingeht, müsste Halit rechts am Tisch sitzen, aber er schaut überhaupt nicht auf die rechte Seite. Als er das Geld auf den Tisch legte, war der Tisch 73 cm hoch. Ich vermute, dass Te. 196 cm groß ist. Warum sieht er den hinter dem Tisch liegenden Halit nicht, während er das Geld auf den Tisch legt? Warum hat er den auf dem weißlichen Tisch befindlichen Bluttropfen nicht gesehen? Te. sagte in der Gerichtsverhandlung, dass er immer für 10, 20 Minuten im Internetcafé war. Dabei blieb er immer zwei Stunden, wenn ich im Laden war. Was er erzählt hat, kommt mir nicht glaubhaft vor. Wie Sie wissen, wurde mein 21-jähriger Sohn Halit am 6. April 2006 in Kassel in der Holländischen Straße 82 durch zwei Kugeln in den Kopf erschossen. Er verlor in meinen Armen sein Leben. Er war mein einziger Sohn. Von 2006 bis 2011 lebte ich ca. fünf Jahre zwischen meiner Wohnung und meinem Arbeitsplatz. Immer wenn ich zum Einkaufen in die Stadt fuhr, haben uns die Leute, egal ob Deutsche oder Türken, böse angeschaut, als wären wir schlechte Menschen. Die haben gesagt, sie hätten das von der Familie Yozgat nicht erwartet, sie sollen krumme Geschäfte, Geldwäsche betrieben haben, Heroin und Haschisch verkauft haben. Weitere Straftaten wurden uns vorgeworfen. Sie sagten über uns, ihr Sohn Halit wurde erschossen, weil sie krumme Geschäfte betrieben haben. Auch die Zeitungen schrieben das gleiche. Nicht nur in Deutschland, auch in der Türkei wurden die gleichen Sachen erzählt. Wenn wir in den Urlaub fuhren, hörten wir auch dort die gleiche Dinge. Aber wir sind eine aufrichtige Familie und haben die Beschuldigungen nicht verdient. Ich wusste aber, wer die Mörder meines Sohnes sind. Ich habe den Polizisten gesagt, dass die Mörder meines Sohnes Ausländerfeinde oder Türkenfeinde waren. Sie glaubten uns aber nicht. Das einzige, was die Polizisten taten: Sie ermittelten die Einnahmen- und Ausgabenverhältnisse der Familie und unterzogen die Familienmitglieder DNA-Tests. Wir haben während all dieser Beschuldigungen zum allmächtigen Gott gebetet: Gib uns Geduld und Widerstandskraft und befreie uns von diesen Beschuldigungen. Unserem Gebet wurde entsprochen. Gegen Ende 2007 ist unser Enkelsohn auf die Welt gekommen. Wir haben ihm den Namen unseres Sohnes Halit gegeben, welcher mit 21 Jahren getötet wurde. Das hat den Schmerz ein wenig gemildert, aber diese Freude hat nur fünfeinhalb Jahre gedauert. Unser Enkel erkrankte an Krebs und starb mit fünfeinhalb Jahren. Ich habe meinen Enkel Halit mit eigenen Händen in der Türkei begraben. In den letzten Monaten des Jahres 2011 kam das Abenteuer mit , und heraus. Der allmächtige Gott hatte unseren Gebeten entsprochen, wir wurden von den falschen Beschuldigungen befreit, die Mörder waren bekannt geworden.“

Zschäpes Verteidiger Heer unterbricht und sagt, „bei allem Verständnis für die Familie Yozgat“ er sei „der letzte“, der Herrn Yozgat das Wort abschneiden wolle, aber wenn seine Mandantin als Mörderin bezeichnet werde, dann müsse er das beanstanden. Richter Götzl sagt, die Erklärung verhalte sich tatsächlich nicht zu dem, was angekündigt worden sei, RA Kienzle müsse seinen Mandanten beraten. Kienzle erwidert, „bei allem Verständnis für formaljuristische Fragen“ würden sie das Erklärungsrecht ihres Mandanten nicht kanalisieren. Die Erklärung bewege sich ganz weit im formaljuristischen Rahmen, Yozgat nehme Bezug auf das, was zu Kassel raus gekommen ist und setze es in Beziehung zum unermesslichen Leid der Familie seit 2006.

Yozgat fährt fort: „Zwischenzeitlich erzählten die Menschen in Deutschland und der Türkei, dass die Familie Yozgat keine krummen Geschäfte betrieben hat. Die auf uns gerichteten Blicke haben sich geändert. Wir wurden vom Beschuldigtenstempel befreit und zu einer Familie, mit der alle Mitleid hatten. Am 23. Februar 2012 hatte Frau Bundeskanzlerin Merkel die Familienangehörigen der Märtyrer nach Berlin eingeladen. Sie haben uns Märtyrerfamilien sehr gut in Berlin empfangen. Sie haben unseren Schmerz geteilt und gesagt, dass unser Schmerz auch ihr Schmerz sei. An dieser Stelle möchte ich mich bedanken. Sie haben mir in Berlin ein Rederecht erteilt. Ich brachte drei Wünsche zum Ausdruck: Die Festnahme und Verurteilung der Mörder, die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße und drittens die Gründung einer Stiftung für die zehn Märtyrer. Bezüglich meines ersten Wunsches wegen Festnahme und Verurteilung der Mörder habe ich keinerlei Zweifel. Ich vertraue völlig dem hohen Gericht. Die Erfüllung meines zweiten Wunsches, der Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße, ist fraglich. Zu meinem dritten Wunsch: nach Beendigung der Verhandlung werden wir versuchen, eine Stiftung zu gründen. Schauen Sie, hohes Gericht, in der zweiten Sitzung sagten die Verteidiger, dass die Märtyrerfamilien vom deutschen Staat 850.000 Euro bekommen haben. Wir als Familie Yozgat haben vom Staat gar kein Geld bekommen. Sie haben es uns angeboten, aber wir haben es nicht akzeptiert, wir wollen kein Geld. Wir haben nur einen einzigen Wunsch: Die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße. Denn unser Sohn kam am 6. Februar 1985 in der Holländischen Straße auf die Welt und wurde am 6. April 2006 in der Holländischen Straße getötet. Er ist im selben Haus auf die Welt gekommen und gestorben. Aus diesem Grund wollen wir nur einen Namen. Zwischenzeitlich hat der verehrte Herr Oberbürgermeister von Kassel und seine Gruppe uns den Halitplatz gegeben. Ihnen und allen Freunden in Kassel und Baunatal danke ich. Aber sie haben uns nur gegeben, was sie wollen. Nicht, was wir wollen. Aber es gibt eine schmerzvolle Tatsache. Unsere Seele brennt. Aber man gibt uns nicht das, was wir uns wünschen. Ich habe es recherchiert. Wir wollen nur, dass die Holländische Straße in Halitstraße umbenannt wird. Wenn eine Verurteilung der Mörder unseres Sohnes erfolgt, soll auch bei diesem hohen Gericht eine Entscheidung über die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße erfolgen. Sie sagen doch, wir als Deutschland verurteilen diese Tat, wir teilen Euren Schmerz und sagen doch immer, Euer Schmerz ist auch unser Schmerz. Du Deutschland, großes Land der Demokratie. Sie haben mein 21-jähriges unschuldiges Lämmchen umgebracht. Ich will nur einen Namen. Wo ist er geblieben, der geteilte Schmerz, die Linderung unserer Schmerzen? Seien Sie mir nicht böse. Das was sie uns gegeben haben, kommt uns gar nicht glaubhaft vor. Sehr geehrter Herr Vorsitzender und hoher Senat, wenn Sie darüber entscheiden, werde ich als Vater des Märtyrers Halit die Angehörigen der verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zur Eröffnung der Halitstraße einladen. Wir werden gemeinsam weiße Tauben hochfliegen lassen und gemeinsam die Halitstraße eröffnen. Unser Ziel ist, es sollen keine Menschen mehr getötet werden. Ich reiche Ihnen allen meine lupenreine Friedens- und Freundschaftshand. Die Freundschaft und der Frieden mögen siegen. Sehr geehrter Herr Vorsitzender, hoher Senat, der Ball liegt nun bei Ihnen. Wenn sie nun eine Pause einlegen und eine historische Entscheidung treffen, werden die Freundschaft und die Menschlichkeit siegen.“

Richter Götzl sagt, er müsse Yozgat leider sagen, dass das Gericht keinen Einfluss auf die Benennung der Straße habe, das sei Sache der örtlichen Behörden, das werde RA Kienzle Yozgat auch erklären.

Es folgt die einzige Zeugin des heutigen Tages: Jana J., geb. A., 33 Jahre alt. Es gehe um die Zeit vor 1998 und die Jahre danach, insbesondere um Beziehungen zu André Kapke, Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und Wohlleben, so Götzl. Jana J. berichtet: Kapke habe sie wahrscheinlich 1996/97 kennengelernt. Es habe sich schnell eine recht enge Freundschaft entwickelt, die auch noch fortgedauert habe, als sie aus der Szene raus gewesen sei. Mit Kapke sei sie als einzigem eng befreundet gewesen. Mit Zschäpe sei sie nicht näher bekannt gewesen. Ein paar Mal sei sie ihr begegnet. Einmal seien sie in einer Disko gewesen mit noch zwei weiteren Mädchen. Ansonsten habe sie Zschäpe wahrscheinlich einige Male am Winzerclub gesehen, aber sie habe keine konkrete Erinnerung. Einmal seien sie zur Disko getrampt, da hätten sie sich bei Zschäpe in der Wohnung getroffen. Die Wohnung Zschäpes sei in Winzerla gewesen, die Adresse könne sie nicht sagen, sie sei nur einmal da gewesen. Da waren noch zwei andere, ihr unbekannte Mädchen. Eine habe kein Zuhause gehabt und in einem Keller geschlafen.

Ansonsten könne sie sich an zwei Sachen erinnern: Erdbeerschaumwein. Das sei banal, aber sie könne sich daran erinnern, weil sie den „unfassbar eklig“ gefunden habe. Und eine Pistole. Sie wisse aber nicht, ob das eine echte Pistole war. Die Pistole könne sie nicht beschreiben, so J. auf Frage, die habe ausgesehen, wie eine Pistole aussieht. Außerdem könne sie sich erinnern, dass Zschäpe die Pistole „Walli“ [phon.] genannt habe, und dass sie einen Gurt gehabt habe, wo man die seitlich rein packt, den habe Zschäpe über dem T-Shirt, aber unter der Jacke getragen. Wozu Zschäpe die Waffe gehabt habe, wisse sie nicht, aber sie vermute zum Selbstschutz. Götzl fragt, bei welchen Gelegenheiten Zschäpe die Waffe getragen habe. Das wisse sie nicht, so J. Bei der Gelegenheit habe sie sie auf dem Tisch gehabt und geputzt oder so. Sie könne sich nicht vorstellen, dass sie die Waffe in der Disko dabei hatte, denn da werde man ja üblicherweise kontrolliert. Sie wisse aber nicht, ob Zschäpe die Waffe mitgenommen hat. Sie wisse aber, dass Zschäpe diesen Gurt besessen und getragen habe, mglw. zu einer anderen Gelegenheit. Sie verneint, dass sie oder jemand anders Zschäpe darauf angesprochen hat. J. bestätigt, dass das für ein junges Mädchen ungewöhnlich sei, aber diese ganze Generation sei waffenaffin gewesen, die habe in der DDR Handgranatenweitwurf machen müssen. Sie habe sich nicht gewundert, es aber auch nicht als üblich wahrgenommen. Auf Nachfrage sagt J., sie könne sich nicht erinnern, ob sie Zschäpe dazu befragt habe, es sei ja schon ungefähr 17 Jahre her.

Zur Frage nach weiteren Kontakten mit Zschäpe sagt J., Zschäpe sei einfach eine gewesen, die auch „in der rechten, in der Nazi-Szene der damaligen Zeit“ unterwegs war, als solche sei sie ihr bekannt gewesen. Götzl fragt, mit wem Zschäpe damals unterwegs gewesen sei. J. sagt, das könne sie nicht konkret sagen, es sei aber deutlich geworden und in der Szene bekannt gewesen, dass Zschäpe mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unterwegs und dieses Verhältnis „exklusiv“ war. Vielleicht habe sie die Drei auch mal am Winzerclub zusammen gesehen, aber dass könne sie konkret nicht erinnern. Götzl fragt, was J. mit „deutlich geworden“ meint. J. sagt, da vermischten sich ihre Erinnerungen, davor seien ihr die drei als „die Drei“ nicht präsent gewesen. Die Relevanz, sei erst nach dem Untertauchen deutlich geworden. Danach habe sich so etwas wie eine „Sensationsstimmung“ entwickelt, die ganze Szene habe plötzlich eine andere Wichtigkeit gehabt. Es habe sich ein „Katz-und-Maus-Spiel“ entwickelt mit den Behörden, davon habe sie über André relativ viel mitbekommen. Das Untertauchen selbst habe sie nicht so bewusst mitbekommen, weil sie zu der Zeit eine Ausbildung in Plauen angefangen habe und nur am Wochenende in Jena gewesen sei. Die Ausbildung habe sie im März 1998 oder so abgebrochen und da seien die Drei schon weg gewesen. In der Folge habe es Hausdurchsuchungen gegeben, Telefone seien abgehört, angeblich auch die Autos mit Peilsendern versehen worden. Es habe ständige Personenkontrollen gegeben. Vorher habe man in der Szene zwanglos miteinander herum gehangen und dann habe das eine andere Dynamik entfaltet. So konkret sei darüber nicht gesprochen worden, aber durch André habe sie das relativ deutlich mitbekommen. Sie seien oft zu zweit im Auto unterwegs gewesen und auch wenn sie nur im Wald spazieren waren, seien oft von überall Zivilautos gekommen. Es habe ein Gefühl der Bedrohung und Verfolgung gegeben, das sei für sie nicht nachvollziehbar gewesen damals.

Götzl fragt, was mit „Katz-und-Maus-Spiel“ gemeint sei. J. sagt, man habe sich Scherze erlaubt mit den Zivilfahrzeugen. Sie wisse, dass die Telefone abgehört worden seien. Die Leute hätten dann die Telefone ausgeschaltet und seien ein Stück weggegangen, um zu reden. Vielleicht sei „Katz-und-Maus-Spiel“ auch ein unglücklicher Begriff. Auf Frage, was Kapke zum Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe berichtet habe, sagt J., er habe gar nichts gesagt. Dass er Kontakt hatte, wisse sie erst durch seine Aussagen. Aus ihrer Erinnerung heraus habe er gar kein so gutes Verhältnis zu den Dreien gehabt. Sie meine, dass er gesagt habe, er wolle es gar nicht wissen. Sie wisse, dass Andrés Bruder mal ein Konzert gemacht habe zum Geldsammeln oder so. Sie könne sagen, dass in großen Gruppen über das Thema nicht gesprochen worden sei. Götzl sagt, J. habe von einer „Sensationsstimmung“ gesprochen und gesagt, dass die Szene eine ganz andere Wichtigkeit bekommen habe, jetzt gehe sie da mehrere Schritte zurück. J. sagt, die Drei seien plötzlich wichtig geworden: „Das kursierte immer wieder: die Drei, die Drei.“ Und diese Stimmung habe sich durch die Verfolgung ergeben, weil ein massives Aufgebot diese Szene bedroht oder verfolgt habe. So habe sie das wahrgenommen. Und sie sei ja im engeren Sinne außenstehend, habe ja keine Funktion ausgeübt. „Diese Zeitung“ z.B. sei genau in diesem Kontext entstanden, die sei ja stark auf Verfassungsschutz und Staatsschutz bezogen. Sie habe sich die noch einmal angeschaut und versucht die Erinnerung wachzurufen. Auf Frage von Götzl sagt J., es gehe um „diese Geburtstagszeitung“ für Kapke.

Auf Nachfrage sagt J., an das konkrete Zustandekommen der Zeitung könne sie sich nicht erinnern. Da stehe ja „Wolle und Jana“ drauf und das sei auch definitiv ihre Schrift, aber sie habe keine konkrete Erinnerung daran, wann sie zusammen gesessen und die geschrieben hätten. Sie wisse nicht, ob sie sich das zusammen ausgedacht oder sie das abgeschrieben hat. J.: „Es kann schon sein, dass wir das lustig fanden, auch wenn das bitter ist, das heute sagen zu müssen.“ Aber man habe sich damals in dem Kontext verfolgt gefühlt, dämonisiert. Die antisemitischen und rassistischen Aspekte seien deutlich, das sei ja keine Frage, dass man damit kokettiert habe, aber es sei auch sehr, sehr ironisch. Das nehme sie auch heute wahr, wenn sie die mit 15 Jahren Abstand lese. Mit Kontext sei die Stimmung infolge des Untertauchens gemeint, so J. auf Frage. Wer genau für was verfolgt wurde, habe sie damals nicht richtig einordnen können. Ihre Wahrnehmung sei gewesen, dass Drei die Entscheidung getroffen haben, Bomben zu bauen und das ganze Umfeld kriminalisiert wurde. „Von heute her ist das natürlich alles anders einzuschätzen.“

Götzl fragt, was nach J.s Kenntnis zum Untertauchen geführt hat. Sie könne das nicht mehr so genau trennen, was sie damals und heute wisse. Man habe aus der Zeitung etwas von einer Bombenwerkstatt gewusst, und auch von einem Koffer auf dem Theaterplatz. Sie habe sich das damals nicht vorstellen können, es sei ihr absurd vorgekommen. Das habe vielleicht an ihrem Alter gelegen, sie wisse nicht, wie naiv sie damals war. Vorher sei man relativ zwanglos beieinander gewesen, dass es solche Tendenzen gab, habe sie so nicht wahrgenommen. Die Szene in Jena sei sehr groß gewesen, es sei überhaupt nicht schwierig gewesen, da rein zu geraten. Man sei mit den Leuten zu „Kirmsen“ gefahren oder habe einfach rumgehangen, zwanglos, wie das in jeder anderen Jugendkultur auch sei: „Ich habe das nicht als hochkriminelles Milieu wahrgenommen.“ Sie könne sich auch kaum mehr erinnern, wie sie die Leute kennengelernt habe, viele habe sie im Winzerclub getroffen. Sie wisse nicht mal mehr, wie sie Kapke kennengelernt hat. Das sei die Stimmung gewesen, wie sie damals im Osten mal mehr, mal weniger offen geäußert worden sei: „In jeder Disko ist man auf Rechte getroffen, eigentlich überall.“ Zur zeitlichen Einordnung sagt J., dass sei 1996 bis Ende 1998, Anfang 1999 gewesen, dadurch dass sie noch länger mit André befreundet gewesen sei, habe sie auch einige Leute danach noch gesehen bis 2000 oder so. Kapke habe sie zwischen 1996 und 1997 kennengelernt.

Götzl fragt, welche Personen gemeint seien, wenn sie von der Szene spreche. J. sagt, sie habe immer auch einen anderen Freundeskreis gehabt. Das Umfeld in der rechten Szene seien auf jeden Fall Wohlleben und auch Carsten S. gewesen. habe sie damals auch gekannt, und einen Haufen Leute, deren Namen sie jetzt nicht wisse. Ap. habe damals noch ein eigenes Umfeld gehabt, das hat sich, glaube sie, nicht sonderlich gemischt. Der sei häufig in Jena-Nord unterwegs gewesen, nicht in Lobeda, wo sie später gewohnt habe. Die beiden Stadtteile seien das eine und das andere Ende von Jena. Sie glaube, Ap. sei nicht sonderlich politisch aktiv gewesen. Auf Frage sagt J., Mundlos habe sie gar nicht gekannt, sie habe ihn schon auch gesehen, aber nie gesprochen. Böhnhardt habe sie auch nicht gut gekannt. Der habe sie mal im Auto mitgenommen, der habe auch in Lobeda-West gewohnt. S. habe sie nicht so gut gekannt, sie habe sich aber schon gefreut, ihn zu sehen. Und mit Wohlleben sei es genauso gewesen. Als sie ihn kennenlernte, habe er noch irgendwo in Göschwitz gewohnt und sie habe den Eindruck gehabt, dass er, ähnlich wie sie, immer auch andere, unpolitische Freunde hatte. Sie könne sich an eine Party bei ihm erinnern, da seien Leute gewesen, die eindeutig keine Nazis gewesen seien. Und sie habe Wohlleben deshalb gar nicht als so radikal empfunden. Zu Wohllebens Freundin sagt J., sie glaube, dass die auch Jana oder Janina geheißen habe. Deswegen habe sie zuerst gedacht, dass Wohlleben die Zeitung mit seiner Freundin gemacht habe. Sie habe alle etwa zur gleichen Zeit kennengelernt. Mit Wohlleben und S. habe sie nicht so häufig Kontakt gehabt, wenn sie mit André unterwegs war auf einer Party, im Winzerclub oder in einer anderen Disko.

Götzl fragt zur Bedeutung des Winzerclubs. J. sagt, sie sei da nur einmal drin gewesen, ansonsten habe man draußen herum gestanden. Da hätten sich viele Leute getroffen, in dem Proberaum an der Stirnseite hätten immer zwei Bands gespielt, deren Namen ihr entfallen seien. Da hätten sie sich öfter bei den Proben getroffen oder danach verabredet. Da habe es noch eine zweite Band gegeben, das seien Hooligans gewesen. Es sei immer viel los gewesen. Götzl bittet J., Böhnhardt in seinem Verhalten zu beschreiben. Ihre damalige Wahrnehmung sei gewesen, dass sie alle recht nett fand. Und an ihn könne sie sich erinnern, weil er sehr große blaue Augen hatte. J.: „Ich habe keine negativen Erinnerungen an nahezu niemanden aus der Zeit, das ist so.“ Götzl fragt, ob Böhnhardt Waffen mitgeführt habe. Das könne sie überhaupt nicht sagen. Götzl möchte wissen, was J. damit gemeint habe, als sie das Verhältnis von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe als „exklusiv“ beschrieb. Die seien immer als die drei beschrieben worden, so J., sie wisse aber nicht, ob das schon vor dem Untertauchen so war. Aber es sei deutlich geworden, dass das eine enge Freundschaft war und sie habe das nicht hinterfragt. Böhnhardt und Mundlos habe sie mal am Winzerclub zusammen gesehen, sie wisse aber nicht, ob Beate auch dabei war. Zum Verhältnis von Mundlos und Böhnhardt und der beiden zu Zschäpe könne sie nichts sagen. Es folgt eine Pause bis 11.27 Uhr.

Götzl fragt, wie es zu der Situation gekommen sei, dass Zschäpe die Pistole benannt habe. Das könne sie nicht so genau sagen, aber Zschäpe habe die Pistole „ihre Walli“ genannt. Die Wohnung habe in einer Straße direkt neben den Gleisen gelegen, in einer Kurve an der Endhaltestelle Winzerla. Es sei eine Einraum-Wohnung gewesen, die hätten alle den gleichen Schnitt. Auf die Frage, ob es in der Wohnung Waffen gegeben habe, sagt J., sie glaube sich zu erinnern, dass an der Wand über der Couch etwas über Kreuz hing, aber sie sei sich nicht sicher, ob das eine Fahne oder zwei Waffen waren. Zwischen Küchennische und Schlafzimmer, wenn es existiert, stehe in solchen Wohnungen meistens die Couch, das sei auch bei Zschäpe so gewesen. Dann werden die Polaroids von der Hausdurchsuchung in Zschäpes Wohnung 1998 in Augenschein genommen. Das könne die Wohnung sein, aber sicher sei sie sich nicht. Was sie aber erkenne, sei das „Ding mit der Kugel dran“. Wenn das so da gehangen habe, könne sie sich daran erinnern.

Götzl sagt, es gehe jetzt nochmal um diese „Geburtstagszeitung“. J. sagt, die sei für André im Jahr 1998 gewesen. Sie habe sich die angeschaut, da stehe „1/98“ oder so. Sie wisse nicht mehr, wann Kapke Geburtstag hat, im Juli oder August. Götzl fragt, wo J. sich die Zeitung angeschaut habe. Sie habe die von den Verteidigern von Wohlleben, die hätten ihr geschrieben, dass es da eine Zeitung gebe. Sie hätten ihr einen Link geschickt und sie habe sich die ausgedruckt. Ein Gespräch habe es nicht gegeben. Sie sei auch nicht sicher gewesen, ob sie kommunizieren soll. Zweck sei gewesen, dass sie etwas zur Entstehung sagen könne. Bis vor zwei Wochen habe sie gedacht, sie habe nur die erste Seite geschickt bekommen, aber dann habe sie gesehen, dass sie alles habe und dass es ihr Schrift sei: „Ich war geschockt.“ Sie habe den Anwälten geschrieben, dass sie keine Stellung nehmen möchte. Ihr sei geschrieben worden, dass eine handgebastelte Geburtstagszeitung aufgetaucht sei, und dass sie voraussichtlich als Hauptbeweismittel gegen Wohlleben eingesetzt wird. Sie habe diese Zeitung nicht mit der Anklage zusammengebracht. Götzl fragt, was J. zur Entstehung sagen könne. Das sei das Problem, sagt J., daran erinnere sie sich überhaupt nicht. Auch bei dem Brief habe ihr das gar nichts gesagt. Sie habe keine Erinnerung daran, wie die Idee entstanden sei. Offensichtlich habe sie es geschrieben und auch die Basteleien würden ziemlich nach ihr aussehen. Aber sie könne nur spekulieren. Sie habe immer viel gebastelt, und sie könne sich vorstellen, dass sie die Idee gehabt habe. Götzl sagt, das sei ja nach ihrer Darstellung nichts, was sie regelmäßig gemacht habe. Das bestätigt J., sie könne sich aber an die Entstehungsgeschichte einfach nicht mehr erinnern. Aus der Zeitung werde ja auch relativ viel deutlich und sie könne sich vorstellen, dass sie das lustig fanden, aber sie wisse nicht, wo sie saßen und wer dabei war. Sie habe damals noch bei ihrer Mutter gewohnt, also hätten sie sicher nicht bei ihr gesessen. Götzl fragt, was sich J. zu „Hauptbeweismittel“ gedacht habe. Soweit sie wisse, sei Wohlleben wegen Beihilfe angeklagt und sie habe nicht ganz verstanden, was die Zeitung damit zu tun hat.

Götzl fragt, wie J. den Brief der Verteidigung Wohlleben verstanden habe, als Warnung etwa. Sie habe das für sich als bedrohlich wahrgenommen, dass sie vielleicht aussagen müsse. Die Inhalte habe sie sich erst vor zwei Wochen angeschaut, weil sie vorher nicht runter gescrollt habe. Aus der Presse habe sie gewusst, dass da Mordlisten drin seien und antisemitische Ausfälle. Sie habe das in erster Linie als für sich bedrohlich wahrgenommen. Sie gelte als Verfasserin dieser Zeitung, habe aber seit 15 Jahren mit dieser Szene nichts mehr zu tun. Sie riskiere ihre berufliche Perspektive. Deswegen frage er nach, so Götzl, man habe da Schwierigkeiten mit J.s Antwort. Sie wisse z. B., so J., dass André in Urlaub war über seinen Geburtstag, das habe sie gelesen, hätte sie so auch nicht erinnert. Sie sei öfter, wenn er in Urlaub war, in Andrés Wohnung gewesen, vielleicht habe sie es dahin gelegt. Götzl fragt, inwiefern Angst hier eine Rolle spiele, wenn sie das als bedrohlich empfunden habe. Im Moment gar keine, so J., sie sitze ja hier. J. sagt, sie müsse lügen, wenn sie etwas zu der Entstehungsgeschichte sagen sollte. Es sei ihr nicht gelungen, Bilder in Erinnerung zu holen. Als sie den Brief bekommen habe, habe sie es sogar abwegig gefunden, dass sie überhaupt mal mit Wohlleben so etwas gemacht haben soll. Daran erinnere sie sich überhaupt nicht. In der Presse habe sie nur Fetzen gelesen von Mordlisten und sie habe gedacht: „Oh Gott was steht da bitte drin?“ Sie habe dann versucht zu verstehen, in welchem Kontext das entstanden ist. Sie lese das in dem damaligen Kontext der Verfolgung, der sich damals viele ausgesetzt gesehen hätten. Die Sache hätten sie durch den Kakao gezogen, überspitzt. So scheußlich einige rassistische und antisemitische Texte seien, „also ich schäme mich für die Zeitung, da ist mir das Herz in die Hose gerutscht“, aber wenn sie versuche, sich in die damalige Zeit zu versetzen, dann habe sie nie Mordfantasien gehabt oder sei gewalttätig gewesen. Sie lese das als Ironie, als Parodie auf die Bild-Zeitung. Sie nennt eine Überschrift: „Top-Terrorist schwört Rache”. Dann seien da Fotos, es wundere sie, dass die Ironie nicht zur Kenntnis genommen wird, wenn da „Godzilla“ steht oder „Mona Lisa“. So lese sie das und das decke sich mit der damaligen Wahrnehmung. Aber wie genau diese einzelnen Texte zusammen kamen, könne sie nicht sagen. Auch zu den Fotos könne sie nichts sagen, sie habe damals weder einen Fotoapparat besessen, noch die Leute so gut gekannt, dass sie Fotos besessen hätte. So könne sie nur teilweise dazu beitragen, „dieses Machwerk“ zu klären. „So bitter ich das auch jetzt finde.“

Auf Frage sagt J., Kapke sei damals schon als Neonazi bekannt gewesen. Die Freundschaft zu ihm habe in der Zeit zwischen 16 und 18 Jahren das Politische „tangiert“, sei aber weit ins Persönliche gegangen. Deswegen habe sie Kapke auch nicht als gefährlich wahrgenommen, so wie er verfolgt worden sei. Ihr falle dazu ein, dass Kapke davon gesprochen habe, dass diese Verfolgung aufgrund einer Rasterfahndung passiere. Die sei auch bei der RAF eingesetzt worden, sei also eine Terroristenfahndung. Sie habe Kapke nicht als Terroristen wahrgenommen. Das könne aber auch daran liegen, dass man die Ereignisse der Zukunft nicht geahnt habe, oder am Alter oder der Naivität. Aber für sie sei Kapke kein gefährlicher Mensch gewesen, der sich Mordlisten ausdenkt. Sie wolle die Zeitung nicht bagatellisieren. Aber es sei schwierig zu erklären, dass das eine Arglosigkeit gewesen sei. Sie könne es nicht anders sagen, als dass sie diese Verfolgung als Unrecht empfunden hätten. Man solidarisiere sich und daher sei Kapke der Hauptakteur. Die Zeitung sei ja für ihn geschrieben worden. Es sei eine feindselige und zynische Sprache, die sie alle damals ganz gut verstanden hätten. Götzl fragt, ob J. das aus heutiger Sicht anders sehe. J. sagt, sie habe sich, als sie Ende 1998 ihr Fachabi angefangen habe, weiter entwickelt, weg von der Szene. Daran habe auch André teil gehabt, das sei nie ein Konflikt gewesen. Sie sei zu einer eigenständigen politischen Haltung gelangt. Deswegen sehe sie das heute auch ganz anders, auch in Anbetracht der grausamen Taten. Die damaligen Ereignisse würden heute in ganz anderem Licht erscheinen. Damals habe sie sich als Freundin von einem empfunden, der massiv verfolgt wird, ohne dass er etwas gemacht hat. Die Perspektive von damals sei gewesen, dass Drei Straftaten verübt haben und ein ganzes Umfeld verfolgt wird. Heute sehe sie diese Verfolgung natürlich anders.

Götzl fragt zur damaligen politischen Einstellung Kapkes. Die sei ganz klar nationalistisch, man könne auch fremdenfeindlich sagen. Aus heutiger Sicht würde sie auch sagen, rassistisch. Kapke sei auch relativ aktiv gewesen. Er war einer der wenigen, die damals ein Mobiltelefon besessen haben und sei viel in Kontakt gewesen mit allen möglichen Leuten. Ab 1998 hätten sie und Kapke zunehmend miteinander diskutiert. „Wir haben über die Asylgesetzgebung diskutiert, das war etwas später, da habe ich mich auch schon etwas näher befasst mit Legende und Realität der Asylgesetzgebung. Nicht nur in Nazikreisen, auch im allgemeinen Umfeld war es damals einfach Konsens zu sagen: Asylanten gefährden Arbeitsplätze, kriegen alles in den Hintern geschoben.“ Sie hätten diskutiert und gestritten. André habe gemeint, dass nationale Interessen einfach vorgehen müssten, solange es Elend in diesem Land gebe. Sie könne das kaum mehr wiedergeben, es sei lange her. „Und später 1998/99, sagte ich: Ey, André, wir haben alle nur ein Leben und ich verstehe, dass jemand nicht in schlimmsten Umständen leben will, Hunger, Krieg, und versucht, so einem Leben zu entfliehen.“ Sie erinnere sich, dass André sie häufiger „elende Humanistin“ genannt habe. Sie habe die Diskussionen sportlich gesehen, sie seien da tolerant miteinander gewesen. Götzl fragt, ob J. etwas zu Aktivitäten und Kontakten Kapkes sagen könne. „Ja und nein.“ Sie sagt, es seien kaum Leute mit Mobiltelefonen ausgestattet gewesen. Immer wenn eine Demonstration oder irgendwelche Treffen waren, hätten das die Leute mit Mobiltelefonen mehr oder weniger koordiniert. André habe öfters telefoniert, wenn sie verfolgt worden seien: „Lass uns umdrehen.“ Mit dem Tino Brandt sei er viel in Kontakt gewesen, habe aber ein schwieriges Verhältnis gehabt, glaube sie. Die hätten sich nicht leiden können, aber viel miteinander zu tun gehabt. Es sei ein Zweckbündnis, keine Freundschaft gewesen. Es sei auf die politischen Ziele bezogen gewesen. Brandt habe damals in irgendeinem Verlag gearbeitet, André habe auch immer von ihm Bücher und Zeitschriften gehabt und eine Zeit lang auch das Auto. André habe Brandt häufiger in den Westen fahren müssen, der habe unter der Woche im Westen bei einem Verlag gearbeitet.

Götzl fragt zu J.s eigener Rolle und ihrer politischen Einstellung. Mit ungefähr 16 habe es in ihrer Familie eine schlimme Eskalation gegeben und sie habe mit der Mutter einen „rasanten sozialen Abstieg“ hingelegt. Sie seien aus einer schönen Wohnung nach Lobeda gezogen. Sie sei da gelandet, wo die Nazis hauptsächlich unterwegs gewesen seien. Damals war es im Osten üblich, die politische Einstellung, Fremdenfeindlichkeit, latent und offen zur Schau zu tragen. Und die Nazis hätten das „noch einen Zacken schärfer“ getrieben. Sie habe diese Meinung geteilt und diese Inhalte relativ unreflektiert übernommen. Sie sei bei einer oder zwei Demos gewesen, aber sie habe solche Veranstaltungen gemieden, gar nicht aus politischen, sondern aus persönlichen Gründen. Demonstrationen, Konzerte, überall wo Massen von Leuten sind, habe sie versucht zu meiden. Die Zeitung sei ja dann wohl eine ihrer Aktivitäten gewesen. Ansonsten habe sie die Inhalte geteilt und zu ihrem Freund und ihrem Umfeld gehalten. Sie habe die Szene in einer ungerechtfertigten Position gesehen. Die Szene habe einem auch nicht so viel abverlangt. Man sei nicht genötigt worden, irgendwelche Positionen zu übernehmen. Aufgrund der familiären Situation habe sie damals Angstzustände gehabt, so J. auf Frage, deswegen habe sie solche Veranstaltungen gemieden. Götzl fragt, was J. mit „ungerechtfertigter Postion“ meint. Es gehe um diese Verfolgung, so J. Bei einer Gruppe löse das erstmal ein Bedrohungsgefühl, dann aber auch ein Gefühl der Relevanz aus. Und wenn der Staat einen zum Feind erklärt, dann ziehe man daraus eine Rechtfertigung. „Meine Wahrnehmung war, dass man sich als Nationalist oder national gesinnter Mensch unter einer ständigen Repression befunden hat.“ Aus linker Perspektive sei das wahrscheinlich ein Hohn. Aber damals sei das so wahrgenommen worden. Sie habe noch schemenhaft in Erinnerung, dass man sich mit seinem Umfeld solidarisierte und dann Inhalte zweitrangig waren. Es verbinde einen, „dieses Zum-Feind-erklärt-werden“. Es folgt die Mittagspause bis 13.36 Uhr.

Auf Frage sagt J., den Namen Holger G. kenne sie, aber ihn persönlich nicht. Sie glaube, dass G. ein Freund der Drei gewesen, aber dann weggezogen sei. Brandt habe sie nicht so gut gekannt. Sie sei ihm mit André zusammen öfter begegnet. Er sei niemandem sonderlich sympathisch gewesen, eine „eigentümlich Erscheinung“, laut und selbstgerecht. Zum Verhältnis von Wohlleben zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe könne sie nichts sagen. Sie habe die Drei mit Wohlleben überhaupt nicht in Verbindung gebracht. Wahrscheinlich hätten die sich gekannt, aber jeder habe sich gekannt. Sie habe die Berichterstattung auch erstaunt, weil das mit ihrer Wahrnehmung nicht zusammen passe. Götzl fragt zum Verhältnis Kapkes zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Sie habe immer angenommenen, dass das kein so gutes Verhältnis ist. Kapke seien mehrfach Unehrlichkeit, irgendwelche Unterschlagungen vorgeworfen worden und er habe keinen so guten Stand gehabt. Ihr gegenüber habe Kapke nie den Eindruck erweckt, als sei er besonders eng. Sie glaube, dass die Vorwürfe von Wohlleben gekommen seien, aber sie wisse nicht, ob die Drei da noch da waren oder nicht. Auf Frage sagt J., sie erinnere sich an ein Konzert, das Kapkes Bruder gemacht habe, um Geld zu sammeln. Der habe mit einer Frau zusammen gesungen, so als Liedermacher. Götzl fragt, wie das Geld an die Adressaten gekommen sei. Das wisse sie nicht, auch nicht, ob sie sich das jemals gefragt hat. Die Frage, ob das kein Thema mit André gewesen sei, verneint J. Der habe gesagt, dass er nichts davon wissen will. Es sei oft um die Drei gegangen, aber nicht in großer Runde. Die seien eigentlich ständig Thema gewesen, aber nicht so, dass man gewusst habe, wo die stecken. Aber man habe immer mal wieder etwas munkeln gehört. Für sie sei klar gewesen, dass André keinen Kontakt zu denen hat. Brandt habe sie, glaube sie, gar nicht gekannt, bevor die untergetaucht seien, so J. auf Frage zu Brandts Verhältnis zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Zur Beschreibung von Böhnhardt und Mundlos sagt J., sie habe die einmal in den braunen Uniformen gesehen, im Winzerclub. Von Mundlos habe sie kein „Ganzkörperbild“ vor Augen. Böhnhardt habe immer eine helle oder weiße Bomberjacke getragen, aber sie sei sich auch da nicht sicher. So wie viele herumgelaufen seien, mit hochgekrempelten Hosen und Military Boots, kurze Haare. Zschäpe habe eine Lederjacke getragen, keine Bomberjacke und wie sie alle Stiefel, ansonsten nicht weiter auffällig.

„Thüringer Heimatschutz“ sage ihr etwas, so J. auf Frage. Das sei eine, Organisation könne man nicht sagen, sie wisse nicht, wie man das nennt, eine „freie Verbindung Thüringer Nationalisten, die sich unter der Bezeichnung entweder selbst eingeordnet haben oder eingeordnet worden sind“. Dadurch, dass es keine Mitgliedsstruktur gegeben habe, habe jeder dazu gehört oder keiner. Wer sich dazu bekannt hat, könne sie kaum sagen. Kapke auf jeden Fall und alle Menschen in diesem Umfeld hätten automatisch dazu gezählt und sich zugehörig gefühlt, unabhängig davon, ob es da feste Funktionen gab. André habe da sicherlich eine Funktion gehabt, aber sie könne nicht sagen, was Wohlleben für eine Funktion gehabt haben könnte. Sie seien als Szene zusammen gewesen. Ob man das dann „Thüringer Heimatschutz“ nennt oder nicht und ob man sich da zugehörig fühlt oder nicht, das sei schwierig zu beantworten. Sie denke, das sei auch so beabsichtigt gewesen, dass es keine Struktur gab. Sie sei da 1996/97 dazu gestoßen. André und Tino Brandt seien Gründer gewesen, sie wisse aber nicht, ob man das so sagen kann. Auf jeden Fall seien sie Vertreter dieser Kameradschaft gewesen. Auf Demonstrationen seien Transparente gezeigt worden, das sehe man auch auf Fotos. Und die Organisation habe dann unter der Überschrift THS stattgefunden, oder wenn Aufkleber gedruckt worden seien. Sie könne es nicht mit Sicherheit sagen. Wie Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zum THS standen, könne sie überhaupt nicht sagen. Sie wisse einfach nicht, wie sie den THS nennen soll: „ein strukturfreies Geflecht ohne offizielle Mitglieder“. 1997 sei ihr das kein Begriff gewesen.

Auf die Frage Götzls nach einer Reise Kapkes nach Südafrika sagt J., sie habe versucht das zu rekonstruieren. Das müsse in der Zeit gewesen sein, wo sie diese Zeitung geschrieben habe. Da sei er mit einem zusammen gefahren, sie glaube zu zweit, sei sich aber nicht sicher. Ob zur Debatte stand, dass sie mitfährt, verneint die Zeugin. Zum Zweck der Reise sagt J., bis dato habe sie gedacht, dass es Urlaub war. Sie wisse nicht mehr, was Kapke ihr berichtet hat. Er habe ihr Fotos gezeigt, eine Safari, Klettern und ein Wasserfall, glaube sie. Was sie kürzlich in der Presse gelesen habe, dass es darum gegangen sei, ein Domizil für die Untergetauchten zu finden, darüber habe er mit ihr nicht gesprochen. J. sagt auf Frage, dass Kapke einen Menschen besucht habe, der Publizist war und an einer Uni dort auch Dozent, in Pretoria oder Johannesburg. Auf Vorhalt des Namens Nordbruch sagt J., das sei der Mann, dem sei sie ich auch begegnet. Ob davor oder danach, wisse sie nicht mehr. Das sei bei einer Veranstaltung in einem Hotel gewesen. Der habe einen Vortrag gehalten oder sei da gewesen, um zuzuhören. Was sie heute lese in der Presse, sei ihr neu. Es sei „auch einigermaßen“ erschreckend für sie, dass sie offensichtlich richtig viel nicht mitbekommen habe.

Götzl fragt zu Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung in der Szene. Gewalt sei immer irgendwie ein Thema gewesen, so J. Es habe viele Skinheads gegeben, die sich geschlagen hätten. Mit André habe sie einen Streit über eine Situation gehabt, wo zwei Mädchen angegriffen worden seien. Sie und André hätten sich mit diesen Mädchen getroffen und mit ihnen gesprochen. Sie wisse nicht mehr, um was es genau ging, aber es sei in der Folge von Auseinandersetzungen zwischen Linken und den Nazis gewesen. Sie hätten mit denen Tee getrunken und auf dem Nachhauseweg seien die wohl angegriffen worden. André habe ihr gegenüber abgestritten, dass das eine Falle war. Aber offensichtlich sei es das doch gewesen. Die seien schwer verletzt worden, meine sie, auf jeden Fall seien sie von mehreren Leuten angegriffen worden. Sie sei sich nicht mehr sicher, ob André dabei war oder nicht. Und sie wisse auch nicht, ob das derselbe Fall ist, wegen dem Wohlleben und André später verurteilt wurden. Man habe immer mal wieder von einer Schlägerei gehört. „Aber rassistische Gewalt konnte man in Jena nicht ausüben, es gab ja keine Migrantinnen, oder kaum.“ Es habe aber häufiger Auseinandersetzungen mit Linken gegeben. Sie sei nie anwesend gewesen und habe das nie befürwortet, „auch wenn mir das wahrscheinlich niemand glaubt“. Sie wisse nicht, ob es Personen gab, die Gewalt befürwortet haben, es sei ja nicht so, dass man ein Gespräch führt: „Wie stehst du zu Gewalt?“. Es sei in Situationen das Mittel gewesen. André habe genügend Verfahren wegen allem Möglichen gehabt, sie glaube, der habe sich solche Sachen verkniffen. Sie habe keine Waffe gehabt, so J. auf Frage, André, soweit sie wisse, auch nicht, bei Wohlleben und anderen könne sie das nicht beurteilen. Mundlos und Böhnhardt habe sie nicht gut genug gekannt, aber sie habe die nie mit Waffen gesehen. J.: „Die einzige Waffe, die ich zu der Zeit wahrgenommen habe, war die von Beate Zschäpe.“

Götzl sagt, J. habe in Bezug auf die Geburtstagszeitung von Todeslisten gesprochen und fragt, inwiefern solche Themen in der Geburtstagszeitung abgehandelt werden. J. sagt, sie lese diese Zeitung als ironische Zuspitzung. Sie hätten sich damals in der Opferrolle gesehen: „Das ist aus heutiger Sicht natürlich totaler Quatsch.“ Es lasse sich gar nicht leugnen, dass ganz massiv damit kokettiert werde: „Ich schäme mich total für diese Zeitung, aber scheinbar hab ich das für sinnvoll erachtet.“ Sie habe nie ein Bedürfnis gehabt, sich zu schlagen oder jemanden zu bedrohen, aber mit dem Habitus habe man schon kokettiert. Götzl fragt, ob da von der Ausübung von Morden die Rede sei. J. sagt, sie denke schon, aber das sei ja alles erdacht. Sie glaube ein Artikel gehe darum, dass Wohlleben als Kind schon Rassist gewesen sei. Dann wird das Originalasservat der „Geburtstagszeitung“ in Augenschein genommen. Es wird ein Blatt gezeigt, auf dem ein Baby zu sehen ist unter der Überschrift: „Kinder immer krimineller“. Zu lesen ist: „Neger auf den geschossen worden ist von dem einjährigen Wolle“. Sie wisse nicht, wie es zu der Thematik gekommen sei. Man sehe ja, dass sie Headlines aus der Bild-Zeitung und anderen Zeitungen genommen hätten. Sie könne sich vorstellen, dass sie das damals witzig gefunden hätten, aber das irgendwie ernst gemeint zu haben, sei für sie absurd. Götzl fragt, wie es zu der Formulierung „Wolle schoss auf einen Neger, der auf einem Straßenfest mit Drogen dealte“ gekommen sei. J. sagt, das sei „pubertärer Quatsch und zwar mit ganz, ganz schlimmen Inhalten“. Er fragt noch einmal danach, wie es komme, dass entsprechende Sätze in dieser Geburtstagszeitung stehen. Das könne sie sich nicht erklären, so J. Aus ihrer Perspektive habe da kein realer Hintergrund bestanden. Sie sei bei keiner Diskussion dabei gewesen, wo es darum ging, schwarze Leute zu erschießen. Götzl fragt, welche Bedeutung das für Kapke gehabt habe, denn für ihn sei die Zeitung gewesen. Wohlleben sei ein Freund und so kämen die Leute in die Zeitung, das sei ja das Umfeld, da seien auch einige dabei, die sie nicht kenne, so J. Es tue ihr leid, dass sie das nicht erklären kann. Sie schäme sich dafür, aber einen realistischen Hintergrund könne sie nicht bestätigen.

Dann fragt Götzl, was das Wort hinter „mein Freund Mirko ist neben der Arbeit bei der“ heißt. Sie glaube, dass das „DVU“ heiße. Mirko Mokry sei ein sehr lustiger und peinlicher DVU-Abgeordneter gewesen, den habe man im Fernsehen gesehen und sich köstlich amüsiert, glaube sie sich zu erinnern. Götzl sagt, unter der Überschrift „Top-Terrorist schwört Rache“ stehe „Eine Hausdurchsuchung bei Kapke erbrachte eine Todesliste“. Das sei der Artikel, von dem sie vorhin gesprochen habe, sagt J. Götzl sagt, dann seien da Bilder von Schröder, Kohl, Bubis neben anderen. J. bestätigt das, es seien aber auch Godzilla und Mona Lisa zu sehen. Sie habe vorhin schon dieses Wort Rasterfahndung gesagt, wenn solche Fahndungsmethoden angewendet würden, sei ja klar, dass sie als Terroristen verfolgt oder verdächtigt werden. Das sei die ironische Überspitzung, so lese sie das. J.: „Es ist total schwer, das aus heutiger Perspektive zu erklären, ohne es zu verharmlosen. Wenn das ansatzweise ernst gemeint gewesen wäre, wären da nicht Godzilla und Mona Lisa.“ Es sei schwierig, wenn man das linear in die Geschehnisse, die wir heute kennen, stellt. Dass das heute eine ganz andere Konnotation bekomme, könne sie nachvollziehen. Aber sie könne nur beteuern, dass es damals nicht so gewesen sei. Götzl fragt, ob J. Informationen zu Böhnhardt, Mundlos hinsichtlich biografischer Daten und Alter gehabt habe. J. antwortet, sie hätte es nicht gewusst, aber da stehe unter „Bekanntschaften“ Alter und Funktion. Zu sehen sind mehre Porträtfotos von Personen. Götzl hält vor: „Uwe, 20 Jahre alt“. Woher diese Information stammt, wisse sie nicht. Sie habe auch solche Fotos nicht besessen. Und sie wisse auch nicht, welcher von den beiden das ist. Der obere, glaube sie, ist Uwe Böhnhardt. Götzl sagt, darunter stehe: „Uwe, 24 Jahre alt, bin Sonnenbrillenfetischist, sehr reiselustig.“ Wahrscheinlich steht das da, weil er eine Sonnenbrille trägt, woher die Information zum Alter stamme, wisse sie nicht, aber sie habe es geschrieben: „Was nutzt es mir da, zu lügen.“ Sie wisse nicht, woher die Altersangaben stammen, vielleicht habe sie ihr Wohlleben gesagt. Dann wird ein Blatt in Augenschein genommen, auf dem „Anzeige vom Thüringer Heimatschutz“ und „Hurra Hurra André ist wieder da. Deine Kameraden“ steht. Außerdem ist ein Scheck zu sehen mit dem Eintrag „1000“ Der Scheck sei nicht ihre Schrift, so J. Sie könne dazu nichts sagen, genauso wenig wie zu dem Rest. Es folgt eine Pause bis 15.11 Uhr.

Es geht zunächst um den Brief, den die Verteidigung Wohlleben an J. geschickt hat. Den Schriftverkehr hat die Verteidigung zwischenzeitlich vervielfältigen und verteilen lassen. Götzl sagt, er lese hier nichts von einem „Hauptbeweismittel“. J. sagt, eigentlich sei sie sich da sicher. Sie habe den Brief nicht dabei, aber könne es nachschauen. Telefonate habe es keine gegeben. Auf Frage sagt J., sie habe Wohlleben nicht mit „Wolle“ angesprochen, sondern mit Wohlleben oder Ralf. Er habe damals diese Freundin, Jana oder Janina, gehabt, in Göschwitz in einer sehr schönen Wohnung gewohnt, und sie glaube, dass er in einem Möbelhaus gearbeitet hat. Zur familiären Situation Zschäpes könne sie nichts sagen, so J. auf Frage. Dann macht Götzl Vorhalte aus J.s Vernehmung: Hier stehe, dass J. gesagt habe, sie habe gewusst, dass sie Gärtnerin oder so war. Das könne sein, sie wisse nicht, ob Zschäpe eine Ausbildung gemacht hat oder eine Maßnahme. Außerdem stehe hier, so Götzl, dass J. mitbekommen habe, dass Zschäpe abwechselnd mit den Uwes zusammen war. Götzl hält vor, dass J. davon gesprochen habe, dass die beiden Uwes oft in braunen Uniformen herum gelaufen seien, heute habe sie aber nur eine solche Beobachtung geschildert. J. sagt, die seien öfter so herum gelaufen, das habe man gehört. Einmal habe sie es auch selbst gesehen. Götzl sagt, er wolle noch eine Formulierung hinterfragen. Hier stehe zu Beate, dass André ihr geraten habe, sich von ihr fern zu halten. Das stimme, so J. Zschäpe sei der Ruf vorausgeeilt, sie sei intrigant. Sie habe das aber nicht bestätigen können, sie habe Zschäpe weder unsympathisch noch „supersympathisch“ gefunden. André habe irgendwann gesagt „halt dich von der fern“, sie habe das nicht weiter hinterfragt. Götzl hält vor, dass J. gesagt habe, es habe geheißen, dass Zschäpe falsch war, viel gelästert hat, ein „Schandmaul“ war. In der Szene sei viel gelästert worden, so J., sie habe das nicht spannend gefunden, wer über wen was sagt. Den Kontakt zu Carsten S., sagt J., würde sie nicht intensiv nennen, aber sie hätten sich gekannt und zumindest sie habe ihn gemocht. Er sei ein Klassenkamerad von ihrem damaligen Freund gewesen. Außerdem habe sie eine Situation am Winzerclub verbunden. Da sei sie mit André mit dem Auto hin gefahren, habe eigentlich sitzen bleiben wollen, sei aus irgendeinem Grund doch ausgestiegen und mit Carsten um die Ecke gelaufen, sie wisse nicht mehr warum. Zu der Zeit habe sie für sich selbst schon entschieden, dass sie aus Jena weg gehe, wegen ihrer Familie, aber auch weil ihr diese Szene zusehends auf die Nerven gegangen sei. Und sie habe noch in Erinnerung, dass sie gesagt habe: „Nimm die Beine in die Hand und hau ab, ich werde es auch so machen.“ Wie S. zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe stand, könne sie nicht sagen, so J. auf Frage. Zu Wohlleben habe S. ein engeres Verhältnis, zu Kapke kein besonders enges Verhältnis gehabt. Sie verneint die Frage, ob sie André E. kennt. Götzl sagt, J. müsse am 16. April noch einmal wiederkommen und unterbricht die Vernehmung.

Es wird die „Geburtstagszeitung“ in Augenschein genommen und jede Seite verlesen (zu Inhalten der Zeitung siehe Protokoll zum 84. Verhandlungstag).

RA Kienzle teilt mit, dass die Nebenklage der Familie Yozgat sich dem Antrag auf Vernehmung der Zeugin Pi. (92. Verhandlungstag) anschließt. Es sei zu berücksichtigen, dass die Bekundungen, die die Zeugin machen werde, gestern unmittelbar bestätigt worden seien. Der Zeuge Irrgang habe bestätigt, dass ein BKA-Beamter im Hause war und dies später zu Diskussionen über dienstliche Konsequenzen geführt habe, weil er nicht damit befasst worden sei. Diverse Nebenklagevertreter schließen sich dem Antrag an.

Der Verhandlungstag endet um 16.01 Uhr.

Der Weblog NSU-Nebenklage kommentiert: „Am Beispiel der Zeugin Jana J. lässt sich gut erkennen, dass eine starke, dynamische Nazibewegung, die von großen Teilen der „normalen“ Gesellschaft teilweise Zustimmung, jedenfalls aber keine entschiedene Ablehnung erfährt, breite Teile  der Jugend einbinden kann. Jana J. hat sich damals offensichtlich vor allem aus Opportunismus der sie umgebenden Naziszene angeschlossen, deren Ideologie und Gestus angenommen und sich so in ihr gesellschaftliches Umfeld eingeordnet. Heute, wo sie als Pädagogin in Berlin lebt, lehnt sie ihrer neuen Lebenswelt entsprechend auch ihre damalige Meinung deutlich ab.“

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