Leberwurstsemmeln und Gerechtigkeit – Ein Besuch im NSU-Prozess

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Reihe: Ortstermin

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Eine Schlange vor dem Eingang des gab es zuletzt nur zur Einlassung von Beate im Dezember 2015. (c) a.i.d.a.

von Niklas Prenzel
zuerst erschienen auf dem Blog antifra*

Eine Stunde vor Pro­zess­be­ginn teile ich mir die Zuschau­er­rei­hen mit nur einem wei­te­ren Besu­cher. Auf sei­ner Glatze spie­gelt sich grel­les Neonlicht, das von küh­len Beton­wän­den her­ab­strahlt. Er könnte Haupt­dar­stel­ler in einem um Auf­klä­rung bemüh­ten, öffentlich-rechtlichen Fern­sehfilm zu Neo­na­zis­mus sein. Hier ver­kör­perte er einen dump­fen und lie­bens­wer­ten, aber bedin­gungs­los erge­be­nen Mit­läu­fer. Wie ein ver­ges­se­ner Aqua­ri­ums­be­su­cher blickt der blasse Koloß durch die dicke, bis zwei Meter unter die Decke rei­chende Glas­scheibe nach unten in den Gerichtssaal. Als warte er dar­auf, dass ein gro­ßer, ganz beson­de­rer Fisch sich bald zei­gen möge. Um einen bes­se­ren Blick zu erha­schen, gehe ich die weni­gen Stu­fen hin­un­ter und presse meine Nase gegen die Scheibe. Nun kann ich die Pap­p­auf­stel­ler lesen, die anzei­gen, wo die Ange­klagten, die Bun­des­an­walt­schaft und die Neben­klä­ger sit­zen wer­den. Sofort kommt ein Jus­tiz­be­am­ter her­an­ge­eilt und for­dert mich auf, mei­nen Platz einzunehmen.

Es ist der zweite Kon­takt an die­sem Mor­gen mit der ord­nen­den Staats­macht. Selbst­be­wusst war ich vor einer hal­ben Stunde durch die glä­serne Schie­be­tür des Ober­lan­des­ge­richts getre­ten, wurde jedoch von einem Beam­ten zurecht­ge­wie­sen, dass ich drau­ßen zu war­ten hätte. Pflicht­be­wusst hatte ich mich also in das weiße, men­schen­leere Groß­zelt auf dem Vor­platz gestellt, in dem gelbe Plas­tik­gat­ter ver­schie­dene Rei­hen von­ein­an­der abtren­nen. Ursprüng­lich als Pro­vi­so­rium für die Ord­nung der Zuschau­er­mas­sen gedacht, steht es nun schon seit drei Jah­ren an die­sem Ort. Zwecklos, als habe jemand ver­ges­sen, nach einer Gar­ten­party den Wind– und Wet­ter­schutz abzu­bauen. Nach weni­gen Minu­ten hatte man mir umständlich eines der Gat­ter einen Spalt breit geöff­net und mich zur Durch­su­chung ins Gerichts­ge­bäude gebe­ten. Akku­rat und rou­ti­niert for­derte mich einer der in 70er-Jahre-Beigegrün geklei­de­ten Poli­zis­ten auf, sämt­li­ches Gepäck abzu­ge­ben. Als „nor­ma­ler“ Besu­cher darf ich immer­hin Kugelschrei­ber und Heft mit­neh­men. Nach dem er diese bei­den ana­lo­gen Uten­si­lien aus­gie­big unter­sucht hatte, beschrieb er mir irri­tie­rend kum­pelhaft den Weg zum Gerichtssaal.

Hier stehe ich nun an der Glas­scheibe, durch die aus der Nähe durch­zu­gu­cken nicht gestat­tet ist. Beim Zurück­ge­hen auf mei­nen Platz kann ich jenen kor­pu­len­ten, kahl­ge­scho­re­nen Zuschauer­kol­le­gen von vorne betrach­ten. Auf sei­nem T-Shirt ist das Logo der Lon­do­ner U-Bahn auf­ge­druckt. Der bekannte Schrift­zug „Under­ground“ auf einem blauen Bal­ken vor rotem Kreis lässt erah­nen, für wel­che Seite der Kri­mi­le­ser in die­sem Pro­zess Sym­pa­thien hegt. Pas­send zum T-Shirt hat er seine Lek­türe aus­ge­wählt: Neben ihm liegt auf­ge­schla­gen das Buch „Him­mel über Lon­don“ von Håkan Nesser. Spä­ter erha­sche ich einen Blick auf den Klap­pen­text. In dem Buch treibt ein Seri­en­mör­der sein Unwe­sen: „Es braut sich etwas zusam­men unter dem Him­mel von Lon­don“, steht da weiter.

In die­sem grauen Gerichts­saal fühle ich mich merk­wür­dig weit der Wirk­lich­keit ent­rückt. Viel­leicht ist es ver­gleich­bar dem Gefühl, an einem Sommer­tag als Tou­rist in einer medi­ter­ra­nen Stadt das Innere einer alten, küh­len Kathe­drale zu betre­ten. Alles Bom­bas­ti­sche, Far­ben­frohe ist hier kah­lem Beton gewi­chen, kein Fens­ter erlaubt einen Blick nach drau­ßen, Nadel­flies­bo­den schluckt jedes Geräusch. Schnei­dende Ver­nunft und Prag­ma­tis­mus regie­ren die­sen Raum. Dort, wo eigent­lich die Orgel ste­hen müsste, befin­den sich die Zuschau­er­rei­hen, in drei Meter Höhe thro­nen sie über dem Ver­hand­lungs­saal. Von hier oben sind nur die fünf Rich­ter­stühle unein­ge­schränkt zu sehen.

Mit eini­ger Ver­zö­ge­rung beginnt end­lich der Pro­zess­tag. Es ist der zwei­hun­dert­drei­und­sieb­zigste. Heute dür­fen Kame­ra­teams den Ein­zug der Angeklag­ten beglei­ten. Aus einer ande­ren Per­spek­tive sehe ich das, was sich wohl schon ins kol­lek­tive Gedächt­nis der Gesell­schaft ein­ge­brannt hat. betritt unter Blitz­licht­ge­wit­ter den Gerichts­saal. Seit knapp einem hal­ben Jahr zeigt sie der Öffent­lich­keit statt ihres Rückens ein geüb­tes Lächeln. Foto­gra­fen knien wie zur Anbe­tung bereit vor ihr. Aus der Frosch­per­spek­tive schei­nen sie Zschäpe in Szene set­zen zu wol­len. Hin­ter ihr betritt Cars­ten S., der die lange Kapuze sei­nes Pull­overs zur Unkennt­lich­keit übers Gesicht gezo­gen hat, den Saal. André Emin­ger, ein wei­te­rer mut­maß­li­cher Hel­fer des Trios und rein äußer­lich eine Misch­form aus Biker und Bär, nimmt selbst­be­wusst sei­nen Platz ein. Mit­an­ge­klag­ter Hol­ger G. hält sich eine Kladde vor das Gesicht. Wie ein Finanz­be­am­ter an den mor­gend­li­chen Schreib­tisch setzt sich Ralf Wohl­leben, der zweite Haupt­an­ge­klagte, an sei­nen Platz und ver­ka­belt gründ­lich sei­nen Lap­top. Von hier oben, abge­trennt durch die Scheibe, sieht das alles so unglaub­lich pro­fan und ein­stu­diert aus.

Was folgt sind die Mühen der Ebene eines stink­nor­ma­len Gerichts­ta­ges. Immer wie­der muss ich mir in Erin­ne­rung rufen, dass es nicht irgend­eine Ver­hand­lung, son­dern einer der wich­tigs­ten Straf­pro­zesse der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Geschichte ist. Aber dadurch, dass es selbst­ver­ständ­lich ein Straf­pro­zess und kein Schau– oder Gesin­nungs­pro­zess ist, über­wiegt – zumin­dest heute – das Zähe, das Büro­kra­ti­sche. Alle Affekte schei­nen aus­ge­sperrt aus die­sem Saal.

In den vier Stun­den, bis der Ver­hand­lungs­tag been­det und der dar­auf­fol­gende abge­setzt wird, geht es um ein Beweis­stück, das die Bun­des­an­waltschaft der Ver­tei­di­ger­seite angeb­lich nicht recht­zei­tig zur Ver­fü­gung gestellt hat. Wohl­le­ben hatte sich bei sei­ner Aus­sage vor Gericht als der bür­ger­li­che, geset­zes­treue und gegen Gewalt ein­ge­stellte -Politiker prä­sen­tiert. Ich denke dar­über nach, dass sein Nach­name jemanden bezeich­net, der ein gutes, ange­neh­mes, woh­les Leben führt. Ist diese Bedeu­tung tat­säch­lich in ihm zum Selbst­ent­wurf geron­nen? Nun hatte sich jedoch eine Zeu­gin daran erin­nert, dass bei der Haus­durch­su­chung ein T-Shirt in sei­nem Bett gefun­den wurde. Dar­auf ein abscheu­liches Arran­ge­ment gedruckt: Die Bahn­schie­nen, die auf das Ein­gangs­tor von Ausch­witz zulau­fen, dar­über in goti­schen Buch­sta­ben das Wort „Eisenbahn­ro­man­tik“. Die­ses Beweis­stück, das Wohl­le­bens Ein­stel­lung in ein etwas ande­res Licht rückt, sei nun von der Bun­des­an­walt­schaft nicht aus­ge­druckt, son­dern ledig­lich als Datei auf einem USB-Stick zu den Akten gelegt wor­den. Die Ver­tei­di­ger Wohl­le­bens, alle­samt so genannte rechte Sze­ne­an­wälte, sehen dies am heu­ti­gen Ver­hand­lungs­tag als Anlass, einen Aus­set­zungs­an­trag zu stel­len. Rich­ter, Bun­des­an­walt­schaft und Neben­klage neh­men dazu Stel­lung. Das könnte schnell erle­digt sein, denke ich. Doch die ver­schie­de­nen Sei­ten bekom­men immer wie­der Zeit sich zu bera­ten. Am Ende werde ich ins­ge­samt drei Stun­den mit War­ten ver­bracht haben, immer wie­der unter­bro­chen von kur­zen State­ments der Betei­lig­ten. Nach­dem die -Verteidigung gespro­chen hat, kann ich den Blick nicht von dem Ange­klag­ten abwen­den. Zufrie­den lächelt er in sich hin­ein, raunt sei­nem sich wie­der neben ihn set­zen­den Anwalt ein paar Worte der Aner­ken­nung zu.

Der Pro­zess wird bis zur fol­gen­den Woche aus­ge­setzt, schon zur Mit­tags­zeit ent­lässt Rich­ter Göt­zl alle Anwe­sen­den. Vor mir geht der Beob­ach­ter mit dem London-Faible die enge hin­un­ter. Angeb­lich ist er einer der häu­figs­ten Prozess-Zuschauer. Man berich­tet mir, dass er bereitwillig von sei­ner Ver­eh­rung und Liebe zu Zschäpe erzählt. Mir hin­ge­gen ist nur in Erin­ne­rung, wie er mich im Neben­raum wäh­rend einer der Pau­sen fragt, ob ich im Bröt­chen­hau­fen eine Leber­wurst­sem­mel sehen würde. Ich ärgere mich, dass mir diese Gestalt noch immer im Kopf her­um spukt und ich genö­tigt wurde an die­sem Pro­zess­tag über Leber­wurst­sem­meln nachzudenken.

Drau­ßen auf dem Vor­platz des Gerichts ste­hen viele Men­schen, die eben­falls im Saal A101 gewe­sen sind. Sie saßen unter­halb der Zuschau­er­tribüne, waren von dort nicht zu sehen. Es sind etwa 50 Neben­kla­ge­an­wälte und ein paar Neben­klä­ger, also Ange­hö­rige der Mord­op­fer, die zu diesem 273. Ver­hand­lungs­tag aus ganz Deutsch­land ange­reist sind und nun in klei­nen Grüpp­chen in der Mün­che­ner Früh­lings­sonne ste­hen. Am Vor­tag jährte sich zum zehn­ten Mal der Mord an dem 39jährigen Meh­met Kubaşık. Der fol­gende Tag wird der zehnte Todes­tag des 21jährigen Halit Yozgat, dem neun­ten Opfer des , sein. Die­sen, von zwei trau­ri­gen Jah­res­ta­gen umrahm­ten Pro­zess­tag mit­er­lebt zu haben, muss für sie ernüch­ternd sein. Erneut sind sie Zeu­gen klein­li­chen juris­ti­schen Gezer­res gewor­den. Man kann nur hof­fen, dass sich in ihre Wun­den und die Trauer nicht irgend­wann das Gefühl ein­schreibt, ver­geb­lich und zu lange auf Gerech­tig­keit gewar­tet zu haben.