Protokoll 102. Verhandlungstag – 3. April 2014

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Am heutigen Verhandlungstag sagte die Mutter von Uwe Mundlos aus. Sie beschrieb wie ihr Sohn vor der Flucht im Januar 1998 zu ihr kam und sie ihm noch ihre EC-Karte gab. Das sei der letzte Kontakt zu ihm gewesen. Von den politischen Aktivitäten und der Entwicklung ihres Sohnes über die Jahre will sie nichts mitbekommen haben.

Zeugin:

  • Ilona Mundlos (Mutter von Uwe Mundlos)

Disclaimer: Bei diesem Protokoll handelt es sich um die redaktionell bearbeitete Mitschrift von Mitarbeiter_innen von NSU-Watch im Gerichtssaal. Es stellt kein vollständiges Wortprotokoll dar. Auch wenn wir versuchen, die Aussagen so genau und korrekt wie möglich wiederzugeben, können Missverständnisse und Fehler auftreten, manchmal gibt es Lücken. Deshalb können wir keine Gewähr für die Korrektheit und Vollständigkeit übernehmen. Die Aussagen sind insoweit redaktionell bearbeitet, dass sie auch außerhalb des Saals lesbar und verständlich werden.

Heute ist die Nebenklägerin Adile Şimşek, Ehefrau des Mordopfers Enver Şimşek anwesend. Einzige Zeugin des Tages ist die Mutter von Uwe Mundlos, Ilona Mundlos, 63, Rentnerin aus Jena. Richter Götzl bittet sie, umfassend über die Entwicklung und den Lebenslauf von Uwe Mundlos, seine Beziehung zu Zschäpe und Böhnhardt und sein Verschwinden im Januar 1998 sowie den November 2011 zu berichten.

Zeugin: Also, muss sagen, ich muss mich entschuldigen, ich habe kein richtiges Zeitgefühl, die Jahre müssen nicht unbedingt stimmen. Uwe ist im Kindergarten gewesen, dann normal bis zur 10. Klasse zur Schule gegangen, hat dann eine Lehre zum EDV-Kaufmann absolviert, war dann bei der Bundeswehr und danach eine eigene Wohnung bezogen. Wir waren ein Vier-Personen-Haushalt, er hat einen Bruder, zwei Jahre älter. Ich bin seit 44 Jahren verheiratet. Wir waren eine glückliche Familie. Uwe hat mir nie Schwierigkeiten gemacht. Er war immer offen und hilfsbereit, hat Vater und Bruder unterstützt. Wir haben gemeinsam Urlaub gemacht, er hat seine Arbeit gemacht. Wir sind 1997/98 nach Winzerla gezogen, dort hatte er kein eigenes Zimmer und hat sich mit seinem körperlich schwer behinderten Bruder Robert, der im Rollstuhl sitzt, das Zimmer geteilt. 1988 sind wir in eine Rollstuhlwohnung umgezogen: Da hatte Uwe dann sein eigenes Zimmer. Das Verhältnis der Brüder war sehr liebevoll, beim Einschlafen haben sie oft Händchen gehalten. Der schwerbehinderte Bruder im Rollstuhl sagte Uwe, was sie machen sollen, der nicht-behinderte Uwe wächst daran, wird größer durch den behinderten Bruder.

Ich hab‘ mich mehr um Robert gekümmert, mein Mann um Uwe. Uwe war agil, mein Mann ist mit ihm spazieren gegangen, zum Wandern. Ich habe 30 Jahre in der Rewe-Kaufhalle gearbeitet, immer Spätschicht von 14 – 22 Uhr. Zwischendurch hab ich Essen gekocht, den behinderten Sohn abgeholt und bin dann in die Arbeit. Bin jetzt in Frührente, bin nicht mehr so beweglich und der Pflegeaufwand nimmt zu. Mein Mann repariert schon mal den Rollstuhl, hat immer tüchtig mitgeholfen, ich habe leichte Arbeiten erledigt. Mein Mann hat sich mit Uwe gut verstanden, weil er ja auch ein Junge war und nicht so ein Mutti-Kind, zu mir hatte er nicht so engen Kontakt.

Ich war vielleicht bei Uwe die härtere, mein Mann einfühlsamer. Wo ich gesagt habe „Jetzt ist Schluss“ oder „Ich kann nicht mehr“, hat mein Mann nochmal nachgehakt, Lösungen gesucht. Hat mit ihm mal eine Autofahrt gemacht, damit er auf andere Gedanken kommt, mal an die Ostsee, Krakow am See usw., das hat alles mein Mann gemacht. In der Schule war Uwe so mittelmäßig gut: Zweien, Dreien, auch Einsen, er war im Sport sehr gut. In Ilmenau wollte er Abitur machen, er war fast fertig bevor er weggegangen ist. Der Abschluss sollte im Sommer 98 fertig werden.

Götzl fragt nach Problemen, die es mit Uwe gegeben habe. Die Zeugin: Ich habe keine so wesentlichen, großen Schwierigkeiten gesehen. Ich habe Uwe recht wenig gesehen und dann ein wenig aus den Augen verloren. Er kam schon mal zum Essen, aber ich habe keine Freizeit mit ihm verbracht, wenn ich ehrlich bin.

Götzl: Ob er Schwierigkeiten in der Schule gehabt habe? Mehr oder weniger nein, sagt die Zeugin: Direkt Schwierigkeiten, dass ich einen roten Kopf bekommen hätte oder zu einer Behörde musste: nein. Er hat nicht geschwänzt. Er war sicher kein Musterschüler, aber er hatte auch keine Probleme. Er war bis zur 10. Klasse an der Magnus-Poser-Schule in Jena. Dann hat er seine Lehre beendet und ist nach einem Monat zur Armee gekommen.

Ob er während seiner Lehrzeit Probleme gehabt habe, fragt Götzl weiter. Zeugin: Nein. Mein Mann hat ihm immer mal „Nachhilfe“ gegeben: dann ging das auch. Ich war ja mit Kaufhalle verheiratet. Mein Mann hatte vormittags Vorlesungen, ich am Nachmittag Schicht. Der Robert war ein ganz, ganz liebes Kind, der kann sich selbst beschäftigen. Nur die körperliche Versorgung musste bewerkstelligt werden. Mein Mann hat sich gekümmert. Aber Robert kann sich stundenlang selber beschäftigen.

Wer waren denn Schulfreunde ihres Sohnes, fragt Götzl. Zeugin: Da fallen mir , Maik und , ein. Da hatten wir auch mit den Eltern Kontakt. Mit 16/17 Jahren hatte er noch so Kumpels in Winzerla, da weiß ich nur noch die Spitznamen, ein Stöpsel, Spange, die kannte ich aber nicht mehr.

Wie sollte es denn weitergehen nach dem Ilmenau-Kolleg, will Götzl wissen. Zeugin: Ich habe mich nicht so viel mit ihm beschäftigt, wir können nicht so planen wegen unseres Sohnes Robert. Dachte aber, dass er studiert im Herbst. Mein Mann hat ihn gut unterstützen können und beraten, vielleicht EDV, Physik. Mathematik hab ich jetzt nicht so gesehen.

Götzl fragt nach den Freunden im Alter von 16/17 Jahren. Zeugin: Den Stöpsel kannte ich vom Gesicht her.

Was das für Leute waren, hakt Götzl nach. Zeugin: Kann ich nichts dazu sagen. Die waren aus Winzerla, sind öfter zusammengesessen, so zwei, drei Stunden, aber worüber sie sich unterhalten haben, weiß ich nicht.

Götz fragt nach Problemen. Zeugin: Ne. Als Uwe aus der Lehre kam, musste er zur Armee, dann hat er Beate kennengelernt, da hat er z.T. bei ihr gewohnt. Beate und Uwe sind schon mal zum Abendessen gekommen, aber das waren keine so langen Begegnungen. Die Beziehung der beiden dauerte ungefähr von 92/93 bis 95. Er war noch bei der Armee, da hat Beate mit ihm Schluss gemacht. Ich habe Uwe gefragt warum und er hat gesagt, dass sie einen anderen hat. Den Uwe Böhnhardt. Den kannte ich damals möglicherweise vom Sehen, hab ihn erst hinterher gesehen, mich aber nicht ein einziges Mal mit ihm unterhalten. Ich habe ihn vielleicht zwei, drei Mal auf zwei, drei Meter Entfernung gesehen, aber mich nie unterhalten. Wenn der Uwe uns besucht hat zum Essen und Kaffeetrinken, dann hat’s mal geklingelt, dann stand Uwe Böhnhardt vor der Tür, dann ist unser Uwe dann gegangen, das war’s. Das war normal, mich hat das nicht gestört. Ich kannte den Uwe Böhnhardt nicht. Warum sollte ich ein Gespräch anfangen mit jemanden, den ich nicht kenne?

Mit wem ihr Sohn den weiteren Umgang hatte, fragt Götzl weiter. Zeugin: Ich kannte noch André Kapke, hab mich aber nie mit dem unterhalten. Der war meistens dabei gewesen oder hat ihn abgeholt. Ich wusste, dass er das ist, aber ich habe kein Gespräch mit ihm geführt, nichts.

Ob sie sich mit ihrem Sohn über diese Leute unterhalten hat, fragt Götzl. Zeugin: Eigentlich nicht. Wüsste nicht.

Götzl: Wie häufig haben die sich getroffen? Zeugin: Hauptsächlich am Wochenende: da hab ich meinem Uwe gerade mal „Tag!“ gesagt, da standen sie schon vor der Tür. Ich will hier nicht mit meinem behinderten Sohn kommen, will ihn nicht vorschieben, aber ich bin seine Pflegeperson. Ich hatte keine Zeit, mich um Uwe zu kümmern, oder mal mit ihm zu gehen.

Götzl: Wie haben sie Frau Zschäpe erlebt? Zeugin: Sie war ein liebes, nettes Mädchen, war immer freundlich zu mir. Beate hat auch mal auf ein Kind aufgepasst, sie war sehr hilfsbereit. Mit Uwe hatte sie ein gutes Verhältnis. Sie mochte es nicht, wenn er Springerstiefel anhatte. Dann sagt sie zu ihm: „Uwe, zieh Dich mal um, so können wir nicht gehen“.

Götzl: Wie war die Kleidung von Uwe sonst? Zeugin: Er hatte eine Fliegerjacke. Die erste hab‘ ich ihm gekauft, fand ich damals praktisch und schick. Sie war beige. Später gab’s auch schwarze, die hab ich, das klingt jetzt vielleicht blöd, meinem anderen Sohn auch gekauft: die werden nicht so schnell schmutzig beim Rollstuhlfahren. Ich fand die schick, klingt vielleicht ein bisschen dumm, aber sie waren praktisch, man konnte sie waschen ohne zu bügeln. Heute weiß ich natürlich, was das bedeutet.

Götzl: Wie war das mit der Trennung von Beate Zschäpe? Zeugin: Ich hab ihn deswegen nie weinen sehen. Ich habe nach dem Schlußmachen Beate nie wieder gesehen und auch nie wieder gesprochen, ich seh sie heute zum ersten Mal wieder.

Götzl: Wie war Frau Zschäpe gekleidet? Zeugin: Ganz, ganz normal, so wie ich, hatte schon mal einen Minirock an oder Jeans. Wir waren mal zusammen einkaufen, sie hat sich da eine Bluse gekauft, stinknormal alles.

Götzl: Welche Kontakte hatte ihr Sohn zur Bundeswehr-Zeit? Zeugin: Die „fette Elke“, die hab ich so 3, 4 mal gesehen, Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt, André Kapke.

Götzl: Gab es da irgendwelche Probleme? Zeugin: Eigentlich nicht. Einmal sind sie aufs Dorf zum Tanzen, da haben sie ihn überfallen und die Kleidung weggenommen. Da ist er mit meinem Mann zur Polizei und hat Strafanzeige erstattet. Mal ist er körperlich angegangen worden, er hat erzählt, er sei bei den Ringwiesen angehalten worden. Sie hätten ihn ein bisschen tätlich angegriffen, sich dann aber entschuldigt, weil sie gedacht hätten, er sei Uwe Böhnhardt. Das waren natürlich schlimme Erlebnisse. Was alles passieren kann.

Götzl: Hatte ihr Sohn Kontakte in andere Bundesländer? Zeugin: Weiß nicht. Ich kann mich an einen Mann erinnern, der saß im Gefängnis, mit dem hat er sich geschrieben, das könnte der Starke gewesen sein, von dem jetzt in der Presse was stand.

Götzl: Was haben sie über Kapke gewusst? Zeugin: Ich weiß es nicht mehr, der Vater hatte eine Werkstatt, er hatte eine Eigentumswohnung in Lobeda.

Götzl: Haben sie mitbekommen, wenn ihr Sohn auf Veranstaltungen und Demos war? Zeugin: Ich würde schwindeln, wenn ich sagen würde, dass ich gewusst hätte, was er gemacht hat. Wusste, dass er weggeht, ab und zu mal was erzählt, z.B. dass er in Buchenwald war oder was. Ich bin viel rumgerannt, mit dem behinderten Sohn. Musste dahin rennen und dorthin. Ich war mehr die Mutter vom Robby, mein Mann mehr der Vater vom Uwe.

Götzl: Hatte er Vorstrafen oder Ermittlungsverfahren? Zeugin: Er hatte mal eine Schablone von Charlie Chaplin im Geldbeutel. Sein Vater sagt, das sieht ja aus wie Hitler. Das hat dem Uwe gefallen, es sollte aussehen wie Hitler, war aber Charlie Chaplin.

Götzl: Kannten sie ? Zeugin: Zu dem Zeitpunkt sicher nicht. Kann mich nur an einmal noch erinnern, da waren sie mal irgendwie tanzen gegangen und Uwe wundert sich, dass immer um zwölf die Polizei kam. Uwe sagt, da muss jemand uns verraten haben.

Götzl: Was sagt ihnen ? Zeugin: Den Namen habe ich nie gehört.

Götzl: Und Ralf Wohlleben? Zeugin: Ja. Den schon, aber nie unterhalten, höchstens mal auf 5 Meter Abstand gesehen. Ach nein, jetzt hab ich geschwindelt: am Tag, als Uwe weggegangen ist. Am Sonntagabend hatten wir Uwe fertig gemacht für Ilmenau, dann kam Uwe am Montag zurück. Ich zu ihm: Ja, Uwe, was machst Du denn da? Uwe sagt: Es ist was passiert, brauche Geld. Ich hab ihm die eigene EC-Karte gegeben, wollte sie aber zurück. Dann ist Juliane [W.] gekommen und bringt die EC-Karte zurück. Sie fragt, ob ich ein Konto für Uwe einrichten kann. Das konnte ich nicht, ich hab damals selber sehr wenig Geld verdient. Juliane sagt auf meine Frage, dass es bei Uwe keine Hausdurchsuchung gegeben hat. Hausbewohner Uwe sagen mir aber: Was war denn beim Uwe los, da war Hausdurchsuchung, das Haus war voller Polizei, dann ist eine junge Frau gekommen und hat der Polizei aufgeschlossen. Daraufhin sind wir zum Ralf Wohlleben gefahren und ich habe sie zur Rede gestellt, warum sie mich angelogen hat. Juliane sagte, sie wollte mich nicht aufregen. Da haben wir Uwes Auto vorm Haus gesehen, wir haben das Auto mitgenommen. Das Auto hatte das Kennzeichen: J – AH 41. Es hat übrigens immer diese Nummer gehabt, das kam von einem älteren Kunden der Kaufhalle, der es anbot. Auf diese Weise ist es zu Uwe gekommen. Nach dem Untertauchen habe ich, egal, wen ich getroffen habe, gefragt: Wisst ihr wo der Uwe ist Ja, nach dem Auftauchen am Montag ist der Uwe am Mittwoch nochmal da. Ich war noch nicht ganz fertig, da kommt der Uwe. Klingelt, sagt, dass er jetzt verschwinden muss. Sagt: Wir haben einen Rechtsanwalt gefragt, eine Garage wurde entdeckt, darauf gibt es 7 Jahre Gefängnis. Mit den Waffen hab ich nichts zu tun: ich hatte da mehr Schreibzeug drin. In zehn Jahren ist alles verjährt, dann komm ich wieder. Dann habe ich den Uwe nie mehr gesehen.

Götzl: War André Kapke dabei und hat die Unterhaltung mitbekommen? Zeugin: Ja.

Götzl: Hat sich ihnen das Gesagte erschlossen? Zeugin: Ja, ich dachte, das ist Unfug, dass er geht, und dass man das regeln kann, auch mit dem Gefängnis. Ich bin ja nur mal schnell im Kittel rausgekommen. Ich habe nicht geglaubt, dass das das letzte Mal sein sollte. Ich habe ihn noch gebeten, ruf doch bitte deinen Vati an. Das wollte er erst nicht, hat es dann aber doch noch gemacht, ein Sekundengespräch.

Götzl: Und was wollte er machen? Zeugin: Keine Rede davon. Glaube, er sagte, dass Beate und Uwe mitgehen. Am Sonnabend in der Kaufhalle waren die Bilder in der Zeitung und dass die gesucht werden. Ab da wusste ich es.

Götzl: Und was haben Sie vor dem Zeitungsartikel gedacht? Zeugin: Schreibkram in der Garage, Rechtsanwalt sagt 7 Jahre und er wollte nicht ins Gefängnis. Beate hätte ihn am Montag angerufen, solle zurückkommen [aus Ilmenau]Er hat nur gesagt „Es ist was passiert, was schlimmes“. Hat nicht dazu gesagt, was passiert ist. Ich hatte Kunden am Tresen, konnte kein Gespräch mit ihm führen. Er fragte nach Geld, da hab ich meine Geldkarte geholt und ihm gegeben. Ob der Name Uwe Böhnhardt gefallen ist, kann ich nicht sagen, denke schon. Er sagte: Wir müssen verschwinden. Das ist noch so in Erinnerung. Am Sonntag hatten wir ihn hingebracht nach Ilmenau, am Montag steht er schon wieder bei mir.

Götzl: Hat sich Kapke eingemischt? Zeugin: Nein, nichts gesagt, nur dabei gestanden, kein Wort.

Götzl: Gab es irgendwelche Vereinbarungen zu Erreichbarkeit oder sonstige Absprachen? Zeugin: Nein. Gar nichts. Nur: „Mutti, 10 Jahre muss ich weg, dann ist das verjährt.“

Götzl: Wie war gekommen? Zeugin: Weiß es nicht. Nehme an, mit seinem Auto. Das hab ich aber nicht gesehen. Bei der Hinfahrt nach Ilmenau, da haben wir gemeinsam Abendbrot gegessen in Mellingen, wir sind dann zurück, Uwe ist mit seinem eigenem Auto nach Ilmenau weiter.

Götzl: Wie war das mit dem Gespräch bei Wohlleben? Zeugin: Abends, nach Feierabend, nach 20 Uhr sind wir da hin. Das hat mir keine Ruhe gelassen, warum die mich beschwindelt hat. Juliane Wa. sagt, sie wollte mich nicht aufregen. Dann sehen wir das Auto vor der Tür. Haben wir mitgenommen. Wohlleben sagt, das er mit dem Auto zur Arbeit fahren sollte. Mein Mann fährt ihn dann mehrere Tage lang hin. Juliane Wa. hatte ich vorher noch nie gesehen, aber sie hatte ja meine EC-Karte in der Hand und sagte, der Uwe schickt mich.

Götzl: Hat sie denn für ihren Sohn Sachen mitgenommen? Zeugin: Nach drei, vier Wochen kommt Wunderlich zu mir, ich hatte Spätschicht, wir waren im Hinterzimmer. Er fragt, ob ich ihm Kleidung für Uwe mitgeben könnte, er wollte rauskriegen, wo der Uwe ist. Ich hab gesagt, dass er ja seine frische Kleidung dabei hat. Ich hab meinen Mann angerufen, der kam dann noch dazu. Wunderlich sagt uns, wir sollen eine Kreditkarte für Uwe beantragen. Mein Mann sagt, wenn ihm Wunderlich das schriftlich gibt. Wunderlich gibt es uns nicht schriftlich, also gab’s auch keine Kreditkarte. Die wollten wohl über Abhebungen Uwe auf die Spur kommen, denke ich mir. Wunderlich sagt dann nochmal: Zur Baumblüte haben wir sie sowieso. Die gelten als bewaffnet, die Polizei kann also schießen. Das war ein Schock für mich. Hatten noch weitere Kontakte mit den Behörden: Mein Mann und ich sind noch zweimal nach Jena gegangen und haben Vermisstenanzeige gestellt. Uwe wusste, wo ich war, er hätte anrufen können, aber es gab keine Nachricht, wir haben nichts gehört – das hat mich doch sehr gewundert, weil wir eigentlich ein gutes, liebevolles Verhältnis hatten.

Götzl: Haben sie nochmal Kontakt zu Juliane Wa., Wohlleben oder Kapke gesucht? Zeugin: Wohlleben und Kapke habe ich mal getroffen. Und die Böhnhardts, von denen ich dachte, dass sie Kontakt haben könnten. Haben aber auch nichts gesagt. Auch Frau Zschäpe, mit der ich per du war, hatte keine Nachricht.

Götzl: Wie liefen die Kontakte zu Böhnhardts? Zeugin: Gleich unmittelbar danach, in den 3 Tagen. Wir sind abends bisschen rumgefahren, ob man Uwe vielleicht irgendwo sieht. Da haben wir das Auto von Uwe Böhnhardt gesehen, die Polizei war gerade da, sagten uns aber nichts. Da sind wir zu den Eltern gefahren, um sie zu informieren. Ich bilde mir ein, dass das ein roter Hayundai war. Ich denke, dass wir die Eltern so vier Mal gesehen haben. Anfangs so zwei, drei Mal, später noch einmal, aber da hab ich sie schon gar nicht mehr erkannt. Gesagt haben sie uns, dass die Drei nach Mecklenburg gegangen sind, da gebe es Verwandtschaft und dass sie dort untergekommen sind. Sie erzählten, dass sie telefonisch Kontakt hatten über eine Telefonzelle, wo angerufen wurde. Ich wusste nicht, dass das geht. Die haben wenig erzählt, die Böhnhardts.

Götzl: Haben Sie bei der polizeilichen Vernehmung Dokumente übergeben? Zeugin: Ich habe Aufzeichnungen gefertigt, mein Mann hat sie geschrieben.

Götzl hält daraus vor: Am Montag, 26.1.1998, erscheint Uwe Mundlos in der Rewe-Kaufhalle, (….) man habe Propaganda-Material gefunden, das ihn belasten würde, auch Waffen. Er sagt, mit den Waffen hab ich nichts zu tun. Die Zeugin bestätigt den Vorhalt. Götzl hält vor: Dienstag: Juliane Wa. sagt, sie holt Sachen für Uwe aus der Wohnung, zu der sie einen Schlüssel hat. Am nächsten oder übernächstem Tag kommt Uwe mit André Kapke in die Kaufhalle, er stand unter Schock, hat gesagt, dass darauf 7 Jahre stehen und dass er weg müsse. In der Vernehmung vom 20.2.2012 sagt die Zeugin: Ich wagte nicht, frei zu reden, weil sich Kapke immer in unmittelbarer Nähe von mir und Uwe aufhielt. Die Zeugin bestätigt dies. Götzl hät weiter vor: Juliane Wa. wird als Kurier zur Überbringung von EC-Karten an ihren Sohn vorgeschlagen durch Wunderlich. Das habe sie abgelehnt, fragt Götzl die Zeugin. Zeugin: Nein, das weiß ich wirklich nicht mehr.

Götzl: Nochmal zurück zu den Böhnhardt-Eltern. Zeugin: Einmal haben wir nur auf der Straße geredet, einmal sind wir hochgegangen in die Wohnung von den Böhnhardts. Bilde mir ein, dass Uwe gesagt hat, dass er mit Beate und Uwe Böhnhardt gehen muss, kann mich aber nicht 100-prozentig erinnern. Zu den näheren Umständen hat er nichts gesagt, nur: Mutti, zehn Jahre, sie hätten sich erkundigt beim Rechtsanwalt. Ich stand damals unter Druck, mein Chef wartete noch auf mich, der wollte schließen. Uwe sagte, mit den Waffen hat er nichts zu tun. Das ist so stehen geblieben, ich habe nicht nachgefragt. Ich weiß noch genau, wie Kollegen in der Kaufhalle zu mir kommen und die Zeitung zeigen. Ich dachte, dass die was in der Garage hatten, was verboten war. Die Böhnhardts waren bei der Polizei und haben dort Waffen gezeigt bekommen. Sie sagen, da seien auch Gartengeräte dabei gewesen. Erst am Samstag habe ich durch die Zeitung von den polizeilichen Ermittlungen erfahren. Niemand ist zu uns gekommen. Wunderlich kam erst später.

Götzl hält vor, dass Uwe Böhnhardt sich einer rechtskräftigen Verurteilung und dem Haftantritt entzogen hatte. Zeugin: Darüber hat er mit meinem Mann gesprochen. Uwe [Mundlos] hatte erzählt, dass Uwe Böhnhardt ins Gefängnis muss, er aber gesagt hätte, er werde nie mehr mehr ins Gefängnis gehen, er hätte da so schlimme Sachen erlebt. Der wäre da eigentlich ins Gefängnis gekommen, dann wäre das vielleicht alles nicht passiert. Böhnhardts konsultierten einen Anwalt, der ihren Sohn schon im Prozess vertreten hatte. Sie sagen, dass die sich bei Verwandten in Mecklenburg-Vorpommern aufgehalten. Die Flucht von Böhnhardt schien mir länger geplant gewesen zu sein, während Uwe [Mundlos] überrascht schien.

Götzl fragt zur zeitlichen Einordnung der Beziehung Zschäpe-Mundlos und hält eine frühere Aussage von Frau Mundlos vor: 92/93 wurden sie ein Paar. Ich konnte zu der Zeit keine Hinweise auf Beziehungen zur rechten Szene erkennen. Im Gegensatz zu Thomas Grund, „Kaktus“, der früher bei der Stasi war. Zeugin: Der Uwe hat da einen Jugendclub mit aufgebaut, war ordentlich gekleidet. Er hatte schwarz-rot-goldene Hosenträger, das war modern zu der Zeit, ich habe mir gar nichts dabei gedacht. „Kaktus“ war da Sozialarbeiter und sprach ein Hausverbot gegen Uwe aus. Uwe sagte: da sitzen ältere Männer drin und die jungen Mädchen auf dem Schoß und rauchen und saufen. Bis 98 hat er nicht geraucht und getrunken, maximal mal an Silvester ein Glas. Er war ein sportlicher Typ. Ich dachte mir: wenn [Thomas] Grund merkt, dass die nach rechts abrutschen, muss er sich doch um die kümmern und nicht sie rauswerfen.

Götzl: Wann haben sie einen Bezug Uwes zur rechten Szene festgestellt? Zeugin: Weiß ich nicht, nur die Springerstiefel mit den weißen Schnürsenkeln habe ich gesehen. Ja, er hat mal eine Hose und ein Hemd selber braun gefärbt. Ich habe zu ihm gesagt, das will ich nie wieder sehen. Er sagte, ja, in Ordnung. Dass mein Kind so herumläuft, kommt nicht in Frage.

Götzl: Was wussten sie über Aktivitäten des Sohnes? Zeugin: Ich habe selber nichts festgestellt. Ich habe nur so Situationen miterlebt, wo er nicht klar kam. Z.B. als Uwe Böhnhardt mal einen Stein beim Wandern runter geschmissen hat. Da kann doch unten jemand getroffen werden. Da kam Uwe [Mundlos] und hat mir das gesagt. Ich wusste nicht, wohin er geht, wusste gar nichts, er lebte ja allein.

Götzl fragt zu Haftkontakte ihres Sohnes. Zeugin: Ich kenne keinen. Hab nur mal gesehen, was er geschrieben hat und gesagt: Du schreibst ja ins Gefängnis, da musst du aber aufpassen, nicht dass du dem Jungen noch Schwierigkeiten machst.

Es folgt eine kurze Pause. Dann fragt Götzl nach dem Verhältnis von Uwe Mundlos zu Ralf Wohlleben. Zeugin: Kann ich ihnen nicht sagen. Nur am Wochenende war er da, war ja bei der Bundeswehr oder später in Ilmenau. Ob er da Kontakt zu Wohlleben hatte, kann ich nicht sagen. Ich habe Wohlleben zwei, drei Mal gesehen. Mit meinem Mann sind wir manchmal spazieren gefahren mit Robby. Ich wusste von Uwe, wo der wohnt.

Götzl: Was wusste Wohlleben? Zeugin: Er hat keine Informationen an uns gegeben. Haben nichts erfahren von ihm, gar nichts. Eventuell hat er meinem Mann noch Informationen gegeben, während ich mit Juliane Wa. redete. Vielleicht haben mein Mann und Wohlleben geredet. Dann haben wir das Auto gesehen. Wohlleben sagt, dass er es von Uwe bekommen hat, um zur Arbeit zu fahren. Wir nehmen das Auto mit, damit nicht noch ein Unheil passiert. Das war ja über meinen Mann versichert.

Götzl: Mal Waffen bei Uwe gesehen? Zeugin: Nein, nie.

Götzl: Und bei Zschäpe? Zeugin: Nein, nie, oder dass sie mal mit einer gespielt hätte. Und Uwe Böhnhardt hab ich nur immer mit einem Handy gesehen.

Götzl: Was ist aus dem Schlüssel Juliane Wa.s zu Uwes Wohnung geworden? Zeugin: Das weiß ich nicht mehr. Wusste nur, dass die Hausbewohner sagten, sie hätte der Polizei die Wohnung aufgeschlossen.

Götzl: War ein PC von Uwe in der Wohnung? Zeugin: Nein. Denke, er hatte einen. Weiß ich nicht, für mich sind Computer tote Gegenstände.

Götzl: Mal in Uwes Wohnungen gewesen? Zeugin: Ja. Aber nicht lang oder oft.

Götzl: Sind ihnen dort Flaggen und Fahnen aufgefallen? Zeugin: Nein. Das war eine ganz normale Wohnung.

Götzl: Vorhalt zu Flaggen und Fahnen: Reichskriegsflagge, Hakenkreuzfahne? Zeugin: Nein. Hat er nicht gehabt.

Götzl: Auch keine Hitler-Bilder? Zeugin: Nein. Zu Musik kann ich sagen: Anfangs hat er ganz viel Udo Lindenberg gehört, der lief überall. Dann später AC/DC.

Götzl hält aus einer früheren Aussage der Zeugin vor: Zschäpe sei kumpelhaft und hilfsbereit gewesen, konnte auf der anderen Seite sehr egoistisch sein. Zeugin: Sie konnte sich durchsetzen.

Götzl hält weiter vor, Uwe habe sie vergöttert. Zeugin: Ja, sie war seine erste Freundin. Er hat sich das Ende der Beziehung nicht zu Herzen genommen. Er hat nie wieder eine Freundin gehabt, die er mal mit nach Hause gebracht hätte.

Götzl hält vor, Uwe Böhnhardt sei der Zeugin unsympathisch gewesen. Zeugin: Ja. Der hatte so unbewegliche Augen, so einen starren Blick. Er stand immer abseits mit seinem Handy, es gab keine Höflichkeitsfloskeln. Seine Eltern haben wir erst hinterher kennengelernt, die kannte ich nicht.

Götzl: Sie haben vermutet, dass die Böhnhardt-Eltern sie mit der Geschichte von Verwandten in Mecklenburg-Vorpommern, wo die drei untergekommen sein könnten, beruhigen wollten? Zeugin: Es hat mich beruhigt, da auf dem Dorf, da kann man leben.

Götzl hält dazu vor: Wer das ist, weiß ich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir mal Grüße vom Uwe ausgerichtet wurden. Die Zeugin bestätigt diese Aussage.

Götzl: Es hat noch ein zufälliges Zusammentreffen mit den Eltern Böhnhardt gegeben, an einer Tankstelle? Zeugin: Ja, da habe ich mich mit Frau Böhnhardt unterhalten.

Die Zeugin bestätigt Götzls Vorhalt: Mutter Böhnhardt sagte, dass es den Dreien gut geht und dass sie Arbeit hätten. Uwe Mundlos mehr so Computerarbeit, Uwe Böhnhardt mehr „das Grobe“. Sie sagte, die erleben die selbe Sonne wie wir. Zeugin: Davon will Frau Böhnhardt heute nichts mehr wissen, die hat mich nur beruhigen wollen.

Götzl hält vor: Auf Frage, warum sie nicht zurück könnten, sagte Frau Böhnhardt: Weil sie so viel Schulden haben. Nachdem die [im November 2011]gestorben waren, hat sie mir das erzählt. Götzl fragt, ob sie von dem Gespräch ihrem Mann nichts erzählt hat. Zeugin: Nein. Weil mein Mann sich so leicht aufregt. Auch zum 50. Geburtstag habe ich nichts gehört von Uwe. Gar nichts.

Götzl: Ihnen ist ein Video von der Keuppstr. vorgespielt worden? Zeugin (amüsiert): Ja, erst habe ich niemand erkannt, dann alle.

Götzl: Was fällt Ihnen zu Stefan Ap. Ein? Zeugin: Das ist der Cousin von Beate. Kenn‘ ich schon aus dem Kindergarten. Als ich Beate kennengelernt habe, habe ich gewusst, dass das der Cousin von Beate ist. Da hat es mal einen Zwischenfall gegeben, da haben sie mal einen jungen Mann überfallen und das Geld weggenommen. Dann war irgendwas und dann ist Stefan Ap. zur Polizei gegangen und hat alles erzählt..

Götzl hält ihre Aussage über Ap. vor: Der hatte ständig Probleme mit der Polizei, der kommt mir nicht ins Haus. Zeugin: Ja, der sollte nicht zu uns kommen.

Götzl: Was für Probleme hatte Uwe Böhnhardt? Zeugin: Ja, wusste ich vom Uwe [Mundlos], dass Uwe Böhnhardt nie wieder ins Gefängnis gehen will, der ist dort schwer misshandelt worden oder irgendwie. (Auf Nachfrage, geniert) Ein Erlebnis, das mit einem Besenstiel im Po. Unser Uwe hat erzählt, dass sie Hausverbot in Buchenwald hätten wegen der Uniformen, mit denen sie da waren. Ich habe da nicht nachgefragt. Mein Mann hat mal mit ihm darüber geredet. Uwe ist nicht vorbestraft. Wann das war, weiß ich nicht. Ich merke mir nur so Sachen wie das Hausverbot, weil das ja so was Schlimmes ist.

Götzl hält ihr eine Aussage zum PC von Uwe Mundlos und darauf befindlichen Kontaktdaten aus Chemnitz vor: Der PC wurde nicht aufgefunden, nur Monitor und Maus. Juliane wird ihn wohl rausgeholt haben, das Fahrrad ist ja auch weg. Zeugin: Er wird schon einen Computer gehabt haben. Weiß nicht wohin der gekommen ist. Wir haben Kapke wegen des Fahrrads angesprochen, das war ein teures Rad: 1000 DM, am nächsten Tag war das Fahrrad wieder da.

Götzl hält weiter Aussage: Kapke habe sie zwei, drei Jahre nach Abtauchen wiedergesehen. Er habe gesagt: Der [Uwe Mundlos] kann doch kommen, der hat doch nichts gemacht! Sie [die Zeugin]habe damals gesagt: Für mich ist unverständlich, warum gegen Kapke nichts gemacht wird, der hat das doch alles initiiert, war doch immer dabei, war der Führungskopf. Zeugin: Wohlleben habe ich nie gesehen, Kapke war häufiger dabei. Vor der Tür, nicht bei uns in der Wohnung. Kann mich nicht erinnern, mich mit Uwe mal über Kapke unterhalten zu haben.

Götzl fragt nach dem Anruf Zschäpes nach dem 4.11.2011. Zeugin: Sie sagte: „Hier ist die Beate.“ Ich so: „Welche Beate?“ – „Na, die Beate vom Uwe. Es ist was Schlimmes passiert, der Uwe ist tot.“ Ich weiter: „Was ist denn passiert?“ – „Machen Sie den Fernsehen an, es geht um Eisenach.“. Bei der Polizei wir dann genau das, was Beate gesagt hat, wiedergegeben. Ich dachte erst, das ist ein böser Scherz, weil ich die Stimme nicht erkannt habe. Das war am Samstag, den 5.11., früh um 8 Uhr. Sie hat gesagt: „Die haben sich in die Luft gesprengt“ – „Und der Uwe Böhnhardt?“ – „Der auch“. Und, dass der Uwe uns lieb hat, blabla, war aber nicht erfreulich. Ich habe gefragt: „Beate, kommste mal wieder?“ – „Nein, ich komme nicht wieder“. Die Stimme der Frau war eine ganz normale Stimme, stink normal, nicht hoch, nicht tief, nicht langsam noch schnell. Keine Auffälligkeiten. Nichts.

Götzl: Hat Ihnen Eisenach was gesagt? Zeugin: Nein, gar nichts. Hab dann Fernseher angemacht, da war das dann gleich in den Nachrichten.

Götzl hält denselben Komplex nochmals aus der früheren Vernehmung vor und fragt nochmals nach der Stimme der Frau. Er liest vor: Die Stimme der Anruferin war wesentlich fraulicher. Die Zeugin stimmt zu, sie sei nicht aufgeregt gewesen, sondern mit selbstbewusster Stimmlage. [Die Zeugin spielt die Varianten möglicher Betonungen vor, Schmunzeln im Gericht] Mein Mann hat sofort gesagt: „Ilona, zieh dich an, wir müssen das sofort melden.“

Dann geht das Fragerecht zur Nebenklage. Den Beginn mach RA Stolle: Sie sind mit ihrem Mann zur Polizei gegangen, wie genau ist das gelaufen? Zeugin: Wir sind zur Polizei gekommen, die wussten nicht, wer wir sind. Wir sagten: Wir sind die Eltern von Uwe Mundlos. Ach, sagte ein Beamter, das sind die Eltern von dem Trio. Wir haben gesagt, dass wir dazu gehören.

Stolle: Sind sie an andere Polizisten weiter vermittelt worden? Zeugin: Ja, in einen Raum mit einer Beamtin, die uns vernommen hat.

Stolle: Wusste die Bescheid mit dem 4.11.? Zeugin: Die könnte das so fifty-fifty gewusst haben.

Stolle: Haben die nicht nachgefragt? Zeugin: Nein. Nur der Polizist am Empfang: Das sind doch die Eltern vom…

Stolle: Ist das Gespräch auch auf Zschäpe gekommen? Zeugin: Nein, zu ihr wurde nichts gesagt.

Stolle: Sie 1998 eine Woche nach dem Untertauchen 1998 in der Wohnung von Uwe gewesen. Haben sie irgendwann mal einen Durchsuchungsbeschluss gesehen, oder nachgefragt? Zeugin: Nein, haben wir nie gesehen. Wenn, dann hätte mein Mann nachgefragt, ist mir aber nicht erinnerlich.

Stolle: Hatten sie noch Kontakt zur Polizei wegen der beschlagnahmten Gegenstände? Zeugin: Nein, wir haben nichts zurückbekommen

Nebenklage RAin von der Behrens: Sie haben zwei Mal Vermisstenanzeige aufgegeben. Wie kam es dazu? Zeugin: Erst wollten sie das gar nicht annehmen, erst auf großes Bitten und Drängen. Nach zwei Jahren wieder: Gibt’s doch nicht, dachten wir, dass 3 Leute verschwinden und keiner sieht sie. Mein Mann sagt: der ist tot, der Uwe. Wir sind dann nochmal hin und wollten eine neue Vermisstenanzeige aufgeben. Die haben sie halbherzig aufgenommen. Sie haben gesagt, dass Uwe volljährig und allein lebend ist und freiwillig gegangen ist und dass wir kein Anrecht haben zu wissen, wo er ist. Das war vor 2007. Danach war wir nicht nochmal bei der Polizei.

Von der Behrens: Hat die Polizei einen Haftbefehl erwähnt? Zeugin: Nein. Sie haben gesagt, er wird wegen einer Aussage gesucht.

Von der Behrens: Haben sie gefragt nach welcher Aussage? Zeugin: Ich dachte mir wegen der Bombengarage.

Von der Behrens: Mit welchen Beamten haben sie gesprochen? Zeugin: Das erste Mal weiß ich es nicht. Beim zweiten Mal ein Hauptkommissar Eichhorn, wie Eichhörnchen.

Nebenklage RA Kuhn: Hatten sie Kontakt zum Verfassungsschutz? Zeugin: Nein, mit meinem Mann hatten die Kontakt. Ich habe die nicht kennengelernt.

Kuhn: Und was hat ihr Mann davon erzählt? Zeugin: Die haben wegen Uwe und seinem Weggehen gefragt. Haben gesagt, dass wir nicht mit unserem Telefon telefonieren sollten. Wann weiß ich nicht mehr, müsste schwindeln.

Verteidiger RA Hösl: Nochmal zum Treffen an der Tankstelle: Sie dachten, das ist nur beruhigend gemeint und haben das nicht ernst genommen? Zeugin: Ich habe gehofft, dass es ihm gut geht, hab’s aber nicht geglaubt. Es gab keinen Grund, warum er sich nicht gemeldet hat, wir sind nicht im Unguten auseinander gegangen. Mein Mann sagt: Der Uwe ist tot.

Sachverständiger Prof. Sass: Zum Zusammensein zwischen den Beiden als Paar, gab es denn mal andere Auffassungen? Zeugin: Ich habe nie eine Diskussion, keine Meinungsverschiedenheiten beobachtet.

Sass: Wurde über politische oder gesellschaftliche Themen geredet? Zeugin: Nein, kann mich nicht erinnern.

Sass: Was wissen sie über Zschäpes Mutter? Sie sagten, sie hätten sie kennengelernt als Beate und Uwe gegangen sind? Zeugin: Die habe ich in der Kaufhalle getroffen, so normal geredet, sich gegrüßt. Wer was weiß, sagt’s dem anderen, haben wir ausgemacht. Davor hatte ich keinen Kontakt mit ihr.

Sass: Haben sie etwas von Schwierigkeiten von Beate mitbekommen? Zeugin: Ja, sie konnte die Miete nicht mehr zahlen. Sie mussten ausziehen, Beate bekam eine eigene Wohnung, die Mutter auch: Ich habe aber bei Beate keine große Erregung gesehen, sie wäre eh ausgezogen. War trotzdem nicht schön.

An dieser Stelle interveniert Zschäpe-Verteidiger RA Heer: Der Sachverständige Sass wolle doch bitte die Mandantin „Frau Zschäpe“ nennen. Sass entschuldigt sich für eine nicht beabsichtigte „Grenzüberschreitung“.

Zeugin: Die Großmutter von Beate hab ich auch mal in der Kaufhalle gesehen, eine alte Frau. Sie haben mal zu dritt zusammen eingekauft, die Beate, ihre Mutter und die Omi. Oder im Kindergarten, da hat die Oma mal die Kinder abgeholt. War für mich schon immer ’ne alte Frau.

Sass: Was können sie zum Verhältnis der Oma zu Frau Zschäpe sagen? Zeugin: Heute weiß ich das. Die Mutter ist in Winzerla gewesen, ganz nette Frau, auch ganz normal.

Sass: Sie sagten, ihr Sohn hat keine neue Freundin gehabt nach Frau Zschäpe. Haben Sie mit ihm mal darüber gesprochen? Zeugin: Nein, keinesfalls. Ich dachte, wenn er studiert, wird er schon Frauen kennenlernen. Wir hatten einfach andere Probleme.

Dann wird die Verhandlung für 15 Minuten unterbrochen, da die Zschäpe-Verteidigung Fragen vorbereiten will. Nachdem die Verhandlung fortgesetzt wird, stellt RAin Sturm lediglich eine Frage: Sie sagten, André Kapke habe öfter vorm Haus gewartet, sei oft dagewesen, wenn auch nicht im Haus und sie sagten Frau Zschäpe hätten sie nach der Trennung von Uwe nicht mehr gesehen. War Herr Kapke denn auch danach noch vorm Haus präsent? Zeugin: Ja, den hab ich bis 98 gesehen, bis der Uwe weggegangen ist.

Dann wird die Zeugin entlassen. Im Anschluss nimmt die Bundesanwaltschaft noch Stellung zum Verwertungswiderspruch der Wohlleben-Verteidigung zur Aussage von Andreas Sch. (98. Verhandlungstag). OStA Weingarten sagt, der Antrag sei zurück zu weisen, die Aussage Ba.s vom 19.3.2014 über die Vernehmung am 9.2.2012 vollumfänglich verwertbar. Verbotene Vernehmungsmethoden seien nicht angewendet worden, der Zeuge Sch. nicht, wie behauptet, über seinen Status getäuscht worden. Gegen ihn lief kein Ermittlungsverfahren, er sei bis heute im Zeugenstatus und richtig belehrt worden. Ein Anfangsverdacht gegen Sch. habe zu keiner Zeit vorgelegen. Zwar habe es es sich beim Verkauf der Waffe objektiv zwar um Beihilfe gehandelt, diese lag aber bei Sch. nicht vor, auch trotz Weitergabe einer Pistole mit Schalldämpfer nicht. Ein Vorsatz liege aber nur dann vor, wenn dem Betreffenden klar war, wer die Waffe bekommen solle und was derjenige damit vor habe, sonst sei auch jeder legale Waffenhandel unter Verdacht. Wohlleben sei angeklagt worden, weil gewusst habe, für wen die Waffe bestimmt war und er um die Möglichkeit terroristischer Morde wusste und billigte.

Nebenklage-RAin Lex verliest eine Erklärung der Nebenklage-Anwält_innen Basay, von der Behrens, Daimagüler, Hoffmann, Ilius, Kuhn, Parlayan, Scharmer, Stolle, Reinecke zur Vernehmung von Juliane Wa. (siehe 98. Verhandlungstag). Das Aussageverhalten entspräche vieler Zeugen der rechten Szene und dem Umfeld der Angeklagten präsentiert: sie könne sich an nichts erinnern und lege dabei ein erstaunliches Selbstbewusstsein an den Tag. Durch das Vorschieben von Erinnerungslücken und wortreichem Selbstmitleid habe unter fast schon routiniert wirkender Verwendung juristischer Termini faktisch die Aussage verweigert. Ob sie Fragen beantwortet habe, habe sie selbst entschieden. Zwei Aussagen hätten einen Erkenntnisgewinn gebracht: Uwe Böhnhardt habe am 26.1.1998 große Sorge gehabt, dass auch Ralf Wohlleben verhaftet wird. Wohlleben sei die Flucht recht gewesen, denn er habe wegen der Bombenfunde selbst mit einer Anklage gerechnet. Das würde bedeuten, dass Wohlleben, Kenntnis von den Anschlagsplänen des Trios hatte. Außerdem habe die Zeugin bestätigt, mit Wohlleben, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt „Pogromly“ gespielt zu haben. Wohlleben und Zschäpe hätten also die menschenverachtende, nationalsozialistische Ideologie geteilt. Außerdem hätten bei der Befragung vermeintliche Erinnerungslücken aufgedeckt werden können, die eine partielle Aussageverweigerung bzw. Falschaussage darstellen. Lex nennt dazu sieben Beispiele und Widersprüche in der Aussage von Juliane Wa. Dann endet der Verhandlungstag.

Nebenklage-Anwalt Stolle erklärt zu der Aussage von Ilona Mundlos nach dem Verhandlungstag: „Auffällig an der Aussage von Frau Mundlos war, dass sie offensichtlich alles, was in Verbindung mit den politischen Aktivitäten ihres Sohnes stand, verdrängt hat. Ihre Behauptung, sie habe davon nichts mitbekommen, ist nicht nachvollziehbar. Allerdings hat sie auch nicht – wie beispielsweise die Mutter von Uwe Böhnhardt – versucht, das Handeln ihres Sohnes zu beschönigen und Dritte dafür verantwortlich zu machen. Deutlich wurde auch, dass die Zeugen Juliane W. und Andre K. offensichtlich die Unwahrheit gesagt haben, als sie Kontakte zu Frau Böhnhardt leugneten.“

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