Der NSU im Netz von Blood & Honour und Combat 18 – Gesamtversion

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Dieser Artikel wurde aufgrund seines Umfanges in vier Teilen im jeweiligen Abstand von wenigen Tagen auf nsu-watch.info veröffentlicht. Dies ist die Gesamtversion des Artikels. Er bietet mit Fokus auf das Unterstützungsnetzwerk des NSU einen umfassenden Überblick über die Erkenntnisse antifaschistischer Recherche zum neonazistischen Netzwerk Blood & Honour und seinen terroristischen Strukturen wie .

von Michael Weiss für NSU-Watch

 

Mark Mühlhaus hat im November 2011 Orte portraitiert, an denen sich der NSU und sein Umfeld in den letzten 15 Jahren getroffen haben. Hier: Jena, der Garagenkomplex, wo die Bombe gebaut wurde. © Mark Mühlhaus/attenzione photographers Mark Mühlhaus hat im November 2011 Orte portraitiert, an denen sich der NSU und sein Umfeld in den letzten 15 Jahren getroffen haben. Hier: Jena, der Garagenkomplex, wo die Bombe gebaut wurde. © Mark Mühlhaus/attenzione photographers Mark Mühlhaus hat im November 2011 Orte portraitiert, an denen sich der NSU und sein Umfeld in den letzten 15 Jahren getroffen haben. Hier: Jena, der Garagenkomplex, wo die Bombe gebaut wurde. © Mark Mühlhaus/attenzione photographers http://attenzione-photo.com/

Mark Mühlhaus hat im November 2011 Orte portraitiert, an denen sich der NSU und sein Umfeld in den letzten 15 Jahren getroffen haben. Hier: Jena, der Garagenkomplex, wo die Bombe gebaut wurde.
© Mark Mühlhaus/attenzione photographers http://attenzione-photo.com/

 

So sehr sich Sicherheitsbehörden und die Bundesanwaltschaft an die Legende klammern, der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) sei ein auf sich alleine gestelltes „Trio“ gewesen – die Erkenntnisse der letzten Jahre zeichnen ein anderes Bild. Der NSU war Bestandteil eines weitverzweigten Netzes von AktivistInnen, die eines verband: Das Selbstbild der „politischen Soldaten“, die sich in der Pflicht sahen, den „nationalen Kampf“ bis zum Äußersten zu führen. Das Netzwerk Blood & Honour und das von ihm protegierte Konzept des „Leaderless Resistance“ spielte darin eine wesentliche Rolle. In Kreisen von Blood & Honour fanden Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Bestätigung, Rückhalt und konkrete Unterstützung für ihr Leben im Untergrund. Ohne Blood & Honour hätte der NSU – zumindest in dieser Form – nicht entstehen und agieren können.

Unterstützung aus dem Kreis von Blood & Honour

Das Konzert in Schorba war einer der Konzerthöhepunkte des Jahres 1999 für die deutsche Neonaziszene. Am 13. November 1999 traten in der thüringischen Kleinstadt bei Jena vor 1.200 BesucherInnen vier neonazistische Bands aus den USA und aus Deutschland auf. Lieder wie „Wir sind total radikal“ und „Retter Deutschlands“ wurden vom Publikum mit Hitlergrüßen gefeiert. Die Polizei hatte nichts unternommen, um das Konzert zu verhindern und führte erst bei der Abreise der Teilnehmenden Kontrollen durch. Veranstalter des Konzert war Blood & Honour (B&H) gewesen. Das Magazin „Blood & Honour Deutschland“ vermeldete danach: „Ein lustiger Abend, der sich mal wieder gelohnt hat.“ [1]
Marcel Degner aus Gera, genannt „Riese“, Chef der B&H-Sektion Thüringen, fand an diesem Abend – das ergab die Beweisaufnahme im Münchner NSU-Prozess – Zeit für ein Gespräch mit dem Chemnitzer , der mit der beinahe kompletten Gruppe von B&H Chemnitz angereist war. Degner bot Starke an, die „drei“ mit Geld zu unterstützen, doch Starke lehnte dankend ab. Die drei, so bedeutete er Degner, seien versorgt, sie würden jobben. „Die drei“, das meinte Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die seit Januar 1998 untergetaucht waren, und die „Jobs“, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestritten, waren bis dato Überfälle auf zwei Postfillialen und einen Edeka-Markt gewesen. Degner und Starke waren Freunde, trafen sich zu dieser Zeit circa alle zwei Wochen. In B&H-Kreisen in Sachsen und Thüringen wusste man, an wen man sich zu wenden hatte, wenn es um „die drei“ ging.

Der antifaschistische Nachrichtenblog „Störungsmelder“ berichtet, Marcel Degner habe Uwe Böhnhardt zu seinem Rechtsanwalt in Gera mitgenommen, als die Jenaer Polizei 1997 gegen Böhnhardt ermittelte. Als das Trio untergetaucht war, soll Degner für sie 1.000 DMSpendengelder gesammelt haben. [2]
Mit (späteren) Exponenten von Blood & Honour Chemnitz reisten Zschäpe, Mundlos und/oder Böhnhardt ab 1993 zu Neonazipartys ins bayerische Straubing oder ins baden-württembergische Ludwigsburg. Besonders eng war ihre Freundschaft mit Thomas Starke, der in Chemnitz eine Szeneautorität war. Als Starke von 1994 bis 1996 eine Haftstrafe verbüßte (wegen einer Schlägerei, an der auch Mundlos beteiligt gewesen sein soll) wurde er von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unterstützt. 1997 hatte Starke ein Liebesverhältnis mit Zschäpe und ebenfalls 1997 bat ihn Mundlos, ihm Sprengstoff zu beschaffen. Starke erhielt daraufhin laut eigener Aussage vom B&H-Aktivisten Jörg W. aus Leppersdorf (bei Dresden) TNT geliefert, das er an Mundlos weitergab. Als das TNT im Januar 1998 in der Garage in Jena gefunden wurde und die drei untertauchen mussten, wandten sie sich an Starke, der ihnen Unterkunft bei B&H-Leuten in Chemnitz vermittelte.
Von Januar bis Februar 1998 wohnten die drei in der Friedrich-Viertel-Straße 85 in Chemnitz in einer Wohnung, die ihnen der B&H-Aktivist zur Verfügung stellte. Im selben Haus lebten nur einige Monate später in anderen Wohnungen bzw. schon ab Januar 1998 vier Eingänge weiter insgesamt mindestens fünf weitere B&H-Leute. Man kann nicht ernsthaft annehmen, dass diese nicht in die Unterstützung der Flüchtigen eingebunden waren.

Es muss betont werden: Es waren nicht nur Einzelpersonen, sondern es war die Struktur von B&H, zumindest in Westsachsen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ab 1998 unterstützte. Wohl waren die Beiträge der einzelnen Personen unterschiedlich, nicht jede*r war in alles eingeweiht. Nach heutigem Wissensstand leisteten in Chemnitz um die 20 Personen aus dem Kreis von B&H Unterstützungshandlungen für die Untergetauchten, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich untergetaucht waren. Die drei erhielten mehrere tausend DM aus der Kasse von B&H Sachsen [3], die von Chemnitzern verwaltet wurde. Chemnitzer*nnen besorgten ihnen Wohnungen, Reisepässe und andere Papiere, mit denen sie Alias-Identitäten aufbauten. Man traf sich und diskutierte zusammen.
Eine zentrale Person im Unterstützungsnetzwerk war der Chemnitzer Jan Werner, Chef der B&H-Sektion Sachsen. Er war Betreiber des Chemnitzer Labels und mitverantwortlich für die Herausgabe des B&H-Magazins „White Supremacy“ (Weiße Vorherrschaft). Im Sommer 1998 fragte Werner beim Neonazi Carsten Szczepanski im brandenburgischen Königs Wusterhausen an, ob dieser ihm eine Schusswaffe für die drei besorgen könne. Als Szczepanski nicht lieferte, schickte ihm Werner am 25. August eine SMS: „Hallo. Was ist mit den Bums“. Szczepanski diente unter dem Decknamen „Piatto“ dem Brandenburger Verfassungsschutz als V-Mann. Er informierte den Verfassungsschutz 1998 auch darüber, dass sich das Trio durch Überfälle finanzierte und weitere Überfälle planen würde. Seine Meldungen an seinen V-Mann-Führer belegen das Geschehen.

Carsten Szczepanski war ein Combat 18-Protagonist der ersten Stunde in Deutschland und eine Schlüsselperson im militanten Neonazinetzwerk. 1995 war er wegen des versuchten rassistischen Mordes am aus Nigeria stammenden Steve Erenhi zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt und 1994 in der Untersuchungshaft als V-Mann angeworben worden. Szczepanski war eng mit und ihrem Ehemann in Limbach-Oberfrohna (bei Chemnitz) befreundet. war eine der wenigen Frauen in Deutschland, die im Männerbund von B&H ein gewichtiges Wort mitreden durfte. Die heute 40-jährige vierfache Mutter, die heute Antje B. heißt, war seit 1995 bei Blood & Honour in Chemnitz dabei. Ihr Ehemann führte zwei neonazistische „Sonnentanz“-Ladengeschäfte in Chemnitz und Aue, Antje Probst arbeitete dort. Am Trio war sie offensichtlich nahe dran, Szcepanski meldete im September 1998, dass Antje Probst plane, Beate Zschäpe ihren Reisepass für eine Flucht ins Ausland zur Verfügung zu stellen. Etwa zur selben Zeit wandte sich Szczepanski mit einer Bitte an die Eheleute Probst: Wenn er einen Arbeitsvertrag nachweisen könne, dann würde er beim Arbeitsamt in ein Förderprogramm fallen und früher aus der Haft entlassen werden. Antje Probst besorgte nun vom Arbeitsamt Fördergelder, mit denen Szczepanski im „Sonnentanz“-Laden angestellt werden konnte. [4] So platzierte der Verfassungsschutz, mitfinanziert vom Arbeitsamt, eine Topquelle an einem Knotenpunkt der Chemnitzer Szene.

Wer und was war Blood & Honour?

Es ist wahrscheinlich, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die den Kern des NSU bildeten, in einigen Städten ihrer Morde, Anschläge und Überfälle vor Ort TippgeberInnen oder gar HelferInnen hatten. Wer nach Personen sucht, die im Netzwerk von B&H agierten und mit UnterstützerInnen des NSU persönlich bekannt waren, wird in allen Tatorten fündig. Zum Beispiel in Rostock, wo am 25. Februar 2004 Mehmet Turgut in einer Imbissbude im abgelegenen Stadtteil Toitenwinkel vom NSU ermordet wurde – in direkter Nähe des Tatortes wohnten mindestens zwei ehemalige B&H-Aktivisten. Oder in Nürnberg, wo das hiesige B&H in den 1990er und 2000er Jahren exzellente Verbindungen zu B&H in Chemnitz unterhielt. Chemnitzer B&H-Leute waren häufig in Nürnberg anzutreffen und umgekehrt. So zum Beispiel die Chemnitzerin Mandy Struck, die Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos seit 1998 mit Wohnungen und Papieren versorgte, die das Trio noch viele Jahre später nutzte. Struck wohnte ab 2001 einige Jahre in Nürnberg und war unter anderem mit Christian W. liiert, der als eine damals führende Person der Nürnberger Strukturen von B&H und Combat 18 beschrieben wird.

Um diese Spuren einzuordnen und um das Verhältnis des NSU zu Blood & Honour zu bestimmen, muss man sich klar werden, wer und was B&H eigentlich war.
Das Netzwerk von B&H Deutschland war 1994 von England nach Deutschland importiert worden. Zu seiner Hochzeit um 1998 hatte B&H in Deutschland 300 bis 500 Mitglieder. Gegliedert war B&H in eine Divisionsleitung (Bundesführung) mit Sitz in Berlin, sowie in zeitweise 17 Sektionen (Landes- und Regionalverbände). Darüber, dass B&H die Szene mit Rechtsrock-Produktionen und Konzerten versorgte, einen militanten und elitären Habitus pflegte, war es eine feste Größe der Szene. Wer etwas auf sich hielt und im „harten Kern“ dabei war, der/die war vielerorts in Deutschland entweder Mitglied von B&H oder gehörte einer Gruppe an, die mit B&H verbunden war. Der/die las B&H-Publikationen, bezog Musik von B&H, besuchte B&H-Konzerte, unterhielt Freundschaften zu B&H-Leuten. Das taten auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Wenngleich es keinen Beleg dafür gibt, das eine/r der drei Mitglied bei B&H war, so waren die Verbindungen des Trios zu Personen von B&H derart eng, dass selbst die Thüringer Behörden 1998 davon ausgingen, dass die drei Untergetauchten „zum harten Kern der Blood & Honour Bewegung“ zählten. [5]

Musiknetzwerk und politische Kampfgemeinschaft

Auch wenn sich B&H in Deutschland als eine verschworene Gemeinschaft präsentierte, so gab es von Anfang an verschiedene Flügel, die unterschiedliche Ziele verfolgten. Die einen sahen in B&H ein Netzwerk, mit dem es möglich war, das Millionengeschäft mit dem Rechtsrock selbst zu organisieren und nicht Geschäftsleuten zu überlassen, die als szenefremd angefeindet wurden. Unter dem Label von B&H entstanden Unternehmen zur Produktion und Vermarktung von Rechtsrock und zur Durchführung von Tourneen führender White-Power-Bands. Wenngleich das Geld, das laut eigenem Selbstverständnis in den „politischen Kampf“ fließen sollte, zum Großteil bei denen hängen blieb, die nun Geschäftemacher im Unternehmen B&H wurden, so entstand ein Netzwerk, in dem sich Dutzende professionell um die Verbreitung und Vermarktung von politischer Propaganda über Rechtsrock kümmerten.

Die Verfassungsschutzbehörden, die über ihre V-Leute doch so tiefe Einblicke hatten, stellten indes stets heraus, dass B&H vor allem eine „Musikorganisation“ bzw. ein „Musiknetzwerk“ sei. Sie spielten damit herunter, dass Zehntausende mit den Parolen vom neonazistischen Mord und Totschlag sozialisiert und radikalisiert wurden. Sie ignorierten, dass B&H über Zeitschriften, Booklets und Liedtexte Terrorkonzepte verbreitete und diese mit den Aufrufen koppelte, zur Tat zu schreiten. Denen, die den Kampf gegen System und Volksfeinde als „Untergrundgruppen“ aufnehmen wollten, lieferte B&H Anleitungen und bot ihnen Anlaufstellen.
Spätestens als sich B&H auf einem Divisionstreffen am 24. September 1999 in Berlin ein 25-Punkte-Programm zur Bildung einer „politischen Kampfgemeinschaft“ verpasste, das an das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 angelehnt war, brachen schon bestehende interne Konflikte offen aus. Manche derer, die gut am Rechtsrock verdienten, wollten sich das Geschäft nicht durch politisch-radikale Abenteuer verderben lassen. Die „politischen Soldaten“ hingegen betrachteten sowieso misstrauisch, wie sich die KameradInnen immer ungenierter die eigenen Taschen füllten. B&H zerfiel in Teilgruppen, die schließlich nicht einmal mehr das gemeinsame Label zusammen zu halten vermochte. Einzelne Sektionen brachen auseinander und miteinander und schlossen sich gegenseitig aus. Es begann ein Kampf, der sich bis in die nach 2000 entstehenden Nachfolgestrukturen ziehen sollte, intern hieß es: „Real-B&H“ gegen „Combat 18“ – die, die ein kommerzielles Musiknetzwerk betreiben wollten gegen die, die für das Untergrund-Konzept von Combat 18 plädierten.

Das Milieu von Blood & Honour Chemnitz

Für B&H in Sachsen waren Musik und Kampf zwei Seiten einer Medaille. Die Sektion B&H Sachsen bestand aus Blood & Honour Chemnitz plus einzelner Mitglieder im Raum Dresden und Riesa. Wie anderen Sektionen ging es auch B&H Sachsen nicht darum, möglichst viele feste Mitglieder zu sammeln. Dies hätte den elitären Charakter der Organisation aufgeweicht. So bauten B&H-Sektionen Vorfeldorganisationen auf. In Thüringen, Sachsen und Brandenburg entstand die White Youth als „offizielle“ Jugendorganisation von B&H.
In Westsachsen bildeten die Skinheads Chemnitz 88 das Scharnier von B&H zur Jugendkultur. Die Skinheads Chemnitz 88 integrierten Nachwuchs und Umfeld. Sie verbanden Skinheadkult, Fußball und Partys mit einer neonazistischen Identität. Denjenigen, die „das Politische“ der Party vorzogen und nach einem „Aufstieg“ in der Szene trachteten, schlossen sich sukzessive B&H an. Wer brauchbar schien, wurde von B&H angeworben. Die Weiße Bruderschaft Erzgebirge, aus deren Reihen neben André Eminger einige weitere Neonazis kamen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach dem Jahr 2000 unterstützten, agierte zwar eigenständig, war aber mit B&H eng verbunden.
So lässt sich ein westsächsisches B&H-Milieu skizzieren, was Ende der 1990er Jahre über den überschaubaren Mitglieder-Kreis hinaus weit über 100 Personen einband. Blood & Honour Chemnitz wuchs zu einer führenden B&H-Struktur in Deutschland. Mehrere Fanzines, die mit dem Label von B&H aus Chemnitz herausgegeben wurden, spiegelten die Dynamik der dortigen B&H Sektion wider. Movement Records florierte, die Konzerte waren stets gut besucht fanden zeitweise alle zwei Wochen statt. Hin und wieder intervenierte die Polizei an den Orten, an denen Konzerte stattfinden sollten, und verbot diese, doch fast immer fanden sich Ausweichorte in regionaler Nähe.

Andere Sektionen hatten es schwerer. Sie waren personell nicht so gut aufgestellt und hatten mit antifaschistischen Kampagnen und Repression zu kämpfen, die ihnen die Räume immer enger machten. Die Berliner Sektion beispielsweise musste bis nach Vorpommern ausweichen, um ungestört größere Konzerte durchzuführen.
Die ChemnitzerInnen waren immer weniger bereit, sich den Anweisungen der Bundesführung aus Berlin zu beugen. Angeblich nachdem die Divisionsleitung Geld von Movement Records einforderte, dieses aber nicht erhielt, kam es 1998 zum Bruch. Blood & Honour Sachsen trat aus. Für die Chemnitzer AktivistInnen änderte sich wenig. In Westsachsen lief alles weiter wie bisher, und Gelder, die die Konzertkasse und Movement Records zu verteilen hatten, schienen ihnen in den eigenen Taschen und bei den untergetauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt besser aufgehoben zu sein als in der Divisionskasse.

Das Netzwerk politischer Soldaten

In den wenigen Statements, die vom (späteren) NSU vorliegen, wird klar: Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt verstanden sich nie als das isolierte Trio, als das sie die Bundesanwaltschaft noch immer sehen will. Die drei verstanden sich im Rahmen und im Sinne eines Netzwerkes handelnd. Sie sahen sich als Vorhut und bewaffneter Arm einer Bewegung. Dort hatten sie Anschluss, dort suchten sie Bestätigung. Dies wird unter anderem deutlich in dem NSU-Bekennervideo, in dem sie sich als ein „Netzwerk von Kameraden“ benennen und in dem sogenannten „NSU-Brief“, der vermutlich 2002 (mit beiliegenden Geldgeschenken) an ausgesuchte neonazistische Zeitschriften verschickt wurde.

Aus den Reihen von B&H kamen maßgebliche Personen und Netzwerkskontakte, die ab Mitte der 1990er Jahre den Aufbau von „Untergrund“-Strukturen vorantrieben. In Kreisen von B&H fanden Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Gleichgesinnte: Im Selbstverständnis als Elite und als „politische Soldaten“; In der Überzeugung, dass der „nationale Kampf“ härter und kompromissloser geführt werden müsse; In der Abneigung gegen Szene-Führer, die nur auf ihren eigenen Status bedacht waren; In der Verachtung derer, die sich mit dem Etikett des „nationalen Kampfes“ versahen, deren Aktivitäten sich jedoch in Saufgelagen erschöpften. Diese Diktion klang in deutschen B&H-Magazinen immer wieder an, zum Beispiel im Artikel „Gedanken zur Szene“ im Chemnitzer B&H-Magazin White Supremacy im Sommer 1998 (Nr.1/98). Dort heißt es: „Konzerte sind und bleiben ein reines Freizeitvergnügen und haben mit dem Kampf nur soviel zu tun, daß sie für uns das stärkende Mittel sind, welches uns die Kraft für den weiten Weg gibt. Leider sieht die Realität anders aus, denn viele Kameraden machen sich nicht den Kampf zum Lebensinhalt, sondern das Vergnügen. […] Es ist traurig, aber leider Wahr – Vielen, sehr vielen Kameraden ist der Eigennutz wichtiger als die Bewegung. Sie rufen Parolen wie: „Skinheads die Elite der Masse!“ doch sehen kann man nur die massigen Bäuche vom saufen. Sie singen Lieder mit wie: „Skinheads – die SA der Neuzeit“ doch auf der Straße, wie die SA, sieht man sie nicht. […]
Uwe Mundlos soll diesen Artikel geschrieben haben.

Als Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sich 1998 dem Zugriff der Polizei entzogen, fanden sie im Netzwerk von B&H HelferInnen, die bereits hochgradig kriminell agierten. Nicht zuletzt über die Produktion und den Vertrieb volksverhetzender Musik hatten die B&H-Aktiven zumindest Grundprinzipien des konspirativen Handelns gelernt. Sie wussten, wie man „Ameisenstraßen“ organisiert, über die illegales Material verteilt werden konnte. Sie achteten auf Observationen und ihnen brauchte man nicht zu erklären, dass heikle Telefonate von öffentlichen Telefonen geführt werden sollten und dass es anrufbare Telefonzellen gibt.
Doch auch unter den Unterstützenden in Chemnitz gab es Schwachstellen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zunehmend nervös gemacht haben dürften. Es waren wohl Antje Probst und Jan Werner, die mit ihrem Wissen zu offen umgingen, und sowieso wussten in Chemnitz zu viele, dass die drei in der Stadt waren und wer sich um sie kümmerte. Im Jahr 2000 zogen die drei nach Zwickau und hielten vermutlich nur noch über einzelne Vertrauensleute Kontakt nach Chemnitz. Ab spätestens 2001 dürfte Thomas Starke nicht mehr zu diesen gezählt haben. Es wurde in der Szene bekannt, dass er als Beschuldigter in den Ermittlungen wegen der Produktion und Verbreitung volksverhetzender Musik der Berliner B&H-Band Aussagen gemacht hatte, die Kameraden belasteten. In der Nacht zum 11. Juni 2001 klingelte Antje Probst an seiner Wohnung und bat ihn heraus zukommen. Dann wurde Starke von zwei Berliner Neonazis, die ihm aufgelauert hatten, verprügelt und zog daraufhin seine Aussagen zurück.

Verbindungs- und Vertrauenspersonen

Was Antje Probst und die Berliner Neonazis zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht wussten:
Thomas Starke, der enge Freund des Trios, war zu diesem Zeitpunkt ein V-Mann. In den Ermittlungen gegen Starke im Landser-Komplex war es dem Landeskriminalamt Berlin im November 2000 gelungen, Starke als V-Mann anzuwerben. Bis mindestens 2005 lieferte Starke als „VP 562“ Informationen an die Behörde.

Bereits im Juni 2000 flog Carsten Szczepanski („Piatto“) als V-Mann auf. 2002 wurde bekannt, dass der Thüringer B&H-Chef Marcel Degner unter dem Decknamen „Hagel“ seit 1997 für den Thüringer Verfassungsschutz spitzelte. Degner war eine Szenegröße weit über Thüringen hinaus und sammelte Kontakte in ganz Deutschland und international. Es gibt Hinweise auf zwei Geldspenden von Degner an das Trio, wie nahe er dem Trio ansonsten stand und wieweit er in Unterstützungshandlungen für die drei eingebunden war, ließ sich bisher nicht in Erfahrung bringen. Seine ehemaligen V-Mann-Führer geben nur lückenhaft Auskunft und die Akten des V-Mannes Degner sind verschwunden.
Ein weiterer V-Mann in der Aktivisten-Ebene des westsächsischen B&H war „Manole“ aus Zwickau. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) führte ihn von 1992 bis 2002 unter dem Decknamen „Primus“. Marschner war ein Urgestein der Zwickauer Naziskinheadszene und ein B&H-Aktivist der ersten Stunde. Mit der Chemnitzer Szene stand er in engem Kontakt. Auch die Verbindungen von „Primus“ zum untergetauchten Trio sind nicht aufgearbeitet. Marschner betrieb ein neonazistisches Ladengeschäft in Zwickau, in dem Zeug*innen Beate Zschäpe gesehen haben wollen, und er unterhielt eine Baufirma, über die es – so schreibt die Zeitschrift „Der Rechte Rand“ – beim Gewerbeamt keinerlei Unterlagen gibt. [6] Am 13. Juni 2001 und am 29. August 2001, den Tagen der NSU-Morde an Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg und Habil Kılıç in München, waren über diese Baufirma Autos angemietet worden.

Derzeit verdichten sich die Hinweise darauf, dass noch weitere B&H-Leute aus der Chemnitzer Szene, möglicherweise auch aus der Führungsebene, Ende der 1990er Jahre für Sicherheitsbehörden Spitzeldienste leisteten. Dies lässt das Ausscheiden der Chemnitzer aus der B&H-Bundesorganisation in einem anderen Licht erscheinen. Wohl ist der Machtkampf zwischen B&H Chemnitz und der Berliner Bundesführung über verschiedene Quellen nachzuvollziehen, doch möglicherweise war dies nicht der einzige Grund für den Austritt von B&H Chemnitz bzw. B&H Sachsen. Bis 1997 war das Chemnitzer B&H sehr vehement gegenüber den Personen aufgetreten, denen auch nur ein vager Spitzelverdacht anhaftete. Mehrmals waren es ChemnitzerInnen, die diesen Verdacht äußerten und den Rausschmiss der betreffenden Personen, die stets anderen Sektionen angehörten, aus B&H forderten. Es überrascht daher, dass ausgerechnet Antje Probst, die als radikale Kraft der Gruppe galt, im Jahr 1998 die Meinung vertreten haben soll, dass durch Kontakte einzelner B&H-Aktivisten zum Verfassungsschutz die Geheimdienste auf falsche Fährten gelockt werden könnten um die eigenen Aktivitäten umso ungestörter durchziehen zu können. [7]
Ab spätestens 1998 wurde bundesweit verstärkt gegen B&H-Strukturen ermittelt und Material für ein Verbot von B&H gesammelt. Die AktivistInnen in Westsachsen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt beherbergten und unterstützten, standen – da sie formal nicht mehr B&H angehörten – in diesem Ermittlungskomplex weit weniger im Fokus und blieben beim Vollzug des Verbotes im September 2000 unbehelligt. Durch den Austritt aus B&H waren unwägbare Risiken für das Unterstützungsnetzwerk für das Trio vermieden worden. Ungeklärt ist: Hatte eine Behörde – und welche Behörde? – über ihre V-Person(en) auf die Entscheidung, aus B&H auszutreten, Einfluss genommen? Und war dies geschehen, um das Unterstützungsnetzwerk zu schützen?

Blood & Honour nach dem Verbot

Mit Verfügung vom 12. September 2000 verbot der Bundesminister des Inneren die deutsche Division von Blood & Honour und die White Youth. Für viele VerfechterInnen von „Kampfgemeinschaft“ und „Untergrund“ hatte das Verbot praktisch keine Auswirkung. Viele waren der Streitereien und der nicht erfüllten Ansprüche überdrüssig geworden und hatten sich bereits aus der Organisation zurückgezogen oder eben – da das Verbot von B&H seit Längerem im Raum stand – aus Gründen der Sicherheit rechtzeitig abgesetzt.
Viele Freundeskreise, Geschäftsverbindungen und Kampfgemeinschaften, die unter dem Dach von B&H entstanden waren, blieben nach dem Verbot bestehen. Manche machten namenlos weiter, andere versuchten, neue Labels zu installieren und mehr oder weniger dreist Nachfolgeorganisationen zu gründen. So entstanden Brotherhood 28, Pirates 28 oder die Division 28. Das erklärte Anliegen der knapp 50 Personen, die sich im November 2003 in einer Berghütte im österreichischen Vorarlberg trafen, war es B&H weiterzuführen. „Division 28“ war lediglich der Name, mit dem man in der Neonaziszene auftrat. Die 28 steht für die Buchstaben BH. Schon ab 2003 brachen in den einzelnen Sektionen bzw. zwischen den Sektionen der Division 28 die alten Streits aus: Business oder Untergrund? „Real-B&H“ vs. Combat 18. Die Exponenten des Combat 18-Flügels waren Mitglieder aus Nürnberg und Thüringen, unter ihnen Ronny L. aus Weimar. L. war ein B&H-Aktivist der ersten Stunde (1995) und ein alter Bekannter des untergetauchten Trios. 1996 hatte die Polizei Fotos eines Treffens von 16 Neonazis gefunden, die in der Nähe von Jena eine Kreuzverbrennung im Stile des Ku-Klux-Klan inszeniert hatten. Daran beteiligt waren Ronny L., Ralf Wohlleben, Holger Gerlach, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Spätestens 2006 hatte sich die Division 28 zerstritten und gespalten, ihre Reste wurden von der Polizei zerschlagen. Das BKA, das die Ermittlungen gegen die Division 28 wegen des Verdachts der Fortführung einer verbotenen Vereinigung führte, tat sich zunächst schwer. Es wusste von einigen Beschuldigten nicht, ob diese zuvor B&H angehört hatten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ließ diesbezügliche Anfragen des BKA unbeantwortet.

Paramilitärische Gruppen, Hells Angels und Combat 18

Die aus Hildesheim stammenden Johannes Knoch und Hannes Franke waren im „alten“ B&H aktiv gewesen. Aus der Hildesheimer B&H-Gruppe waren 1999 die Impulse für das 25-Punkte-Programm gekommen, das B&H zur „politischen Kampfgemeinschaft“ formen sollte. Wie so viele andere konnten die beiden nach dem B&H-Verbot im September 2000 nicht die Finger vom Label lassen. 2008 wurden sie vom Landgericht in Halle verurteilt, da sie auch nach dem Verbot an der Organisation eines B&H-Konzertes beteiligt gewesen waren.
Am 23. März 2003 telefonierte Johannes Knoch mit Marco H. aus Hamburg. Der Inhalt: Knoch erzählt H. von einem neonazistischen Versand, der Sachen im Angebot habe, die man schon bei anderen beanstandet habe und er gibt H. die Anweisung, Informationen über den Versand einzuholen und sich um diesen zu „kümmern“. H. antwortet: „Ja, klar.“
H. war zu dieser Zeit eine Führungsperson der Gruppe Combat 18 Pinneberg. Diese hatte sich wenige Monate nach dem Verbot von B&H gegründet. Knapp 20 Neonazis gehörten ihr an. Die Gruppe vertrieb über „alte“ B&H-Kanäle illegale Rechtsrock-CDs und versuchte darüber hinaus, von neonazistischen Läden und Versänden Geld zu erpressen. Wer Artikel im Angebot hatte, die mit B&H assoziiert sind, beispielsweise Bekleidung mit der „28“ (dem Zahlencode für BH), der sollte zahlen. Combat 18 Pinneberg trieb quasi Tantiemen für B&H-Symbole ein. Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, traten die Erpresser bisweilen in Support-Kleidung der Hells Angels auf. 2003 wurde die Gruppe ausgehoben, einzelne Mitglieder wurden wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Knoch war nicht angeklagt. Sein Name war schon zu Anfang der Ermittlungen ohne weitere Begründung aus der Liste der Tatverdächtigen verschwunden. Es findet sich nicht einmal ein Hinweis darauf, dass er als Zeuge gehört wurde.
Die Aktivitäten von Combat 18 Pinneberg erschöpften sich nicht im Geschäft mit Rechtsrock und Schutzgeld. Mitglieder der Gruppe hatten schon vor der Gründung „Todeslisten“ angelegt und einem antifaschistisch engagierten Gewerkschafter Morddrohungen zugesandt. Nun beschafften sie sich Waffen und versuchten u.a. persönliche Daten von Polizeibeamten auszuspähen. Bei einer der ersten Sitzungen war an die Mitglieder eine Pflichtlektüre verteilt worden, die als Leitfaden des Handelns dienen sollte: Das Buch „Die Turner Tagebücher“.

Von 2004 bis 2009 betrieb Johannes Knoch eine „Schule für Überlebenstraining“ mit Sitz in Hildesheim. Zusammen mit dem Unternehmen „Combat and Survival Warrior School“ aus Munster (bei Celle) veranstaltete Knoch Überlebenstrainings und Kampfausbildungen. Im Angebot war auch „Scharfschützenausbildung“. Trainings fanden in den Wäldern Niedersachsens, in der Schweiz und bei Chemnitz statt, immer wieder konnten Neonazis, unter anderem aus Sachsen, Magdeburg und Rostock, als Teilnehmende festgestellt werden. Wiederholt wiesen Medien darauf hin. Das Antifaschistische Infoblatt stellte die Frage: „Geschah die Gründung dieser „Schulen“, um militanten Neonazis ein legales Dach für paramilitärische Ausbildung zu schaffen und diese an scharfen Waffen auszubilden?“
Mitte der 2000er Jahre schlossen sich Knoch und Franke dem Rockerclub Hells Angels an, wurden schließlich Mitglieder des Hells-Angels-Charter in Rostock. Dort kam spätestens 2009 auch Thomas D. unter. Fotos der vergangenen Jahre zeigen D., Franke und Knoch im kleinen Kreis auf privaten Zusammenkünften, auf Partys, zusammen mit Neonazis aus Sachsen oder Hamburg. Auf einem Foto posieren D. und Knoch in Kampfuniformen bei einem paramilitärischen Training. Thomas D. zählt seit Anfang der 2000er Jahre zum harten Kern der Rostocker Neonaziszene. Bis mindestens 2002 wohnte er in der elterlichen Wohnung im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel – in Sichtweite der Imbissbude, in der am 25. Februar 2004 Mehmet Turgut vom NSU erschossen wurde. [8]
Am 29.11.2011 berichtete das ZDF-Magazin Frontal 21, dass Johannes Knoch „nachweislich noch im Sommer 2011“ Kontakt zu Andre Eminger, einem Angeklagten im NSU-Prozess, gehabt habe. [9] Andre Eminger soll sich nach Erkenntnissen von Frontal 21 mit Hannes Franke und Johannes Knoch in einem Tattoostudio in Hildesheim getroffen haben und herzlich begrüßt worden sein. Nach Informationen des Weserkuriers soll Eminger in Begleitung eines Rostocker Neonazirockers der Hells Angels gewesen sein. [10] Franke ist gegen Frontal 21 wegen dieser Aussagen gerichtlich vorgegangen und hat den Rechtsstreit in erster Instanz verloren. Ein Berufungsverfahren ist anhängig.

Blaupausen für den „Leaderless Resistance“

Darren Wells, der in den 1990er Jahren zum Kern der Gruppe Combat 18 in England gehörte und dann ausstieg, erzählt: „[…] Außerdem muss man bedenken, dass alle in einer Gruppe wie der unsrigen eigentlich nur als Teil der Gruppe lebten, wir hatten ein einziges Leben. Die Gefühle haben sich hochgeschaukelt. Wie schon gesagt, man verliert den Bezug zur Realität, weil wir überzeugt waren, etwas wirklich Riesiges zu machen und dann in einem entsprechenden Glorienschein zu sterben. […] aber damals 1996 waren einige Leute völlig von der Geschichte von Robert Matthews eingenommen und wollten ihm hier nacheifern. Das wurde zu unserem einzigen Lebenszweck und wurde wichtiger als andere: Die Leben der Leute, ihre Jobs und Familien bedeuteten nichts mehr. Alles, was zählte, war so zu werden wie unserer Vorstellung nach The Order war.“ [11]
Robert Matthews, The Order, die „Die Turner Tagebücher“ – diese drei Begriffe stehen für das Konzept des „Leaderless Resistance“ (Führerloser Widerstand), das sich ab 1995 in der neonazistischen Szene in Deutschland verbreitete. Der Zeitpunkt war nicht zufällig. Die Neonazigeneration dieser Zeit hatte ihre „Bewegungsjahre“ auskosten und ihre Allmachtsphantasien ausleben können, nun wurde ihnen klar, dass die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen nicht das Fanal gewesen waren, sondern die Höhepunkte. Der Staat gewann nun ein Stück weit Kontrolle zurück, die Repression nahm zu, die Bewegungsräume wurden enger. Im Jahr 1995 konnte man nicht mehr mit Hitlergruß und Molotow-Cocktail durch die Straßen ziehen und sich am Gejohle des Mobs berauschen. Doch klein beigeben oder gar aufgeben wollten viele auch nicht. Was war nun die Alternative?

Die Idee des „führerlosen Widerstandes“, auch „führungslosen Widerstandes“, verfing sich ab 1995 insbesondere bei denen, die nun unter dem Label von Combat 18 „ernst“ machen wollten oder machten. In einem Artikel im Magazin „Blood & Honour“ der Division Deutschland (Nummer 2, 1996) heißt es: „Wir dürfen nicht auf einen eventuell irgendwann mal auftauchende Führer warten, darauf das immer jemand kommt und sagt was zu tun ist. Nein! Jeder ist dazu aufgerufen, etwas zu tun. LEADERLESS RESISTANCE ist die Devise!“ Der Artikel endet mit der Beschwörung: „Die Patrioten von heute müssen sich auf den größten aller Kriege, den Rassenkrieg, vorbereiten, und dafür muß man geheime Strukturen schaffen und bereit sein, sein Leben zu opfern.“ Beim Verfasser, der mit „B.“ unterzeichnet, handelt es sich sehr wahrscheinlich den texanischen Neonazi Bart A., der zu dieser Zeit – und bis mindestens 2003 – im deutschen und skandinavischen B&H aus und ein ging und den Aufbau von Combat 18-Strukturen vorantrieb. A. galt im Spektrum von B&H als Waffenbeschaffer und Experte für Sprengstoff.
Das Konzept des „Leaderless Resistance“ sieht das Agieren in einer Zellenstruktur vor. Die deutschsprachige B&H-Zeitschrift „Totenkopf Magazin“ schrieb 2002 in dem Artikel „Der politische Soldat“: „Combat 18 arbeitet nach der Methode des führungslosen Widerstandes, das bedeutet das die einzelnen Zellen oder Personen sich nicht kennen und unabhängig voneinander arbeiten und keiner zentralen Führungsstelle Bericht erstatten. Es darf nicht die Struktur einer Befehlskette entstehen, denn es könnte ein Glied dieser Kette schwach sein und somit die ganze Organisation schwächen. Allerdings weist auch dieses Konzept Fehler auf, in der Praxis ist es sehr schwer, ganz allein zu arbeiten – unsere Hoffnungen setzen wir daher auf semi-autonome Arbeit. Es muss bei einzelnen Aktionen kooperiert werden, weil die eine Zelle vielleicht etwas weis oder besorgen kann was die andere nicht kann – das heißt im Klartext das eine Person jeder Zelle eine andere Person aus einer anderen Zelle kennen sollte und die Zellen sich einander ergänzen sollten […]“.

„Die Turner Tagebücher“, im englischsprachigen Original „The Turner Diaries“, ist ein 1978 verfasster Roman des US-amerikanischen Neonazis William Pierce. Er beschreibt das Wirken der fiktiven Person Earl Turner, der als Mitglied einer geheimen Organisation und organisiert in einer Zelle den Kampf gegen das System und die „Überfremdung“ Amerikas aufnimmt, der sich schließlich zu einem regelrechten Krieg ausweitet. Im Visier der US-amerikanischen Neonazis stehen insbesondere jüdische Einrichtungen und staatliche Behörden, wie das FBI-Hauptquartier, die allesamt als jüdisch kontrolliert beschrieben werden.
„The Turner Diaries“ erfuhren ihre Quasi-Umsetzung durch die US-amerikanischen Terrorgruppe The Order, eine rassistische und antisemitische Terrorgruppe in den USA, die auch unter dem Namen „Brüder Schweigen“ bekannt wurde. Sie wurde von Robert Jay Matthews angeführt. Die Gruppe raubte zwischen 1983 und 1984 mehrere Banken und Geldtransporter aus, beging Bombenschläge auf eine Synagoge und ein Theater und ermordete am 18. April 1984 in Denver den jüdischen Radiomoderator Alan Berg. 1984 hob das FBI die Truppe aus. Robert Jay Matthews kam ums Leben, als bei der Erstürmung seines Hauses im US-Bundesstaat Washington am 18. Dezember 1984 sein Munitionsvorrat explodierte. Er hatte sich trotz seiner aussichtslosen Situation geweigert, sich zu ergeben.
Dirk Laabs, Autor des Buches „Heimatschutz“, weist in einem Artikel im Antifaschistischen Infoblatt auf zahlreiche Parallelen zwischen dem NSU und „The Order“ hin. Laabs schreibt: „Die US-Terrorgruppe raubte Banken aus, richtete Menschen gezielt hin und benutzte dabei Waffen, die mit Schalldämpfern bestückt waren. So lange ihre Mitglieder unerkannt im Untergrund lebten, bekannte sich die Gruppe nie zu den Taten. Wie „The Order“ fühlte sich der NSU zudem offenbar als eine Art Vorauskommando einer „arischen Befreiungsarmee“, deren Geschichte nach der Vernichtung der Feinde von den Überlebenden in Ehrfurcht gefeiert werden wird, was die Tatwaffen zu quasi religiösen Reliquien macht.“ Sowohl der NSU als auch „The Order“ hatten Waffen und Gegenstände aufbewahrt, die sie schwer belasteten. Laabs schreibt weiter: „Wenn die Mitglieder von „The Order“ morden wollten, dann musste das Opfer offenbar im Stile einer Exekution sterben – wie bei einem Ritualmord. Es sollte nur um den Akt des Tötens, nicht um Raub oder andere Motive gehen.“ [12]
The Order und die „Turner Diaries“ waren zweifellos eine Inspirationsquelle für den NSU. Die „Turner Diaries“ befanden sich auch auf den Computern von Ralf Wohlleben und André Eminger, die im November 2011 beschlagnahmt wurden.

Blood & Honour und die sogenannten Hammerskins erzählen die Geschichte von Robert Jay Matthews und The Order / Brüder Schweigen immer wieder. Das in England herausgegebene Magazin „Blood & Honour“ widmete Robert Jay Matthews 2013 (Ausgabe 48) einen einseitigen Nachruf und zitierte ihn mit den Worten: „I have been a good soldier, fearless soldier. I will die with honour und join my brothers in valhalla.“ Als am 26. Oktober 2014 der Neonazi Thomas Gerlach im Münchner NSU-Prozess in den Zeugenstand trat, trug der Angeklagte André Eminger ein Shirt mit der Aufschrift „Brüder schweigen – bis in den Tod“.

Terror von Combat 18

Combat 18, abgekürzt , war/ist das von Blood & Honour geschaffene und protegierte Label für den Untergrundkampf. war um 1992 in England aus einer Hooligan-Schlägertruppe im Umfeld der British National Party entstanden. Nach dem Tod des englischen B&H-Begründers Donaldson 1993 bei einem Autounfall versuchte C18 die Kontrolle über B&H an sich zu reißen und schuf ein neonazistisches Terrornetz, das nach innen und außen mörderisch wirkte. 1997 verschickten C18-Aktivisten aus England, Dänemark und Schweden Briefbomben an Prominente [13], eine Antifa-Gruppe und Konkurrenten im Rechtsrock-Business. Intern herrschte zu dieser Zeit ein Machtkampf zwischen Paul „Charlie“ Sargent und William Browning, die beide die Führung von C18 und somit von B&H England für sich reklamierten. 1997 ermordete Paul Sargent einen Gefolgsmann von Browning und wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Konzeptionell verschrieb sich Combat 18 dem Prinzip des Leaderless Resistance.
Der britische C18-Aussteiger Darren Wells gab an: „Zum Jahresende 1998 schlug jemand vor, dass ich nach Deutschland reisen sollte, um dort ein paar Bomben zu bauen und sie abzuschicken“. Der Plan wurde von ihm nicht umgesetzt. [14]
Im April 1999 verübte der Britische Neonazi David Copeland in London binnen dreizehn Tagen drei Bombenanschläge, die auf Homosexuelle, Schwarze und aus Bangladesh eingewanderte Menschen zielten. Dutzende Menschen erlitten schwere Verletzungen und bleibende Schäden. David Copeland gehörte zur Gruppe National Socialist Movement, die aus C18 hervorgegangen war, und muss somit als Aktivist von C18 gesehen werden. Copeland gab an, durch die „Turner Diaries“ zu den Anschlägen inspiriert worden zu sein. Am 29. September 2004 schickte Scotland Yard ein Dossier über Copeland und die Londoner Anschläge an die Kölner Polizei, da sie einen Zusammenhang der Anschläge in London und des NSU-Anschlags am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße für möglich hielten, zumal in beiden Fällen Nagelbomben eingesetzt wurden. Da Copeland zum Zeitpunkt des Keupstraße-Anschlags in Haft saß, konnte ihn die Kölner Polizei als Täter ausschließen. Sie nahm den Hinweis von Scotland Yard zu den Akten und suchte die TäterInnen weiter unter den Bewohner*innen der Keupstraße.

Zu Jahresanfang 2000 veröffentlichte der Norweger Erik Blücher, eine zentrale Figur von B&H Scandinavia, die Schrift „The Way Forward“, die schnell ins Deutsche übersetzt wurde. „Der Weg Vorwärts“ ist das B&H-Manifest des bewaffneten Kampfes. Es strotzt vor schwülstigem Pathos und antisemitischen Vernichtungsphantasien. Blücher benennt Combat 18 als „Armee von Blood & Honour“ und als „bewaffneter Arm der Blood & Honour-Bewegung“ und schließt mit den Worten: „Die Zeit des Geredes ist wirklich vorbei. Wir haben ein Stadium erreicht, in der jegliche Form der Aktion der Inaktivität vorzuziehen ist. […] Lasst uns unsere Schreibtische verlassen und das mulitkulti, multikriminelle Inferno von ZOG zerstören.“ ZOG steht für Zionist Occupation Government, die imaginierte jüdische Weltverschwörung. Der Begriff ZOG erfuhr seine Verbreitung durch die „Turner Diaries“.

Combat 18 in Deutschland

Das Fanzine und die Kameradschaft aus dem Raum Königs Wusterhausen, die Carsten Szczepanski zu dieser Zeit noch aus dem Gefängnis heraus dirigierte, machte sich ab 1996 eifrig daran, Combat 18 in der deutschen Szene zu etablieren. Als V-Mann des Verfassungsschutzes hatte er viele Freiheiten, aus dem Knast heraus zu wirken.
1997 planten Neonazis aus Königs Wusterhausen, Oranienburg, dem sächsischen Limbach-Oberfrohna und dem Sauerland (Nordrhein-Westfalen) die Herausgabe einer deutschen C18-Untergrundzeitung. Der Plan setzte sich offensichtlich nicht um, denn spätestens im Jahr 1997 erreichten die Konflikte des englischen C18 auch Deutschland und spalteten die Szene in einen Pro-Sargent, einen Pro-Browning und einen „neutralen“ Flügel.
United Skins stellte sich auf die Seite von Paul Sargent und dessen C18-Abspaltung National Socialist Alliance, die 1997 im National Socialist Movement aufging. Befreundete Personen und Gruppen, wie zum Beispiel das einflussreiche Hildesheimer B&H, rückten nun von United Skins ab. Ihr Chemnitzer Freundeskreis blieb den Neonazis aus Königs Wusterhausen weitgehend erhalten. Thomas Starke schrieb mehrfach für das United Skins und zur Ausgabe Nummer 13 im Jahr 1999 trug auch „Karline (Chemnitz)“ einen Artikel bei. „Karline“ ist der Szenename von Antje Probst. Eingeleitet wird diese Ausgabe mit einem Gruppenbild des englischen National Socialist Movement und einem Zitat von Earl Turner aus den „Turner Tagebüchern“: „[…] Nach unserer Einstellung haben die, die nur darauf bedacht sind ihr Leben zu genießen, in dieser Zeit des Kampfes auf Leben und Tod unserer Rasse, das Überleben nicht verdient. Laß sie ruhig sterben. Während wir diesen Krieg führen, werden wir uns bestimmt keine Gedanken um ihr Wohlergehen machen. Dieser Krieg wird immer mehr zu einem Fall bei dem man entweder voll auf unserer Seite steht oder gegen uns ist.

Zu dieser Zeit begann in Oberfranken der B&H-Funktionär Bernd Peruch das Label Combat 18 kommerziell auszubeuten. Gegen Peruch hegten das Chemnitzer (Post-)B&H und United Skins eine innige Abneigung. Peruch stellte sich auf die Seite von William Browning und des mit ihm verbündeten skandinavischen B&H. Der Streit, wer nun den „wahren“ C18 repräsentierte, belastete das gesamte deutsche B&H-Netzwerk. Es setzte sich nie eine Ebene durch, die Kraft ihrer Autorität oder Authentizität hätte durchsetzen können, wer sich des Namens „Combat 18“ bedienen dürfe. Die einen machten damit Geschäfte, andere gingen damit ins allgemeinkriminelle Milieu, andere meinten es ernst mit dem politischen „Untergrundkampf“ des C18. Und andere, wie Combat 18 Pinneberg, verbanden alles miteinander. Der schwedische B&H-Aussteiger Kim Fredriksson beschreibt C18 als Label für militante Aktionen des (schwedischen) B&H. Feste Mitgliedschaften habe es in Schweden nicht gegeben. Fredriksson: „Wir waren Blood & Honour, also waren wir auch Combat 18“. [15] Bernd Peruch, der die Neonaziszene um 2001 verließ und Einlassungen bei der Polizei machte, verwies ebenso darauf, dass der Name C18 frei verfügbar (gewesen) sei.
Andere sahen darin eine exklusive Organisation. So entstand Ende der 1990er Jahre die Situation, dass Peruch dem Szeneumfeld C18-Bekleidung verkaufte, die diesem – laut Aussagen von Peruch – keine 50 Kilometer weiter in Nürnberg von Christian W. und Christian K. wieder abgenommen wurden, da die TrägerInnen nach Ansicht von W. und K. nicht berechtigt gewesen seien, C18-Schriftzüge zu tragen. Christian W. war 2001 Lebensgefährte der Chemnitzer NSU-Unterstützerin Mandy Struck. Christian K. soll laut Peruch nach 2000 eine Combat 18-Gruppe im Raum Nürnberg angeführt haben, der 20 bis 30 Leute angehört haben sollen und die sich als „bewaffneter Arm“ von B&H konzipiert habe. Danach war Christian K. in der B&H-Nachfolgestruktur Division 28 aktiv. 2010 und 2011 fanden in einer Gaststätte in Nürnberg mindestens zwei Treffen einer Kameradschaft Südstadt mit 20 bis 30 Neonazis statt. Zeug*innen erkannten unter den Teilnehmenden nicht nur Christian K. – eine Zeugin legte sich nach polizeilicher Einschätzung „glaubhaft“ darauf fest, dass auch Andre Eminger an einem dieser Treffen teilgenommen habe.

Combat 18 wurde in Deutschland zu einem Schlachtruf – vor allem, aber nicht nur im Kampf gegen Linke – , dem sich jede/r bedienen konnte. Manchmal blieb es bei der Drohgebärde, wenn Neonazis die Häuser politischer Gegner mit C18-Symbolik beschmierten, doch der Schritt zur Aktion war oft nicht weit. Einige Beispiele: In Halle griffen zwischen 1998 und 2000 Neonazis einer C18-Gruppe, die aus dem hiesigen B&H heraus entstanden war, linke Wohnprojekte an. In Berlin bestand von 2000 bis 2001 eine Gruppe, die sich die Bombenbauanleitungen verschaffte, Sprengstoff-Anschläge gegen türkische und jüdische Einrichtungen plante und Morddrohungen verschickte, die mit „Combat 18 Berlin“ unterzeichnet waren. Im Raum Backnang (nord-östlich von Stuttgart) existierte um 2003 eine dreiköpfige Gruppe, die einen Molotow-Cocktail auf ein Wohnheim von Geflüchteten warf, eine Rohrbombe herzustellen versuchte und Staatsschutzbeamte unter dem Label C18 mit dem Tod bedrohte. Als der Neonazi Thomas Baumann aus Weil am Rhein im Jahr 2009 einen Bombenanschlag auf ein linkes Zentrum in Freiburg (Breisgau) plante, zeichnete er seine interne Kommunikation mit C18. Der Anschlag fand nicht statt, da eine antifaschistische Gruppe die Pläne entdeckt und öffentlich gemacht hatte.

Die Kreise um die Band

Die Hammerskins sind ein weiteres militantes Netzwerk mit einem Faible für den Untergrund und einem elitären Selbstverständnis. Den Hammerskins kommt heute zunehmend Bedeutung zu, auch deswegen, da sie nach der Zerschlagung von B&H-Nachfolgeorganisationen etliche Personen aus B&H-Kreisen aufgenommen haben, die politisch heimatlos geworden waren. Mit C18 in Deutschland hatten die Hammerskins lange Zeit ihre Probleme, zu selbstherrlich traten C18-Leute auf, zu frech formulierten diese Führungsansprüche. Seit 2011 herrscht weitgehend Friede. Malte Redeker, führender Hammerskin in Deutschland, schrieb in einer internen Mail am 5. Juli 2011 an seine „Brüder“ der Hammerskin Nation (HSN): „Das andere Gespräch fand zwischen mir und den deutschen Combat18 Leuten statt. Wie unlängst […] beschlossen wurde, hat sich die deutsche Grundeinstellung zum C18 (zumindest dem deutschen Flügel) gewandelt. Von einer passiven aber ablehnenden Haltung sind wir zu einer neutralen Haltung übergegangen. Es war einhellige Meinung, keinen Krieg mehr über 15 Jahre alte Geschichten zu führen. Das Gespräch wurde mir von Gottschalk und einigen Streetfighting Crew Leuten „gedrückt“, da die Jungs parallel zu uns zur selben Erkenntnis gekommen sind. Gottschalk hatte mir also 1 zu 1 dasselbe erzählt, was ich ihm eh ausrichten wollte. Das Gespräch war sehr aufschlussreich und verlief in sehr guter Atmosphäre. Es gibt keinen einzigen C18 Mann in Deutschland, der keine gute Beziehung zur HSN möchte. Wir müssen es jetzt ja nicht überstürzen mit Verbrüderungen, etc. Aber ist grundsätzlich mal gut zu hören, dass unser „Friedensangebot“ mehr als willkommen geheissen wird. Schauen wir also mal, dass wir die Oidoxie Jungs irgendwo mal spielen lassen.[…]“ Aus dieser Mail geht hervor, dass es noch im Jahr 2011 eine Struktur in Deutschland gab, die – immerhin von den Hammerskins – als „deutsches C18“ angesehen wurde: Die „Streetfighting Crew Leute“, die „Oidoxie Jungs“.

Die Musikband Oidoxie wurde 1995 vom Dortmunder Marko Gottschalk gegründet. In den 1990er stellte sie die Struktur von B&H im Ruhrgebiet. Oidoxie und die mit ihr „verbrüderten“ Band Weisse Wölfe (Sauerland) und Extressiv (Raum Werne) machte sich mit Songs wie „Terrormachine Combat 18“ (Oidoxie) und Texten wie „You know what I mean, hail, hail, hail the terrormachine, hail, hail, hail Combat 18“ (Weisse Wölfe) zum Sprachrohr des deutschen C18.
Um das Jahr 2003 entstand aus dem „Oidoxie-Saalschutz“ die Oidoxie Streetfighting Crew. Zunächst auf den Raum Dortmund beschränkt gründeten sich – autorisiert von den Dortmundern – „Crews“ auch in Kassel und in Schweden, wohin Gottschalk exzellente Kontakte pflegt. Kasseler Neonazis der „Nordhessen Crew“ stellten Bühnenordner beim Auftritt von Oidoxie am 17. September 2005 auf einem B&H-Konzert in Tschechien. Zu den Geburtstagspartys führender Kasseler „Crew-Member“ reisten in den Jahren 2006 und 2007 Oidoxie und/oder Extressiv an. Einzelne dieser Konzerte wurden von der Polizei verhindert, andere fanden statt. Am 18. März 2006 feierte „Crew-Member“ Stanley R. mit Oidoxie seinen Geburtstag in einem Rocker-Clubhaus in Kassel. Am 17.06.2006 spielten Oidoxie und Extressiv im Clubhaus auf der Geburtstagsfeier von „Crew-Member“ Michel F. vor 50 bis 100 geladenen Gästen.
Es ist signifikant: In der Oidoxie Streetfighting Crew gab es im Frühjahr 2006 eine innige Verbindung zwischen Kasseler und Dortmunder Neonazis, die sich als „deutsches Combat 18“ verstanden. Das Clubhaus in Kassel, in dem die Partys mit Oidoxie stattfanden, lag keine 20 Fußminuten von dem Internet-Cafe entfernt, in dem Halit Yozgat vom NSU ermordet wurde. Doch es gibt keine Gewissheit, dass diese Verbindung auch das Bindeglied zu den NSU-Morden an Halit Yozgat am 4. April 2006 in Kassel und an Mehmet Kubaşık am 4. April 2006 in Dortmund war.

Combat 18 in Dortmund

Im Jahr 2000 eskalierte in Nordrhein-Westfalen die neonazistische Gewalt: Am 14. Juni erschoss der Neonazi Michael Berger in Dortmund und Waltrop zwei Polizisten und eine Polizistin und richtete sich danach selbst. Am 27. Juli explodierte eine mit TNT gefüllte Rohrbombe am Düsseldorfer Bahnhof Wehrhahn und verletzte zehn Personen zum Teil lebensgefährlich. Bei den Opfern handelte es sich ausnahmslos um Migrant*innen, sechs davon mit jüdischem Hintergrund, die von einem Sprachkurs kamen. Am 15. Oktober fand die Polizei bei einem Einsatz in Bocholt beim Neonazi Markus N. eine Rohrbombe, die offensichtlich gegen Linke eingesetzt werden sollte. Markus N. kommt aus der Dortmunder Szene um Oidoxie.
Am 19. Januar 2001 folgte der NSU-Anschlag in einem Ladengeschäft in der Kölner Probsteigasse, der eine 19-jährige schwer verletzte.

Um das Jahr 2000 entdeckten Neonazis der Kameradschaft Dortmund und der Kameradschaft Essen für sich das Label „Combat 18“ und verstanden sich nun als eine C18-Gruppe. Die Kameradschaft Dortmund war weitgehend identisch mit dem engeren Kreis um Oidoxie, mehrere Mitglieder trugen „Combat 18“-Tätowierungen. Diese C18-Gruppe führte unter anderem Schießübungen durch, an denen auch Michael Berger teilnahm. Als dieser am 14. Juni 2000 zwei Polizisten und eine Polizistin erschoss, feierte ihn die Kameradschaft Dortmund mit einem Aufkleber: „Berger war ein Freund von uns! 3:1 für Deutschland“.

Im Jahr 2006 entstand aus der Oidoxie Streetfighting Crew erneut eine Kleingruppe, die Combat 18 umsetzen wollte. Mitglieder waren unter anderem Marko Gottschalk, der Dortmunder Robin Schmiemann und Sebastian Seemann aus Lünen. In der Gruppe kursierten die „Turner-Diaries“ und Schusswaffen, die von belgischen Neonazis von B&H Vlaanderen beschafft worden waren. Der Rechercheblog DerWesten schreibt, die Dortmunder Gruppe habe zeitweise mehrere Pumpguns und eine Maschinenpistole besessen und resümiert: „Nur mit Glück ist der große Knall einer rechtsradikalen Gewaltorgie in Dortmund ausgeblieben.“ [16]
Sebastian Seemann, der heute Sebastian W. heißt, war eine Schlüsselfigur der regionalen B&H-Szene. Er veranstaltete bis weit in die 2000er Jahre B&H-Konzerte in Belgien, war ein Waffennarr und bereits im Jahr 2006 im schwerkriminellen Milieu unterwegs. Die Neonazis um Seemann waren unter anderem Zuhälter, Waffenschieber und Drogenhändler. In einem Kokain-Deal 2007 kam ihm die Bielefelder Polizei auf die Spur, überwachte ihn und stellte fest, dass Seemann als V-Mann für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz arbeitete und von seinem V-Mann-Führer Warnungen vor Polizeiaktionen erhielt. Der Drogendeal platzte, der darin involvierte Robin Schmiemann schuldete Seemann mehrere tausend Euro und wurde von diesem gedrängt, das Geld aufzutreiben. „Er hat mir damals die Waffe in die Hand gedrückt und mich losgeschickt“, sagte Schmiemann später vor Gericht, nachdem er wegen der Schulden am 2. Februar 2007 in Dortmund einen Supermarkt überfallen und einen 60-jährigen Kunden migrantischer Herkunft mit Schüssen in Brust und Bein um ein Haar getötet hatte. Schmiemann wurde 2008 zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Der V-Mann Seemann erhielt 2008 in einem kaum mehr als zweistündigen Prozess ohne Zeugen und Beweisaufnahme aufgrund eines Deals zwischen Richter und Staatsanwalt eine milde Strafe von drei Jahren und neun Monaten Haft wegen Drogenhandels. Die Weitergabe der Waffe an Schmiemann und der illegale Besitz von acht Schusswaffen wurden nie verhandelt und verurteilt. [17]

Im Jahr 2013 wurde ein Briefkontakt zwischen Robin Schmiemann und Beate Zschäpe bekannt. Dieser fand im Frühjahr 2013 statt, alleine im März 2013 schickte Beate Zschäpe drei bis zu 26 Seiten lange Briefe und eine Karte an den im niederrheinischen Geldern inhaftierten Schmiemann. Darin gibt Zschäpe tiefe Einblicke in ihr Seelenleben, der Ton ist vertraut. Ein Hinweis darauf, dass sich die beiden schon zuvor kannten oder gemeinsam an einer Aktion mitgewirkt hatten, findet sich darin nicht. Doch auch ohne es voneinander gewusst haben zu müssen waren die beiden über Jahre miteinander verbunden gewesen: durch die Idee des „Leaderless Resistance“ und durch die Netzwerke von Blood & Honour und Combat 18.

Noch viele nicht erzählte Geschichten

Natürlich kann dieser Artikel nur einen Anriss geben über die vielfältigen Verschränkungen zwischen dem NSU und dem Netzwerk Blood & Honour. Es gibt viele weitere Spuren: So zum Beispiel in Kassel, wo der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme zum Zeitpunkt des NSU-Mordes an Halit Yozgat im Hinterzimmers des Internet-Cafés saß, in dem die Tat geschah. Und der dorthin aufbrach, nachdem er einen Anruf eines Kasseler Neonazis erhalten hatte, den er als V-Mann führte und der der Stiefbruder eines ehemaligen Kasseler B&H-Exponenten ist.[18] In Dortmund gab eine V-Person zu Protokoll, sie habe wenige Tage vor dem Mord an Mehmet Kubaşık Uwe Mundlos in Dortmund in Begleitung mit einem aus Brandenburg zugezogen „alten“ B&H-Aktivisten gesehen. [19] Wie glaubhaft sind diese Angaben? Die Informationen werden mehr, die Gewissheiten nicht.

Und der Neonazi-Untergrund lässt sich nicht auf das Netzwerk von Blood & Honour reduzieren. Die „Hammerskin Nation“ bietet ein ähnliches Bild: Morde und Anschläge, die von ihren Anhängern verübt wurden, Waffen, die von ihnen beschafft werden, die mystische Verehrung der Terrorgruppe The Order – und das alles noch ein Stück konspirativer und schwerer einzusehen als das Wirken von Blood & Honour. Auch von den Hammerskins findet man einige Spuren in den Kreis der UnterstützerInnen des NSU. Der Angeklagte im NSU-Prozess Andre Eminger stand den Hammerskins, die sich untereinander stets als „Brüder“ ansprechen, offenkundig ebenso nahe wie Blood & Honour. Als der Hammerskin Thomas Gerlach, von dem direkte Verbindungen zu etlichen Personen des NSU-Unterstützungskreises führen, im Oktober 2014 im Münchner NSU-Prozess als Zeuge auftrat, war wirklich nicht zu erwarten, dass er belastende Aussagen machen würde. Welche (doppelte?) Botschaft steckt also in dem Shirt „Brüder schweigen – bis in den Tod“, mit dem ihn Andre Eminger empfing? Neben der Anspielung auf die Terrorgruppe The Order / Brüder Schweigen auch das Bekenntnis von Andre Eminger zu den „Brüdern“ der Hammerskins? Die Verbindungen der Hammerskins zum NSU und anderen neonazistischen Terrorgruppen sind eine weitere Geschichte, die noch erzählt werden muss.

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Fußnoten:

[1]    „B&H-Konzert in Thüringen“, in: Blood & Honour Deutschland, Nr. 9, 2000
[2]    „Wie nah war V-Mann „2100/Hagel“ dem NSU-Trio?, Störungsmelder, 15.04.2015
[3]    Tatsächlich sollen laut Antje Probst (in ihrer Aussage als Zeugin im Münchner NSU-Prozess) um 1998 circa 20.000 DM in der Kasse der Konzerteinnahmen von B&H in Chemnitz/Sachsen gefehlt haben. Als gesichert gilt, dass zumindest ein Teil des Geldes zur Unterstützung des gesuchten Trios verwendet wurde. Vgl.: www.nsu-nebenklage.de/blog/tag/20-000-dm/
[4]    http://www.nsu-watch.info/2014/11/protokoll-162-verhandlungstag-20-november-2014/
[5]    Beschlussempfehlung und Bericht des 2. Untersuchungsausschuss, Deutscher Bundestag, Drucksache 17/14600, 22.08.2013, S. 157
[6]    „V-Mann Ralf Marschner“, Der Rechte Rand, Nr. 150, 2014
[7]    Hilde Sanft, Ulli Jentsch: Rechter Terror in der antifaschistischen Analyse, in Antifaschistisches Infoblatt Nr.105, Winter 2014
[8]    Antifaschistisches Infoblatt Nr.100, 2013: „Vom Kamerad zum Member. Blood & Honour trifft die Hells Angels auf der >Nordachse<“
[9]    Frontal21: Verbindungen des Zwickauer Terrornetzwerkes zu militanter Neonazi-Organisation, ZDF, 29.11.2011
[10]    „Mörderische Töne“, Weser-Kurier, 29.11.2011
[11]    „Combat 18“ inside!, Antifaschistisches Infoblatt Nr. 54, 2001
[12]    Dirk Laabs: „Der NSU, „The Order“ und die neue Art des Kampfes“, Antifaschistisches Infoblatt Nr. 105, 2014
[13]    Die Briefbomben richteten sich an weiße Prominente, die Schwarze Lebenspartner*innen hatten. Die Briefbomben wurden von der britischen Polizei, die Combat 18 bis in die höchsten Kreise unterwandert hatte und informiert war, abgefangen.
[14]    „Combat 18“ inside!, Antifaschistisches Infoblatt Nr. 54, 2001
[15]    Gespräch der Autor*innen mit Kim Fredriksson, Februar 2015
[16]    David Schraven: „Dortmunder Nazis: Combat 18-Zelle versorgte sich mit Waffen“, in DerWesten, 15. Mai 2012, http://www.derwesten-recherche.org/2012/05/3248/
[17]    Stephan Rauch: „Stets zu Diensten“, Lotta, Nr. 46, Winter 2011
[18]    Vgl. Andrea Röpke: „Der Nazi-V-Mann und der NSU“, in: Störungsmelder, 23. Februar 2015, http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2015/02/23/der-nazi-v-mann-und-der-nsu_18703
[19]    David Schraven: „Die rechte Terrorspur des NSU führt nach Dortmund“, in WAZ, 25.03.2013, http://www.derwesten.de/politik/die-rechte-terrorspur-fuehrt-nach-dortmund-id7766563.html

 

Tipps zum Weiterlesen:

White Noise – Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour – Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene, Hamburg/Münster 2001

Hilde Sanft, Ulli Jentsch: „Rechter Terror in der antifaschistischen Analyse“, in Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr.105, Winter 2014, http://www.nsu-watch.info/2015/01/rechter-terror-der-antifaschistischen-analyse/

Dirk Laabs: „Der NSU, >The Order< und die neue Art des Kampfes“, zuerst erschienen im Antifaschistisches Infoblatt (AIB), 04/2014, http://www.nsu-watch.info/2015/02/der-nsu-order-und-die-neue-art-des-kampfes/

Eike Sanders, Kevin Stützel, Klara Tymanova: „Taten und Worte – Neonazistische „Blaupausen“ des NSU“, http://www.nsu-watch.info/2014/10/taten-und-worte-neonazistische-blaupausen-des-nsu/

Hilde Sanft, Eike Sanders, Ulli Jentsch: „Reihenweise Einzeltäter. Die Behörden verhindern die Aufklärung des NSU-Netzwerkes“, in Monitor Nr. 66, Oktober 2014, www.apabiz.de/publikationen/monitor/Monitor_Nr66.pdf

Alex Hartinger, Thomas Sandberg, Michael Weiss: „Nur eine Gang von Vielen? Spurensuche im Netzwerk paramilitärischer deutscher Neonazis“, http://www.blog.schattenbericht.de/2011/12/nur-eine-gang-von-vielen/

„Vom Kamerad zum Member? Blood & Honour trifft die Hells Angels auf der »Nordachse«“,  Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr.100, 03/2013